Weil die Dame vom Ordnungsamt ihre Augen nicht überall haben kann, gibt es Bürger wie Herrn Schwiede, die sie gerne unterstützen.  
Foto: dpa

BerlinIn der Welt am Sonntag stand ein Text über einen früheren Fallschirmjäger. Seit 2016 meldet er Soldaten, die ihm verfassungsfeindlich erscheinen, an den Militärgeheimdienst. Inzwischen ist der Mann außer Dienst, berichtet aber weiter. Zu mehr als 100 Personen soll er schon „Hinweise gegeben“ haben. Seine Kameraden, klagte er in einem Fernsehinterview, hätten ihn deshalb geschnitten. Das Bundeswehr-Personalamt behauptet, dass viele seiner Anschuldigungen „übertrieben und haltlos“ seien. Es wollte den Unteroffizier deshalb sogar unehrenhaft entlassen. Doch das ändert nichts an seinem Credo, lieber einmal zu viel zu melden als einmal zu wenig.

Puh. Kompliziert. Die Bundeswehr hat ein Problem mit Rechtsradikalen. Waffen und Nazis, nix gut. Auch die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist womöglich auf die Wachsamkeit ehrenamtlicher Kundschafter angewiesen. Eine Einsicht in die Notwendigkeit ist bei mir vorhanden. Aber ich fürchte, wer die Nummer so durchzieht wie er hier, muss damit leben, dass nicht alle Leute seine Nähe suchen. Tut mir leid, das dürfte sich auch nie ändern. Zumal bei den Fallschirmjägern. Ich meine, man kann es nun Loyalität nennen oder als Korpsgeist verurteilen: Aber gerade Kollektive, bei denen es gelegentlich um Leben und Tod geht, funktionieren quasi naturgesetzlich tendenziell so oder im Ernstfall eher schlecht.

Doch auch unter Zivilisten genießt das Meldewesen einen Ruf, der seiner nationalen Tradition nicht entspricht. Mir fällt dazu Herr Schwiede ein, bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen, fast ein Berliner Original. Der Mann meldet sogar schon seit 20 Jahren Falschparker an Behörden. Längst dürften es Tausende sein, denen er zu Bußgeldern und Kraftfahrzeug-Umsetzungen verhalf. Auf YouTube gibt es Filme von seinen Inspektionstouren. Manche schimpfen ihn einen Wicht. Andere finden, er sei „ein deutscher Held“.

Auch schwierig. Einerseits ist es gut, dass Leute, die Fußgänger wie Radfahrer behindern und gefährden, nicht damit durchkommen – und dies nur, weil die Anzeige von Ordnungswidrigkeiten schlecht in die Tagesplanung ihrer Opfer passt. Ohne Gemeinsinn geht es nicht. Ich habe nie kapiert, warum in der gepflegten Berliner Scheißegalität gleich als Blockwart gilt, wer sich aufregt, wenn Nachbars Hund in die Rabatten kackt. Andererseits: Bei uns herrscht vormittags auf einer Straßenseite Parkverbot. Manchmal verpassen wir, den Wagen pünktlich umzuparken: um zehn Minuten oder so. Kämen die Müllmänner nicht durch und ließen unsere Kiste abschleppen, fände ich das okay. Wenn neben dem Auto jedoch Herr Schwiede stünde und mir, wie es seine Art ist, triumphierend mitteilte: „Polizei ist angefordert“, würde ich wohl emotional.

Erinnert sich noch jemand an die Filmsatire „Muxmäuschenstill“? – Herr Mux will die absolute öffentliche Ordnung. Allerdings meldet er gar nicht erst, sondern zieht gleich selbst zur Verantwortung, ohne Nachsicht gegenüber menschlichen Schwächen und unter Verzicht auf Angemessenheit. Das geht nicht gut aus. Herr Schwiede wiederum entdeckte neulich vor dem Morgengrauen an einer Grünanlage ein Wohnmobil. Selbstverständlich alarmierte er die Staatsmacht. Während Beamte die illegal Kampierenden aus dem Schlaf klopften, freute er sich auf Twitter mit einem Zwinker-Smiley: „4.50 Uhr: Zeit aufzustehen.“ Niemand war gefährdet. Es ging um die Regeln. Ein sehr deutscher Held.