Ein tatsächlicher Flickenteppich, entstanden in Peru an der Schwelle vom 8. zum 9. Jahrhundert – und immer noch haltbar.
Foto:  Imago/Artokoloro

BerlinDie Nachrichten und Kommentare werden dieser Tage von wiederkehrenden Formulierungen geprägt. Wir haben uns einige genauer angeschaut: Übersterblichkeit, Bleiben Sie gesund!, Abstand, Maskenzwang, Lockerungen, Herdenimmunität, Geisterspiele und Flickenteppich.

Übersterblichkeit

Exponentielles Wachstum, Reproduktionsrate, Fallzahlen – schneller noch als das Virus hat sich das statistische Wissen verbreitet oder doch die Ahnung von dessen einschüchternder Bedeutung. So begegnen wir nun auch dem Tod in Gestalt von Tabellen und Diagrammen. Und manchmal auch in Form von verräterischen Wortschöpfungen. Übersterblichkeit nennen Statistiker das Phänomen, dass durch die Corona-Epidemie mehr Menschen als gewöhnlich sterben.

Aus statistischer Sicht stellt der Tod keine einzigartige Grenzerfahrung dar. Vielmehr wird er als berechenbare Größe registriert, und der Begriff Übersterblichkeit kennzeichnet aus dieser Sicht eine auffällige Anomalie. Der Tod an sich ist nicht schrecklich, er nimmt bloß zu. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti hat sein ganzes Werk als Widerspruch zu dieser Haltung in Stellung gebracht. „Es beginnt damit, dass man die Toten zählt“, lautet der erste Satz aus dem nachgelassenen „Buch gegen den Tod“.

Im bloßen Zählen der Toten, sei es nach Verkehrsunfällen, Anschlägen oder kriegerischen Auseinandersetzungen, so Canetti, tötet man die Menschen ein weiteres Mal, indem man sie auf ein statistisches Merkmal reduziert. Canettis dichterisches Bestreben bestand indes darin, das einzelne Leben ins Werk zu retten. In diesem Sinne mangelt es derzeit nicht nur an ausreichendem Schutz gegen das Virus, sondern auch an sprachlicher Sensibilität. Harry Nutt

Bleiben Sie gesund!

Bleiben Sie gesund, so verabschiedet mich der Moderator der „heute“-Sendung in den Abend. Er weiß nicht, dass ich da bin, aber ich fühle mich gemeint. Bleiben Sie gesund!, beendet die mir flüchtig bekannte Pressereferentin eines Verlags die E-Mail, und es liest sich nicht wie eine Floskel. Bleiben Sie gesund, sagt der Vermieter im Hof. Es scheint mir, als denke er dabei nicht an das Geld, das ich für die Wohnung verdienen muss. Noch nie haben so oft fremde Menschen Gespräche und Mail-Wechsel mit diesem Satz beendet. Er wirkt mehr von Herzen kommend als die „herzlichen Grüße“, die viele Menschen standardmäßig in ihrer E-Mail-Signatur haben.  

Der körperliche Zustand ist Privatsache, solange es sich nicht um eine meldepflichtige, hochansteckende Krankheit handelt. Deshalb erhält mit der Krankschreibung nur die Krankenkasse die Diagnose des Arztes, nicht aber der Arbeitgeber. Anders verhält es sich im privaten Umfeld, da sagt man sich schon, woran man gerade laboriert.

Die Wünsche der Fremden mögen eine Grenze überschreiten, weil sie den Körper betreffen. Doch in dieser Zeit, in der aus Sorge vor Ansteckung Grenzen sonst immer nur gezogen werden, zeigt dieser Übertritt: Unsere Gesellschaft ist freundlicher geworden unter dem Eindruck des Virus. Cornelia Geißler

Abstand

Zum Anstand gehört jetzt Abstand. 1,5 Meter sind im öffentlichen Leben erwünscht, was zu ganz und gar übersichtlichen Verhaltensformen führt. Kein Geknäule mehr vor irgendwelchen Eingängen, kein In-die-Hacken-Treten oder Wegdrängen, alles transparent, wenn man so will. Und statisch. Wie Pfosten stehen die Menschen in all den Warteschlangen, aufrecht und akkurat in Linie. Man hätte Lust, noch einmal ein Kinderfahrrad lenken zu können und durch diesen Parcours hindurchzukurven.

