Hannover Ein sarkastisches Sprichwort sagt: „Wenn man mit dem Schenken anfängt, ist die Freundschaft bald zu Ende.“ Möglicherweise ist das die unumstößliche Meinung eines einzelnen Herrn aus der Marktkirchengemeinde Hannover. Er heiß Georg Bissen, ist der Erbe des Architekten Dieter Oesterlen, der einst für den Wiederaufbau der zerstörten Marktkirche nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich war. Und er scheint die Freundschaft mit Altkanzler Gerhard Schröder – und dessen Freundschaftsgeschenk an die Kirche, ein neues Buntglasfenster – partout nicht zu wollen. Schröder nämlich möchte das Kunstwerk mit großer Geste der Marktkirche und damit seiner Stadt Hannover spendieren, so als Stifter in die Geschichte eingehen. 

Der Kirchenvorstand der Evangelisch-Lutherischen Gemeinde hat die Annahme der Morgengabe allerdings längst beschlossen. Bissen aber ist strikt dagegen: Sein Stiefvater habe eine großartige Atmosphäre von Schlichtheit und Geschlossenheit geschaffen, sagt er und beruft sich auf das Urheberrecht des Architekten Oesterlen. Die Marktkirchen-Verantwortlichen wollten „diese Atmosphäre verändern“, indem sie das Fenster des Künstlers Markus Lüpertz einbauen lassen.

Man könnte auch vermuten, der Mann habe etwas gegen Lüpertz, seines Zeichens einer der letzten großen Malerfürsten der alten Bundesrepublik und Dutzfreund von Altkanzler und Putin-Freund Schröder. Der inzwischen 79-jährige Maler stellte das 13 Meter hohe Glasfenster zum Thema Reformation, mit Szenen aus dem Leben Martin Luthers, schon vor Jahren fertig; es sollte auch längst eingebaut werden. Aber das Veto Georg Bissens hat das bislang verhindert. Der Streit lodert. Am Mittwoch verschaffte sich die 18. Zivilkammer des Landgerichts Hannover bei einem Ortstermin einen Eindruck von der künstlerischen Gestaltung der Kirche, die immerhin als ein Wahrzeichen der niedersächsischen Landeshauptstadt gilt. Minutiös wurden das Inventar, die Kunstwerke und das Licht im Innenraum protokolliert. Und Gerhard Schröders großspurige Mäzenen-Geste entwickelt sich quasi zur Provinzposse.

Der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz, in diesem Falle zwischen die fatalen Streit-Fronten geraten, hat Erfahrung mit Kirchenfensterkunst; und er kann sich derweil anderweitig einschreiben in die Kirchenkunstgeschichte und so Gerichtsurteil von Hannover gelassen abwarten. In der Kapelle der Brauer der Kölner Dominikanerkirche St. Andreas prangt ein farbenfrohes Fenster von ihm, zehn weitere folgen, schmücken dann das Langhaus und die Vorhalle. Schon vor zehn Jahren wurden in den beiden Querhäusern, im Marien- und Machabäerchor des romanischen Gotteshauses, zwölf seiner modernen Farbglasfenster eingebaut. „Malen mit Licht“ , so beschreibt Lüpertz die traditionsreiche, auch botschaftsstarke Technik und Stilistik der Kirchenglaskunst. In ihr lebe die Kirche ihre Mysterien. Es sei „Kunst für die Ewigkeit“.