Bronzefigur des britischen Sklavenhändlers Edward Colston, nachdem sie am Hafen von Bristol aus dem Wasser gezogen wurde.
Foto: Bristol City Council/AP/dpa 

BerlinÄsthetisch betrachtet ist es ein unheimliches Bild: Am Hals befestigte Schlingen reißen eine menschenförmige Statue von ihrem Sockel, Leute schleifen sie über die Straße und versenken sie jubelnd im Hafen. Was den Szenen von Bristol ihren revolutionären Wind einhaucht, ist der Kontext, dem sie entspringen. Sie sind ein Aufschrei gegen eine Ära der Ignoranz, des „Whitewashing“ der Geschichte. 

Die Bilder entstanden bei Black-Lives-Matter-Protesten in England. Bewogen hatte die Antirassisten, dass es sich bei der Statue um ein Abbild des Sklavenhändlers Edward Colston handelt. Colston war Teilhaber einer Handelsgesellschaft, die an der Versklavung von bis zu 100.000 Menschen beteiligt gewesen sein soll.

Der Bildersturm ist nicht nur Sachbeschädigung, sondern auch ein bedeutsames Symbol. Die Konturen, die sich an ihm abzeichnen, lassen darauf schließen, dass der Tod von George Floyd vielleicht eine wirkliche Zäsur darstellt. Immerhin fürchteten viele infolge der Veröffentlichung des Videos einen normalbetriebshaften Reaktionskreislauf. Dass es, wieder, wie im Fall von Tamir Rice, Eric Garner und all den vielen anderen viralen Videos rassistischer Gewalt, zu heftigen Protesten der schwarzen Community kommt. Dass die weiße Mehrheitsgesellschaft wieder dieselben Mitleidsbekundungen ausspricht. Dass wir wieder von vielen betroffenen Hashtags und Solidaritätsbekundungen auf Instagram überschwemmt werden. Dass sich am strukturellen Rassismus aber kaum etwas ändert.

Es mag die epistemische Wucht des Videos gewesen sein, in dem George Floyd über acht Minuten lang die Luft abgeschnürt wird. Die Proteste jedenfalls ebbten nicht so schnell ab wie oft zuvor. Die Diskussion über Alltagsrassismus, die sie neu entfachten, reicht gerade weit in den weißen Mainstream hinein und weit über die USA hinaus. Eine der Botschaften der Proteste lautet: Um Rassismus an der Wurzel zu packen, müssen wir auch alte Gewissheiten in Frage stellen. Für die Glorifizierung von Kolonialisten wie König Leopold II. in Belgien, Konföderierten-Soldaten in den USA oder Bildnisse von Christoph Kolumbus, in Form von Statuen und Denkmälern, ist in dieser Sicht kein Platz mehr.

Debatten über Ikonoklasmus haben eine lange Tradition. Zur Zeit der amerikanischen Revolution schmolzen Patrioten eine vergoldete Bleistatue von King George III. zu Munition, in Ost-Berlin zerlegten Arbeiter 1991 das 19-Meter-Granitdenkmal Lenins, in Bagdad zerstückelten Demonstranten 2003 das Bildnis Saddam Husseins. Denkmalstürze sind, wenngleich sie sich äußerlich einander ähneln, vor dem jeweiligen historischen Hintergrund zu bewerten. Gegenüber denen, die jetzt aber meinen, in der Zerstörung nichts anderes als rücksichtslose Geschichtsvergessenheit zu erkennen, stellt sich die Frage: Wird Erinnerung wirklich ausgelöscht, nur weil sie nicht öffentlich verewigt ist? Die Geschichte der Nazi-Monumente wäre das deutlichste Gegenbeispiel.

Es mag zwar stimmen, dass im Weltbild mancher Black-Lives-Matter-Vertreter ein Drang zur Eindeutigkeit liegt, der sich mit der Deutungsoffenheit der Kunstwelt nicht immer verträgt. Das zeigte die Debatte um das Gemälde „Open Cascet“ der weißen US-Malerin Dana Schutz, das 2017 unter großem Protest im Whitney-Museum ausgestellt wurde. Schutz eigne sich, so der Vorwurf, die schwarze Leidensgeschichte zur eigenen Wertsteigerung auf dem Kunstmarkt an. Sie  hatte den verstümmelten Körper von Emmett Till gemalt, gewissermaßen ein Vorläufer von George Floyd. Der schwarze Jugendliche wurde in den 50er-Jahren gelyncht. Es ist ein ähnliches Bedürfnis nach Eindeutigkeit, das auch Debatten um den Film „Vom Winde verweht“ bestimmt, wo die südstaatliche Vorbürgerkriegszeit romantisiert wird. Der Film wurde, quasi als Update in Sachen Geschichtsbewusstsein, kürzlich von HBO aus dem Programm verbannt.

In der Diskussion um gestürmte Statuen scheint der Punkt woanders zu liegen. Was ist eine Statue, was ein Denkmal? Anders als ein Kunstwerk handelt es sich dabei in der Regel nicht um geistigen Zündstoff, der neue Sinngebungen freilegt oder zum Nachdenken über die Welt anregt. Denkmäler sind relativ zweckgebunden und autonomiefrei. Sie stellen Dinge dar, die es wert sind, erinnert zu werden, und spiegeln so das historische Selbstverständnis einer Gesellschaft.

Ja, auch das kann kunstvoll sein. Man denke etwa an Dani Karavans Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin. Dass Denkmälern von Politikern auf Steinsockeln ein revisionistischer Gestus innewohnt, hängt eben nicht nur mit der oft veralteten Denkweise zusammen, die sie repräsentieren, sondern auch mit dem demonstrativen Gestus des Von-oben-herab ihrer Form.

Auch in Deutschland könnte man heute die Frage stellen, ob etwa die Bismarck-Denkmäler noch zeitgemäß sind. Bismarck leitete Ende des 19. Jahrhunderts die Aufteilung Afrikas unter den Kolonialmächten ein. Ist das mit unserem Selbstbild vereinbar? Man muss die Statuen ja nicht in die Spree werfen. Es gibt originellere Formen des Umgangs mit veralteten Denkmälern. Die Colston-Statue wurde inzwischen aus dem Wasser gefischt und soll jetzt ins Museum kommen. Oder man könnte dem Beispiel Bremens folgen: Da wurde das 1931 errichtete „Reichskolonialdenkmal“ schon 1989 zum „Antikolonialdenkmal“ umgewidmet. Dass jetzt eine Debatte über Denkmal- und Erinnerungspolitik geführt wird, ist nicht zuletzt der Black-Lives-Matter-Bewegung zu verdanken.