„Abstand“ ist ja ein Wort mit einer Richtung. Das, was nach dem Abstand stattfindet, ist das Gute. Das, wovon Abstand genommen werden soll, das Schlechte. Das mit Abstand beste Ergebnis. Mindestabstand halten (es darf gerne mehr sein). Aber auch Abstand bezahlen, für etwas Zurückgelassenes, das zumeist schon etwas abgestanden ist. Jetzt aber: Abstand nach allen Seiten. Man ist Meidende und Gemiedene zugleich. Jeder begrenzt durch sein schieres Dasein den Radius des anderen. Was zuweilen tänzerisch ausagiert wird. Rechts oder links? Vor oder zurück?

Ein Abstandshalter wäre gut, so eine Art Plastikstrahlenkranz vielleicht, den man sich um die Brust schnallt. Man könnte eine Buchhalterung daran anbringen für die Lesezeit beim Warten. Damit würde man sich unter den Anstehenden mit Abstand nach vorne bringen. Bildlich gesprochen natürlich nur. Petra Kohse

Maskenzwang

Als die Berliner Mikrobiologin Regine Hengge ihre Kollegen Wieler und Drosten fragte, ob sie den Menschen raten würden, wie in den vielen asiatischen Ländern einen Mundschutz zu tragen, bekam sie ein „Ja, aber“ zur Antwort. Das war am 18. März. Das Aber hieß: Deutschland habe nicht genügend Masken. Es dürfe kein Konkurrenzdruck zum medizinischen Bereich erzeugt werden.

Hengge entwickelte eine Instagram-Kampagne fürs Maskennähen @we_can_ stop_corona und reichte sie beim UN-Wettbewerb für kreative Ideen gegen die Ansteckung ein. Wissenschaftler und Politiker in Deutschland haben lange gebraucht, bis sie sich zur Empfehlung durchrangen, in einigen Bereichen Mundschutz zu tragen. Bis zur Maskenpflicht im Einzelhandel und in öffentlichen Verkehrsmitteln dauerte es noch einmal.

„Maskenzwang“ aber gibt es bloß im Karneval. Nur wenn man anderen zu nahe kommen kann, bei Einkauf oder gemeinsamer Fahrt, soll man die Atemwege bedecken. Das tut nicht weh und schützt die Mitmenschen. Und so ist ein kreatives Feld eröffnet: Ein Designerlabel lässt freundliches Lächeln auf den Mundschutz drucken, „I warmly smile under this mask“, Masken mit dem Schriftzug „Leave No One Behind“ unterstützen Flüchtlingsinitiativen und Obdachlosenhilfe. Cornelia Geißler

Lockerungen

Lockerung gibt es nicht an sich, sie muss sich immer auf etwas beziehen. Schrauben können sich lockern, und wer sich locker macht, versucht einer angespannten Situation zumindest für den Moment zu entkommen. Ein Muskel, der unter permanenter Anspannung steht, droht zu zerreißen. Für den Sportler sind Lockerungsübungen denn auch eine wichtige Vorbereitung auf den heiligen Ernst seines Tuns. Der Körper kann fit gehalten und auf ein bestimmtes Ziel hin trainiert werden. Sportliches Gelingen aber vollzieht sich in scheinbarer Leichtigkeit, der man die vorausgegangen Anstrengungen nicht anmerkt. Trotzdem ahnt jeder, dass die Aufforderung, sich locker zu machen, eine paradoxe Intervention darstellt.

Entspannung kann man nicht verordnen und Lockerungen, die als politisches Ziel ausgegeben werden, verbergen ihren zwanghaften Charakter nur schwach. Die Lockerungen, über die derzeit in der Corona-Krise gesprochen wird, können auch als fortgesetzte Schließung aufgefasst werden. In der Geschichte gesellschaftlicher Informalisierung wurden Zugewinne an Freiheit fast immer von unten erkämpft. Corona, das ist die noch weitgehend unbeachtete Seite des gegenwärtigen Dramas, verändert die Verhältnisse von Druck und Gegendruck, Macht und Vernunft. Harry Nutt

Herdenimmunität

Der animalistische Begriff für Ansammlungen von pflanzenfressenden Nutz- und Wildtieren wie Kühen, Pferden, Schafen oder Elefanten. Als einstiges Versuchskaninchen dieses Verfahrens kann ich – Nachkriegskind in einer abgelegenen Gebirgsgegend – ein Lied davon singen. Auf dem Bauernhof meiner Patentante, der für mich ein halbes Zuhause war, gab es neben einer Herde Milchkühe auch viele Kinder und damit Kinderkrankheiten. Den widerlich schmeckenden Lebertran gegen die Rachitis hatten wir intus, die Anti-Polio-Tropfen auf Würfelzucker ebenso. Und die vernarbte Ritzung wider die Pocken zierte die Oberarme. Gegen weitere irdische Plagen wie etwa Röteln und Windpocken aber gab es damals nur diese eine rigide und im Falle der Masern, wie man heute weiß, lebensgefährliche Methode: Herdenimmunität.

