Barbara Göbel, Direktorin des Ibero-Amerikanischen Instituts, vor einem Gemälde des Generals Jose de San Martin. 
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BerlinIm Magazin des Ibero-Amerikanischen Instituts am Kulturforum befinden sich etwa 200 Skulpturen und Portraits von Feldherren, Künstlern, Wissenschaftlern, Literaten und Abenteurern, aber auch von Diktatoren wie Francisco Franco. „Kein gutes Karma, zu wissen, dass so etwas einmal in den Büros unserer Vorgänger stand. Aber das gehört eben mit zu unserer Geschichte“, konstatiert die Ethnologin Barbara Göbel. Seit fünfzehn Jahren ist sie Direktorin des IAI. Kürzlich wurde das Institut vom Wissenschaftsrat überaus freundlich begutachtet, während andere Teile der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – vor allem die Staatlichen Museen – herbe Kritik einstecken mussten. Das mag auch an einem Detail gelegen haben, das im IAI, diesem späten Kind der europäischen Kolonialpolitik, sofort auffällt: das kritische Nachdenken über die eigene Geschichte. Auf dem Regal der Direktorin steht eben keine Büste eines weißen Mannes, sondern die Kopie einer indigenen Keramik aus Nordwest-Argentinien.

Das IAI wurde gestern vor neunzig Jahren gegründet, am „Columbus-Tag“, der an die „Entdeckung“ Amerikas durch Christopher Kolumbus erinnert. Doch dieser sei, so Göbel, als Feiertag nicht mehr akzeptabel. Er erinnert schließlich nicht nur an die Zugehörigkeit zu einer Weltkultur, sondern auch an Kriege, Unterjochung, Völkermord und kulturellen Genozid von Alaska bis Feuerland, an Umweltzerstörung, Verrat, Ausbeutung und Versklavung.

Die Geschichte des Instituts verlief keineswegs bruchlos

All das war 1930 noch kein Thema, als im Marstall am Berliner Schlossplatz der preußische Staat die Erbschaft des argentinischen Gelehrten Ernesto Quesada in Empfang nahm: Eine mehr als 82.000 Bände umfassende Privatbibliothek über die Kultur der Spanisch und Portugiesisch sprechenden Welt. Es entstand die bedeutendste Hispanica-Sammlung dieser Art. Trotz schwerer Kriegsverluste ist sie inzwischen auf fast 1,1 Millionen Bände angewachsen, jedes Jahr kommen etwa 30.000 Titel hinzu. Mehr als 300 Nachlässe und 3.700 Zeitschriften zu allen möglichen Themen können dort eingesehen werden, drei Zeitschriften und mehrere Schriftenreihen gibt das IAI selbst heraus. Engagement über das normale Maß gehört dabei zum Alltag. Göbel spricht von einer „intrinsischen Begeisterung“, die notwendig sei, um den Apparat über alle Verwaltungstätigkeit in Bewegung zu bringen, ihn in produktive „Irritation“ zu versetzen.

Die Geschichte des IAI lief nicht ohne Brüche ab. Schon 1930 sollte die Bibliothek ein neues Beziehungsnetz aufbauen, um nach dem Verlust der Kolonien in Afrika, im Pazifik und in China der deutschen Wirtschaft sichere Exporträume und billige Rohstoffe zu garantieren. Nach 1933 wurde das IAI unter Wilhelm Faupel zum Erfüllungsgehilfen der nationalsozialistischen Kultur- und Außenpolitik, im Kalten Krieg setzte die DDR ihm das Rostocker Lateinamerika-Institut entgegen, während die Bundesrepublik das IAI nutzte, um in Südamerika eine größere Rolle zu spielen. Enge Kontakte zu dortigen Diktatoren inklusive.

Das hat sich radikal geändert: Seit 2016 fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft den „Fachinformationsdienst Lateinamerika, Karibik und Latino Studies“, der inzwischen auch für viele Journalisten in Lateinamerika unter dem Druck populistischer Regierungen von Links und Rechts zum wichtigen Recherchemittel geworden sei, so Göbel.

Göbel wehrt sich gegen die Umformung des Instituts

Sie muss mit ihrer ständigen Forderung nach Selbstertüchtigung anstrengend sein für Vorgesetzte und Kollegen, doch Göbel wird respektiert, das IAI ist in Lateinamerika, der Karibik, Spanien und Portugal hoch geachtet. Gerade in Zeiten der Krise werde es als „stabiler Anker“ erlebt. Trotzdem schlug der Wissenschaftsrat in seinem Gutachten zur Zukunft der Preußen-Stiftung vor, das IAI zu einem selbständigen Teil der Staatsbibliothek umzuformen und der Oberaufsicht des Bundes zu unterstellen.

„Nicht, so lange ich an diesem Tisch sitze“, sagt Göbel dazu. In Deutschland garantiere die Zugehörigkeit zur Preußen-Stiftung dem IAI Sichtbarkeit sowie kulturpolitischen Einfluss und den Zugang zu Drittmitteln. Und in Spanien oder Lateinamerika verschaffe das IAI der Preußen-Stiftung Renommee: „Wenn dort gesagt wird: Zur Stiftung gehört auch das Instituto Iberoamericano – dann wissen spanisch- und portugiesischsprachige Politiker sofort, wovon die Rede ist.“ Ein Vertrauen, das vor allem auf einem aufbaue: Dem Willen des IAI, „unsere“ Schätze zugänglich zu machen, zu fragen: Wie teilen wir das? Ohne daraus Rechtsansprüche abzuleiten.

Die Autonomie des IAI sei gerade sein großes Pfund, seine drei Säulen Bibliothek, Forschungsinstitut und Kulturarbeit. Genau eine solche Autonomie sieht sie auch als das zentrale Mittel an, damit die anderen Institutionen der Preußen-Stiftung wieder aktiver, auch sichtbarer würden. „Irritation“ sei etwas Gutes, Notwendiges, so Göbel, der „Mut zur Verunsicherung“, die Kraft zur „Durchlässigkeit“. In der auf steilen Hierarchien und starken Abteilungsgrenzen aufgebauten Preußen-Stiftung ist das fast schon die Aufforderung zur Revolution.