Am Morgen des 11. Mai wurde Schirin Abu Akleh erschossen. Abu Akleh war eine angesehene palästinensisch-amerikanische Reporterin. Israelische Soldaten hatten nach dem Terroranschlag in der Vorwoche in Elad eine Razzia in Dschenin durchgeführt – es kam zu einem Schusswechsel zwischen ihnen und militanten Palästinensern. Eine Kugel drang Abu Akleh zwischen Schutzweste und Helm in den Hals ein und tötete sie auf der Stelle. Schnell stellte sich die Frage: War sie Opfer der Israelis? Oder einer Fehlzündung eines palästinensischen Kämpfers?

Die palästinensische Autonomiebehörde beschuldigte die Israelis. Israel weist die Verantwortung von sich. Da sich die Palästinenser weigern, der israelischen Seite Zugang zur Leiche oder zur Kugel zu geben, weigert sich das israelische Militär, eine Untersuchung einzuleiten. Während ihrer Beerdigung in Ostjerusalem eskalierte die Situation weiter. Bilder und Videos zeigten, wie die Polizei die Sargträger auf eine solche Weise angriff, dass der Sarg beinahe auf den Boden krachte.

Am 24. Mai konstatierte ein CNN-Bericht, der sich auf moderne Ton- und Videoanalyse stützt, das Rätsel gelöst zu haben: Die Schüsse seien von Israels Soldaten vorsätzlich abgegeben worden. Obwohl der Bericht überzeugend wirkt, bleibt zu bezweifeln, dass dies das letzte Wort dieser Auseinandersetzung sein wird.

Der Fall Schirin Abu Akleh hat viele ähnliche Vorläufer

Es sei an dieser Stelle an ein ähnliches Ereignis aus dem Jahr 2000 erinnert. Damals wurde der 12-jährige palästinensische Junge Muhammad al-Durrah getötet, nachdem er zusammen mit seinem Vater, der ihn schützen wollte, in ein Kreuzfeuer in Gaza geraten war. Die Live-Aufnahmen des Fernsehsenders France 2 erschienen auf allen Kanälen und wurden zu einem Symbol der zweiten Intifada.

Damals wie heute sind der Verlust unschuldiger Menschenleben und die Tragödie des Konflikts offensichtlich. Im Zentrum der Debatten stand die Frage: Wer hat den Jungen erschossen? Als ob ein ballistischer Beweis die Handlungen einer der Kontrahenten rechtfertigen könnte. Die Kontroverse wurde Gegenstand zahlreicher Dokumentarfilme und Verleumdungsakte zwischen Journalisten, Forensikern und Politikern. Eine abschließende Antwort wurde nie gefunden. Wer Muhammad al-Durrah erschoss? Es hängt davon ab, wen Sie fragen.

Es ist wichtig, die Ereignisse aus dem Kontext heraus zu begreifen, in dem sie stehen. Eine Möglichkeit, das zu tun, ist auf Statistiken zurückzugreifen anstatt Medienbilder. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation B’Tselem wurden seit 2008 mehr als 800 palästinensische Minderjährige und über 380 Frauen getötet. Nach Angaben von Defense for Children International Palestine haben israelische Sicherheitskräfte allein 2021 76 palästinensische Kinder im Westjordanland und im Gazastreifen getötet.

Die israelische Verantwortung für diese Todesopfer wird nicht bestritten. Dennoch sind strafrechtliche Anklagen gegen Soldaten selten, und die meisten Ermittlungen werden ohne Anklageerhebung beendet. Nach Angaben der israelischen NGO Yesh Din liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Soldat, der einen Palästinenser verletzt hat, angeklagt wird, bei zwei Prozent. Und selbst, wenn es zu einer Anklage kommt, ist die Bestrafung minimal.

Ein aktueller Fall ist der Fall von Omar al-Majed Assad, einem 80-jährigen Palästinenser, der am 12. Januar 2022 an einem Herzinfarkt starb, nachdem er von Soldaten verhaftet worden war, die ihn in einer eisigen Winternacht auf einer Straße liegen ließen. Der Vorfall endete lediglich mit einer Disziplinaranzeige gegen die beteiligten Kommandeure. Der einzige Grund, warum dieser Fall überhaupt untersucht wurde, war Druck von außen. Druck, der sich nur dadurch mobilisieren konnte, dass al-Majed Assad amerikanischer Staatsbürger war.

