Berlin - Die Uhr zeigt kurz nach zwölf, Freitagnacht. Noch zu früh oder doch längst zu spät für den Volksbühnen-Prater? Die halbsanierte Nebenspielstätte in der Kastanienallee scheint von außen zu ruhen, seit der Senat wegen Restitutionsunklarheiten einen Baustopp verhängt hat. Drinnen aber ist seit Oktober der Teufel los. Werden wir heute, nach zwei gescheiterten Versuchen endlich den großen Schluss der „John Gabriel Borkman“-Seance erleben, deren Premiere vor sechs Wochen bis sieben Uhr früh gegangen sein soll? Wir schafften in der dritten Vorstellung sechs Stunden, drei Wochen später achteinhalb. Werden wir diesmal herausfinden, wohin dieses uferlose Geister-Theater führt, dessen Verlauf nicht mal die Beteiligten selbst kennen, wenn sie abends beginnen? Jede Vorstellung ist anders, Ende offen. Was kostet das Durchstehen einer „Borkman“-Nacht die Künstler, die Bühnenarbeiter und die Zuschauer? Werden wir alle Splatter-Szenen, Anal-Bearbeitungen, Live-Urinirereien und Lärm-Attacken diesmal durchhalten − mit intellektuellen Gewinn? Seit seiner Premiere im Oktober sorgt das wahnwitzige Grenzüberschreitungsspiel des Vegard Vinge für nicht mehr gekannte Aufregung, für Neugier, Begeisterung, Missverständnisse, Abscheu, Inspiration und Grundsatzdiskussionen im deutschen Theaterleben. Es hilft nichts, wir müssen noch einmal hin und diesmal durch.

Ungreifbar allumfassend

Kurz nach der Premiere machte die „Bild“-Zeitung prompt das „perverseste Theater-Stück Berlins“ dingfest und verwandelte den Prater durch das neugierig gemachte „Bild“-Publikum für eins, zwei Vorstellungen in eine bierselig voyeuristische „Ballermann“-Dependance. Der Schmuddelspuk aber verschwand so schnell, wie er kam und gab den Raum glücklich wieder frei für jenen Spuk ganz anderer Art, den Vegard Vinge mit seinem ungreifbaren, allumfassenden Amalgamtheater aus Happening und Formstrenge, Textreue und Textverweigerung, Maschinenkunst und Geisterspiel, Comic und großer Oper aufreißt. Eine ungekannte Herausforderung für den Betrieb und seine alltägliche Funktionstüchtigkeit genauso, wie für das künstlerische Selbstverständnis, das immer wissen will: Ist das nun grandios oder grandioser Humbug? Ist das überhaupt noch Theater, was sich da abrackert? Im Grunde braucht es nicht mal Schauspieler, sondern Durchhaltekünstler, Konditions- und Konzentrationsartisten. Und wie können an die 50 Beteiligte elf Stunden lang einem Spielplan folgen, den nur einer kennt: Vinge?

Vegard Vinge − das ist der norwegische Regisseur, Hauptakteur und Alleinherrscher über das Ibsen-Imperium, das noch bis Ende Februar den Prater zu einer Kunstfestung macht und die zweiwöchentlichen Vorstellungen zu immer neuen Abenteuern. Man weiß nicht viel über ihn, außer, dass er 40 Jahre alt ist und vor sieben Jahren als Regieassistent in der Komischen Oper Berlins mitmischte. Wagner, Puccini und leerlaufende Operngesten gehören heute zum Grundbauplan seines Gesamtkunsttheaters. Vinges Ibsen-Erleuchtung begann 2006 in Oslo, wo er mit seiner Partnerin und Bühnenbildnerin Ida Müller ein „Off-off-off-Ibsen-Festival“ erfand, für das er „Nora“ in bunte Bild- und Endlosschleifen zerlegte. Es folgten die „Gespenster“ (2007), die gleich den norwegischen Kritikerpreis einheimsten und 2009, im Auftrag der Internationalen Festspiele Bergen, „Die Wildente“, deren dreiwöchige Nonstop-Variante im vergangenen Mai bereits hinter den Praterfenstern lief. Das gewachsene Interesse in Bergen löste auch gleich ein Skandälchen aus, denn der Festspieldirektor persönlich brach nach achteinhalb Stunden die Premiere ab, da kein Ende in Sicht kam und er um die tariflich festgelegte Arbeitszeit seiner Mitarbeiter fürchtete.