„Lying in White", eine Art Insektenfrau Leiko Ikemuras,  2013/18,  Bronze patiniert.
Jörg von Bruchhausen/ L Ikemura/ VG Bildkunst Bonn 2020

Rostock - Sie haben sich gegenseitig entdeckt. Den Ausstellungsmachern der Kunsthalle Rostock stachen die Bilder und Skulpturen Leiko Ikemuras ins Auge. Und die in Berlin lebende Japanerin mit Schweizer Pass, die weltweit zu den wichtigsten Gegenwartskünstlerinnen zählt, ist im Umkehrschluss nicht nur begeistert vom Ostseestrand von Warnemünde, sondern auch von dem Ausstellungshaus am Schwanenteich, in der DDR-Moderne der einzige Museums-Neubau des verschwundenen Staates.

So entstand eine feingeistige dialogische Schau, die quasi von Fernost in den europäischen Osten führt. Eine Bildversammlung, die mit 44 Werken Ikemuras aus drei Jahrzehnten das Sanfte, die Schönheit und Einmaligkeit des Lebens feiert und dennoch hochpolitisch ist im Sinne der Conditio Humana. Auch sie reflektiert drängende Themen unserer Zeit: Migration, Interkulturalität, kulturelle Differenz. Aber diese Bildhauerin und Malerin verzichtet auf jedwede kämpferische Aufladung, die heute in einer aus den Fugen geratenen Welt auch die Kunst immer mehr in eine politische Rechtfertigungs- und Beweispflicht bringt.

„ Kiss", Aquarell, 1997, ein Blatt aus den Illustrationen der Liebesgedichte  der russischen Poetin Marina Zwetajewa.
Jörg von Bruchhausen/ L. Ikemura/ VG Bildkunst Bonn 2020

Ikemura verteidigt die Poesie. Die Kunst als Waffe zu gebrauchen, ist ihr fremd. Sie wählt das Sinnbildhafte, das sich in der Verschmelzung von Menschenbild und rätselhafter Natur ausdrückt. Aus ihren Gemälden und Skulpturen, den bronzenen „Häsinnen“ und den wie schlafenden, insektengleichen Mädchengestalten, die in einem der Räume vor ihrer zuvor noch nie öffentlich gezeigten Schwarz-Weiß-Fotoserie „Fiori Mori“ (2020)  arrangiert sind, spricht die weise, stille Akzeptanz der Vergänglichkeit alles Irdischen und zugleich die tröstliche Freude, dass jedem Vergehen ein neues Werden folgt. Sie fotografierte verwelkende Tulpen, die in der Vase unglaubliche, ja metaphysische Formen annehmen. Und davor stehen und liegen jene fantastischen, surrealen Mischwesen aus Bronze und Ton. Fremdes und Vertrautes gehen eine Synthese ein, mal widersprüchlich und ambivalent, dann wieder harmonisch.

Ikemuras Eintauchen in die westliche Kunst und Kultur, ihre Bezugnahme auf Werke aus der Sammlung der Kunsthalle, etwa auf Arbeiten des russischen Künstlerpaares Ilya & Emilia Kabakov, das in die USA emigrierte, oder auf die Bronzeskulptur der jungen Polin Alicja Kwade und auf die rußige Fotografik der Prager Bildhauerin und Fotografin Magdalena Jetelová, lässt tiefe Einfühlung erkennen. Sie sagt, sie wolle an diesem besonderen ostdeutschen Ort einen anderen Blick thematisieren. Seit 1987 lebt Ikemura in Deutschland, spätestens seit 1990 sei sie konfrontiert mit dem deutschen Osten und Osteuropa. Sie möchte Fragen stellen und den Dialog suchen.

In der Ecke ruht eine Erdkugel von A. R. Penck, die Kontinente sind expressive Strichmännchen und Schlangensymbole. Auf Ikemuras „Mare e Monti“-Gemälden daneben sieht man Wolkengebirge, schroffe Gipfel und aus dem Gestein wachsende Frauengestalten. Alle ist eins, Natur und Mensch. Gegenüber hängen zwei Bilder aus der Rostocker Sammlung: ein geradezu japonistisches Kirschblütenmotiv der Mecklenburgerin Tanja Zimmermann und daneben ein Seestück der gebürtigen Jenaerin Sabine Moritz, die in den 80er-Jahren in den Westen ging und die Frau des aus Dresden stammenden Malers Gerhard Richter wurde. Moritz malte 2013 im expressiven Stil ein Kriegsschiff unter ungut lila-blauem Himmel und auf bleigrauen Ostseewellen. Sie überließ das Bild der Rostocker Kunsthalle. Der stumme pazifistische Dialog der drei Malerinnen ist beredt.

Einige Schritte weiter steht man vor einem Selbstporträt der Rostocker Malerin Kate Diehn-Bitt (1900–1978) aus dem Jahr 1935, typisch Neue Sachlichkeit, typisch die Selbstdarstellung im Profil und mit markantem Kurzhaarschnitt als „Neue Frau“. Gegenüber platzierte Ikemura ein lange Reihe ihrer Aquarelle, die sich auf Selbstporträts von Berühmtheiten der europäischen Kunstgeschichte beziehen, von Goya bis Cindy Sherman.

„Hare-Woman (big“) von 1990/2016. Die bronzene Häsin ist inzwischen eine Markenzeichen Ikemuras.
Jörg von Bruchhausen/ L Ikemura/ VG Bildkunst Bonn 2020

Überhaupt ist jeder Raum der Kunsthalle eigentlich eine Ausstellung für sich. Geradezu ein Meditations-Kabinett bilden tiefblaue Wände, an denen sie fast minimalistisch zarte Aquarelle zu Versen der russischen Dichterin Marina Zwetajewa angebracht hat: „Weiter fort! Über die äußersten Grenzen. Und letzten! Verstehst du. Ich will aus dem engsten Körper fahren.“ Die Zwetajewa, diese Poetin, Brief-Freundin Rilkes und Geistesgefährtin Boris Pasternaks, hatte sich 1941 unter Stalins Regime, verbannt nach Tatarstan, in tiefster Verzweiflung das Leben genommen. 18 Strophen ihrer dringlichen Gedichte lässt Ikemura auftauchen aus dem Blau der Wand, wie ein Palimpsest. Ikemuras Dialogsuche wird zur Hommage an diese russische Dichterin, an den Mut zur Liebe, zur Freiheit.

Grenzen überschreiten und neue Erfahrungsräume eröffnen, das ist Leiko Ikemuras Absicht, Eintauchen in eine von Sinnlichkeit und Emotionen belebte Atmosphäre. Wohl darum hängt an einer Museumswand ganz solo das Gemälde „Horizont“ von 2016. Sonnenuntergang überm Meer, fast abstrakt die Farbstrukturen. Das Licht leuchtet hindurch wie auf einem Gemälde des aus Osteuropa stammenden Mark Rothko. Als Hoffnung.

Kunsthalle Rostock, Hamburger Str. 40. Bis 25. Oktober Di–So 11–18 Uhr.