Taner Sahintürk als Can: einmal auf der Leinwand und einmal am Boden. In der Mitte: Sesede Terziyan mit der Band. 
Foto: Maifoto/Ute Langkavel

BerlinNicht einmal hundert Leute passen wegen der Corona-Regeln derzeit ins Gorki-Theater, wo am Freitag die Saison mit „Berlin Oranienplatz“ eröffnet wurde. Jede zweite Reihe wurde ausgebaut, zwischen den verbliebenen Plätzen sind jeweils zwei Sessel abgehängt. Bis zu sechs Menschen, die einander so nahestehen, dass sie zum selben Virenbiotop gehören, dürfen auch nebeneinander sitzen. 

Unter Sicht- und Fläzaspekten ist das zugegebenermaßen gar nicht so unangenehm, zumal man im Sog dieser berührenden erzählerischen Inszenierung, in der es um Einsamkeit geht, ohnehin auf sich geworfen wird. Aber vor dem Moment des Applauses fürchtete man sich dann doch ein bisschen. Ohne Grund, wie sich dann herausstellte. Nicht nur, dass von Spärlichkeit nicht die Rede sein kann, zudem schien das Publikum dem Ensemble und dem Regieteam mit gesteigerter Verbindlichkeit, ja mit herzlicher Wucht zu danken. Ein schönes Ritual ist diese Klatscherei, wie einem bei dieser Gelegenheit mal wieder auffällt.

Empfang und Premierenparty mussten allerdings ausfallen, und es war schon brutal, wie schnell sich das Publikum auflöste und der Abend zu verpuffen schien. Aber es kann auch ein Vorteil sein, dass man sich den hinterlassenen Eindruck nicht gleich wieder abquatschen lässt beim Small-Talk. Gerade die Bilder dieses Abends von dem Theaterpoeten Hakan Savas Mican dürfen durchaus ein bisschen in Ruhe gelassen werden, bevor sie sich entfalten.

Can, genannt Gianni, ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er mit gefälschten Markenklamotten gehandelt hat. Mit dem auf diese Weise beschafften Kapitalstock ist es ihm gelungen, eine eigene Modemarke aufzubauen, mit Boutique auf dem Ku'damm. Eben noch spielte er mit dem Gedanken, zu expandieren und eine Filiale in New York zu eröffnen, da bricht alles zusammen.

Er lehnt an seinem 230er Mercedes, Baujahr 1982, gute deutsche Wertarbeit, und schaut zu den Zellenfenstern der Justizvollzugsanstalt Tegel. Der Knast als Fluchtpunkt einer verlorenen Orientierung – das ist der Bezug zu Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. Anders als Franz Biberkopf, der aus dem Gefängnis in die Haltlosigkeit der modernen Großstadt hineinstolpert, soll Can morgen einfahren. Die Stunden bis zum Haftantritt – falls er nicht doch ohne Wiederkehr nach Istanbul verschwindet – nutzt er, um Abschied von seinen Eltern zu nehmen, seinen Laden zu schließen, der Therapeutin zu danken, eine Verflossene und ihre kleine Familie und auch noch einmal die Moschee zu besuchen.

Der gut anderthalbstündige Abend wandert mit gemessenem Schritt ein Stationendrama mit geradezu gediegener Einheit von Zeit (24 Stunden) und Raum (Oranienplatz und Umgebung) ab. Dazu gibt es edlen und smarten, meist zurückhaltenden, dann wieder aufflammenden Jazz wie im französischen Kino der Sechziger (Musik: Jörg Gollasch). Ein Großteil des Geschehens spielt sich in vorproduzierten dichten Filmszenen ab, die das immer zwiespältige Berliner Heimatgefühl streicheln. Die Bühne ist weitgehend leer und wird in aller Bescheidenheit von der Live-Band beherrscht: Natalie Plöger (Kontrabass), Lizzy Scharnofske (Schlagzeug), Lukas Fröhlich (Trompete) und Peer Neumann (Klavier). Die Schauspielerinnen und Schauspieler tauchen wie zufällig auf und stehen eher verloren im Raum, ein bisschen wie auf der Straße: draußen. Ein goldenes Telefon hängt an der Wand, ein fernsteuerbarer Spielzeugmercedes steht herum und stößt am Ende mit einem trockenen Ton gegen die Rückwand, auf die der titelgebende Platz projiziert ist. Man kommt nicht rein, gehört nicht dazu.

Taner Sahintürk spielt diesen scheinbar so furchtlosen, stabilen und zupackenden Gianni, er zündet sich viele Zigaretten an, rückt oft seinen Hut zurecht und hat unzählige Sinniergesichter parat. Man muss schon ein bisschen hingucken, bis man sieht, dass er sich der eigenen Posenhaftigkeit bewusst zu werden beginnt. Viel sagen muss er dafür nicht. Bei den Begegnungen mit den anderen, die er mit seinem Auftauchen in den Beschäftigungen des Alltags stört, bleibt er seltsam unbeteiligt und registriert, mit einmal scharf gestelltem Blick, wie fiktional die Lebensentwürfe sind, wie weit sie sich von den Träumen entfernt haben und wie sinnlos all das Abrackern, Verstellen und Vormachen ist.

Das Tolle an Hakan Savas Mican und natürlich an dem Ensemble ist, dass keine dieser Figuren für dumm verkauft wird, weder die Eltern (Sema Poyraz und Falilou Seck) noch die Ukrainerin (Anastasia Gubareva), die für ihre Tochter ein Markenkleid ergattert, noch der alte Bandkumpel (Emre Aksizoglu), der mit seiner Vaterrolle das berufliche Versagen kompensiert, und erst recht nicht dessen Frau (Sesede Terziyan), die neben ihrer bescheidenen Karriere im Pflegeheim immerhin noch Musik macht und natürlich noch immer in Can verliebt ist. Sie legt eine Amy-Winehouse-Persiflage hin, die auf den ersten Blick und den ersten Ton verblüffend pur zu sein scheint, sich dann aber mit zunehmender Schärfe und Beherrschtheit vom Original entfernt. Zum Glück. Das Leben ist ein reicher Fake, die Suche nach der richtigen Rolle hört nicht auf. Nicht einmal im Knast. 

Berlin Oranienplatz, 30.8., 13., 29., 30.9., 19.30 Uhr im Gorki-Theater, Tel.: 20221115 oder www.gorki.de