Fotos von Arbeiterinnen aus der Serie „VEB Treffmodelle Textilfabrik Berlin“, 1984.
Foto: Helga Paris

Berlin- Geradezu liebevoll richtete Helga Paris ihre Kamera auf die zutraulichen, schüchternen bis selbstbewussten Arbeiterinnen des VEB Treffmodelle Prenzlauer Berg in ihren geblümten Kittelschürzen. Die Dunkelhaarige sitzt im Pausenraum mit der abgewetzten Tapete und raucht. Die Zigarettenschachtel und der Aschenbecher sind lakonische Accessoires – auf dem Tisch liegt oder steht sonst nichts, weder etwas zu trinken, zu essen noch etwas zu lesen. Die junge Näherin blickt leicht seitwärts, ein wenig gedankenverloren. Ein Rätsel, was sie denkt.

Ganz anders die junge Blonde vor dem transportablen Kleiderständer, auf dem dunkle Mäntel hängen. Ihr direkter und offener Blick, der Stift in der Rechten, mit dem sie geübt registriert, was aus der Produktion in den Versand geht (das meiste davon wurde in die damalige Sowjetunion exportiert) und ihre Haltung besagen: Sie hat die Übersicht. Die heute 82-jährige Helga Paris, die schon damals nahe des nach der Wende geschlossenen Bekleidungs-Kombinats in Prenzlauer Berg wohnte, fotografierte in den 80er-Jahren Dutzende Textilarbeiterinnen. Es wurden Aufnahmen von eigenwilliger Melancholie.

Es ist eine besondere Geste der Fotogalerie Kicken, diese Arbeiterinnen-Porträts aus dem verschwundenen Land jetzt unmittelbar vor dem 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung auszustellen. Diese behutsame, immer die nötigen Zentimeter Distanz wahrende und mit Geduld gepaarte Hartnäckigkeit hat Helga Paris’ Menschenbilder hervorgebracht. Es ist eine starke und zugleich sensible Porträtkunst, die keiner stilbildenden Fotoschule entsprungen ist, keinem Trend folgt. Eine Fotokunst, die aus Menschenliebe entsteht. Solch ein Kamerablick vermag durchzudringen durch die alltäglichen Verschüttungen, Verwerfungen und Verkrustungen. Und auch die Oberflächlichkeiten. Dieser Blick sagt: „Von da komm’ ich her. Hier kenn’ ich mich aus.“

Dieser Blick holt den Einzelnen heraus aus der Masse und gibt ihm eine Persönlichkeit. Helga Paris redete immer zuerst mit den Leuten, die sie für ein Foto gewinnen wollte. Waren sie einverstanden, verloren sie das Misstrauen. Paris’ Kamera erforschte ihre Gesichter, ihre Gesten. Man kann sehen, wie es den Frauen gerade zumute war. Auch den Müllkutschern, den Kohlemännern, dem Bäcker und dem Metzger, den Kellnern in der Kiezkneipe. Und selbst den Kindern, die auf dem Bürgersteig Indianer spielten. Paris hat sie alle kunstwürdig gemacht.

Es waren vor allem die kleinen Leute und auch die Prominenten aus der Welt der Kunst, des Theaters, der Literatur – wie Sarah Kirsch und Christa Wolf. Und auch die zärtlichen Porträts der Nachbarn von damals, im Winsviertel. Helga Paris, die ihre Kamera inzwischen beiseite gelegt hat, war und bleibt eine ungeschlagene Meisterin der poetischen Tristesse. Alles, was wir sehen, hat mit ihrem eigenen Leben in Ost-Berlin, in der DDR, zu tun.

Helga Paris: Notizen, Kicken Berlin, Kaiserdamm 118. Bis 18. Dezember, Di–Fr 14–18 Uhr.