Es wird nie wieder so werden wie früher. Vor dieser Erkenntnis würde Vanetia Casey sich zwar gern drücken, sie merkt aber bald, dass das nicht geht. Sie muss sich der Tatsache stellen, dass ihr geliebter Mann Conor, der da aus dem Krankenhaus zurückkehrt, nicht mehr der alte ist. Nach einem Schlaganfall lag er im Koma, sein Gehirn wurde schwer geschädigt, seine Persönlichkeit hat sich stark verändert. Eigentlich ist es ein Wunder, dass er noch lebt. Und um dieses medizinische Wunder zu studieren und dessen Reintegration in die Familie zu beobachten, hat sich der amerikanische Wissenschaftler Dr. Ted Fielding bei den Caseys einquartiert. Das führt absehbar zu Turbulenzen.

„Voll und ganz und mittendrin“ ist Steph Greens Spielfilmdebüt, eine im irischen Kerry angesiedelte Familiengeschichte, die es sich mit den Problemen und Konflikten, die sie thematisiert, ein wenig zu leicht macht. Denn es dauert nicht lange, da spürt Vanetia ein starkes Ungenügen an dem neuen Conor. Sie sehnt sich nach dem fröhlichen Tischler, der er einmal war; sie sehnt sich nach der körperlichen Vertrautheit, die plötzlich unmöglich geworden ist. Statt ihres Mannes sitzt da einer, der sich aufführt wie ein bockiges Kind. Unfähig zudem, den gemeinsamen Sohn Lenny, der seine Homosexualität entdeckt, beim Coming-Out zu unterstützen.

Fehlkonzipiertes Musikvideo

Und auch Dr. Fielding findet es angesichts der krisenhaften Ereignisse, die seine Gastfamilie beuteln, zunehmend schwieriger, Objektivität zu wahren. Eines Abends kommen er und Vanetia einander näher, was Green vermittels einer mit netter Musik untermalten Montage verdeutlicht, die die beiden bei einer fröhlichen, nächtlichen Radfahrt zeigt. Leider bleibt es nicht bei dieser einen. Wann immer sie mit der Narration nicht weiterkommt, nimmt Green fortan Zuflucht zur musikalisch begleiteten Bildermontage. Am Ende wirkt „Voll und ganz und mittendrin“ wie ein monströs fehlkonzipiertes Musikvideo. Prinzipiell ist gegen das dramaturgische Mittel der emotionalen Verdichtung und zeitlichen Raffung mit Hilfe einer Montage nichts einzuwenden. Wird dieses Mittel allerdings im Übermaß eingesetzt, entsteht der Eindruck von Hilflosigkeit im Umgang mit dem Stoff. Schlimmer noch, von filmemacherischer Faulheit. Denn es entgeht Conor nicht, dass Vanetia ein Auge auf den Arzt geworfen hat.

Wie aber die Frau halten, wenn das Gehirn nicht mehr richtig funktioniert? Vanetia wiederum ist hin und her gerissen zwischen ihrem Verantwortungsgefühl und der neu gewonnenen Lebensfreude. Und Dr. Fielding hadert mit Pflichtbewusstsein und romantischen Gefühlen. Statt nun aber in Gesprächen miteinander nach Lösungen suchen zu dürfen, werden die Figuren immer wieder mit Popsongs mundtot gemacht und zu Komparsen in fotografischen Reihungen degradiert. Was dazu führt, dass man schließlich das Interesse gänzlich verliert, an diesem Beispiel harmonieseligen Wohlfühlkinos ohne tieferen Erkenntnisgewinn.

Voll und ganz und mittendrin (Run & Jump) Irland/Deutschland 2013. Regie: Steph Green, Drehbuch: Steph Green, Ailbhe Keogan, Kamera: Kevin Richey, Musik: Sebastian Pille, Darsteller: Maxine Peak, Will Forte, Edward MacLiam u. a.; 107 Minuten, Farbe.