Haben Sie auch Freunde, in deren Gegenwart Sie sich immer fühlen, als wären Sie ein Kind oder eine Spaßbremse oder hätten eine geheime Bringschuld? Die Leute sind aufgeschlossen, suchen Ihre Nähe, man kann nirgendwo den Finger auf eine Verfehlung legen. Und doch kommt man sich mit ihnen falsch vor. Wie in eine Rolle gedrängt. Deswegen nenne ich diese Art von Energieräubern die Regisseure.

Auch andere Energieräuber sind manipulativ. Der Glücksritter jagt einem immerzu den Gesprächsball ab, der Schwimmer nimmt einen mit seinem verbalen Dauergepaddel als Publikum in Geiselhaft. Der Regisseur jedoch ist subtiler. Er täuscht persönliches Interesse vor, hört auch zu, bringt aber eine so große Erwartungshaltung und eigene Bedürftigkeit mit in den Kontakt, dass sich das gewünschte Rollenbild quasi selbsttätig im Raum entfaltet und Sie gar nicht anders können, als sich hineinzuzwängen.

Ich habe eine Bekannte, die bei allem, was ich sage, lacht. Das ist schön, wer ist nicht gerne lustig, aber plötzlich ist man am Rad der Witzmaschine festgekettet und dreht und dreht. Eine andere dramatisiert jede Winzigkeit ihres Lebens derart, dass man automatisch in den Beschwichtigungsmodus gerät und sich als humorlose Bürokratin des Daseins erfährt. Natürlich muss die in einem drinsitzen, sonst könnte sie sich nicht zeigen. Aber im Kontakt mit Regisseuren ist man oft nur noch auf einen einzigen Wesenszug reduziert und selbst, wenn es einer der angenehmeren sein sollte, möchte man sich im Alltag doch gerne als ganze Person erfahren.

Nur weil man gecastet wird, muss man noch lange nicht mitspielen

Regisseure sind selbst oft nicht authentisch in ihrem Auftreten und brauchen für das, was sie performen, Rollenpartner, wer könnte es ihnen verdenken. Aber nur weil man gecastet wird, muss man noch lange nicht mitspielen. Handelt es sich um Freunde, lohnt es sich, das Unwohlsein zu thematisieren. „Ich fühle mich bei dir gerade so, als ob ... “ – schwupps ist man auf Augenhöhe und schreibt wieder am eigenen Skript. Sind es keine Freunde, kennen Sie ja meine Haltung: Fernhalten! Aber ich bin ja sowieso nicht so der gesellige Typ.

Tatsächlich gehören zu einem toxischen Kontakt immer zwei. Einer, der das Gift anbietet, und ein anderer, der es schluckt. „Kollusion“ nennt man es in der Paartherapie, wenn zwei neurotische Dispositionen im Schlüssel-Schloss-Prinzip ineinandergreifen. Rechtlich ist damit interessanterweise ein gemeinsames Vorgehen zweier Parteien zum Schaden eines Dritten gemeint, was in unserem Kontext gar nicht so realitätsfern ist. Denn toxische Zweierkonstellationen streben tendenziell nach Öffentlichkeit. Sei es, dass die Tante den Onkel im Familienkreis herunterputzt und alle sich für seine Duldsamkeit fremdschämen, oder dass eine Freundin allabendlich auf einer anderen Couch sitzt, um sich ihr häusliches Elend von der Seele zu reden.

Das ist das Dominoprinzip des Energieräubertums: Saugst du mich aus, sauge ich den nächsten aus. Oder haben Sie noch nie jemanden verbal angefahren, der an Ihrem Elend gar nicht schuld war? Nicht jeder hat die Weisheit, vor dem Nachhausegehen im Park zu meditieren. Und so ist ein toxisches Angebot letztlich vor allem eine Aufforderung, es abzulehnen. Nicht dankend, aber unbedingt lächelnd. Gut auszusehen ist am Set schließlich schon immer das Wichtigste gewesen.