Wir müssen den Kontext der Morde verstehen lernen

Wer hat Schirin Abu Akleh ermordet? Ist dies eine Frage, die eine unparteiische Untersuchung erfordert? Es ist irreführend, den Fall als bloße Kriminalgeschichte zu betrachten. Was wir brauchen, ist mehr als nur Forensik. Der Ausgangspunkt sollte die Geschichte des Ortes sein, an dem sie erschossen wurde: Dschenin, ein überbevölkertes Flüchtlingslager für deportierte Palästinenser aus dem Jahr 1948, dem Jahr der palästinensischen Nakba infolge der Staatsgründung Israels. Während der zweiten Intifada 2002 tobte hier die sogenannte Schlacht von Dschenin, die 52 Palästinenser und 23 Israelis das Leben kostete.

Das Flüchtlingslager liegt im Westjordanland. Über die Lebensbedingungen vor Ort hat Abu Akleh jahrzehntelang berichtet: Hier lebt eine Gesellschaft in ständiger Krise, ohne politischen Horizont. Es ist ein Ort unter israelischer Kontrolle, wo Gesetze in diskriminierender Absicht angewandt werden. Seit mehr als fünf Jahrzehnten ist das für Palästinenser keine vorübergehende, sondern eine dauerhafte Situation.

Es wäre jetzt essenziell zu fragen, was es bedeutet, unter solchen Bedingungen zu leben. Bedingungen, die immer schlimmer werden und deren Ende nicht absehbar ist. Um die gewalttätigen Zwischenfälle zu verstehen, muss man sich mit diesem Kontext auseinandersetzen. Um die Bedingungen, die diese Realität erst schaffen und aufrechterhalten und aufgrund derer sowohl unschuldige Israelis als auch eine unverhältnismäßig große Zahl unschuldiger Palästinenser immer wieder getötet und verletzt werden. In deren Routine stellen aufsehenerregende Ereignisse wie Abu Aklehs Ermordung letztlich nur traurige Eckpfeiler dar.

In Israel/Palästina muss man fragen: Wer gehört dazu?

Der 2009 für den Oscar nominierte Film „Ajami“ des palästinenisch-israelischen Regieteams Scandar Copti und Yaron Shani bietet eine provokante Alternative zu den gewohnten Schuldzuweisungen, welche die politische Realität verschleiern. In dem Film wird ein Polizistenmord zweimal gezeigt: Beim ersten Durchlauf scheint es, als ob der jüdische Polizist den jungen palästinensischen Verdächtigen erschießt. Im zweiten Durchlauf sehen wir, dass der palästinensische Jugendliche den Schuss zuerst abfeuerte.

Befreit dies den Polizisten von seiner Schuld? Der Film zeigt meisterhaft, dass die Frage, wer als Erstes schoss, letztlich nicht so wichtig ist. Der Film lenkt unseren Blick nicht auf einzelne Täter, sondern auf das Umfeld von Ajami, einem Viertel in Jaffa mit hoher Kriminalitätsrate. Er fordert, dass wir uns die Frage stellen: Wie ist dieses Viertel aufgebaut und organisiert? Wer gehört dazu – und wer wird an den Rand gedrängt? Wer hat Rechte und wird geschützt – und wer ist ausgeschlossen, verletzlich?

Der Film lenkt so vom offensichtlichen Brennpunkt, der Schießerei, auf das große Ganze: einen Raum, der kontrolliert wird, indem er unkontrolliert ist – basierend auf der Trennung zwischen Juden, palästinensischen Bürgern Israels sowie Palästinensern, die in den besetzten Gebieten leben. Und auf der toxischen Beziehung, die diese Bedingungen immer wieder hervorrufen.

Wer hat Schirin Abu Akleh erschossen? Aus der forensischen Perspektive werden wir es womöglich nie erfahren. Aber wenn wir über die Forensik hinausblicken und anfangen, über die politischen Bedingungen nachzudenken und wie sie einen Raum der Gewalt formen, können wir eine Antwort finden. Schirin ist nicht das erste und wird leider auch nicht das letzte Opfer eines Konflikts sein, der so lange nicht gelöst werden kann, wie unsere politische Vorstellungskraft auf Ballistik beschränkt ist. Und solange die Schlagzeilen von den prominenten Fällen bestimmt sind anstatt von der ständigen Realität und ihrer gewöhnlichen Gewalt.

Dr. Gal Hertz ist ein in Tel Aviv lebender Wissenschaftler mit Schwerpunkt auf deutsche Literatur und Geschichte.