Masern blieben mir erspart. Aber die als eher harmlos geltenden Windpocken suchten uns heim. Man steckte auch die Geschwister für Tage in Betten in nur einem abgedunkelten Raum, wir bekamen Süßigkeiten und von Müttern im Schichtdienst Geschichten vorgelesen. Unsere Eltern mussten aufs Feld, die Ernte einbringen, und wir sollten resistent werden, möglichst alle in einem Aufwasch. Vom Gelingen des Experiments zeugten dann etliche kreisrunde Narben auf Stirn, Wangen, Nasen. Die sind mittlerweile verschwunden; eine blieb mir als Erinnerung auf dem Knie. Ingeborg Ruthe

Geisterspiele

Ein tiefsinniger Kollege aus der Sportredaktion hat den Begriff zum Theaterkritiker durchgereicht, vielen Dank! Mit Geisterspielen sind Fußballspiele vor hygienisch leeren Zuschauertribünen gemeint, aber es höre sich doch auch nach einem Shakespeare-Stück an, sagt er. Wenn man so will, ist jedes Drama ein Spiel von immateriellen Bedeutungsträgern, die sich in Schauspielerleibern verkörpern. Figuren sind erst einmal nichts als im Text eingefrorene Geister, die im Spiel auf der Bühne auftauen, zum Leben erwachen. Ein Wunder! Wenn jemand handlungshalber sterben muss, wiederaufersteht sie oder er immerhin körperlich beim Schlussapplaus.

Um das Publikum auch in Corona-Zeiten zu erreichen, ohne es zu gefährden, streamt man jetzt allerorten: Die fleischgewordenen Geister werden für die in aller Welt verstreuten Bildschirme zu körperlosen Bildern heruntergerechnet, die sich praktischerweise als Datenpakete in Lichtgeschwindigkeit verschicken, aber auch einfrieren und konservieren lassen. Gefährlich werden diese Geister aber erst, wenn man Träume streamen kann. Ulrich Seidler

Flickenteppich

Einer der meistgebrauchten Begriffe in der gegenwärtigen Krise stammt aus einem eher medizinfernen Fachgebiet. Es handelt sich um den Flickenteppich. Der Flickenteppich ist in den letzten Wochen und Monaten zum Synonym für ein diagnostiziertes oder auch nur vermutetes Politikversagen geworden. Ob Interview, Talkshow oder Bundestag, stets wird das Wort Flickenteppich von den Protagonisten mit einem mahnenden, oft auch anklagenden Unterton ausgestoßen. Je nach Temperament. Was ist denn das schon wieder für ein Flickenteppich, meine Damen und Herren! Bemerkenswert ist dabei die Emphase, mit der hier der Flickenteppich von den Rednerinnen und Rednern über die Debatte gerollt wird. Als hätten sie da gerade eine Superformulierung gefunden.

Es ist an der Zeit, den Flickenteppich zu rehabilitieren, bevor er noch zum Schimpfwort des Jahres wird. Handelt es sich dabei doch um ein nicht nur praktisches, sondern auch nachhaltiges Wohntextil. So sagt es das Lexikon: „Gewebt wird auf zweischäftigen Webstühlen in Schussrips, wodurch die schnurartigen Kettfäden fast unsichtbar werden und das Gewebe besonders strapazierfähig wird. Als Schuss wird ein langer, zusammengenähter Stoffstreifen aus verschiedenen Reststücken (den Flicken oder Flecken) verwendet.“

Die technischen Details mal beiseite, lässt eine Passage dieses Eintrags doch sehr aufhorchen: besonders strapazierfähig. Wenn der Flickenteppich als besonders strapazierfähig eingeschätzt wird, dann ist es in der jetzigen Lage vielleicht gar keine schlechte Idee, seinem Konzept zu vertrauen. Frank Junghänel