Als ich nach der Wende aus der Enge der DDR heraustreten durfte, lernte ich die inzwischen verstorbene Hildegard Hamm-Brücher kennen. Sie, die Liberale aus dem Westen, hatte die Widerstandsgruppe Weiße Rose unterstützt und so konnte ich, die Frau aus dem Osten, mit ihr auch über meinen Vater sprechen, der im bewaffneten Widerstand gekämpft hatte. Ich sagte ihr, dass die deutsche Einheit für mich glaubhaft vollzogen sei, wenn auch die Geschichten des Widerstandes vereint werden. Dieser Gedanke beschäftigte mich sehr viel in den letzten Tagen.

Mit viel Pomp ist der Attentäter des 20. Juli gedacht worden. In einigen Kommentaren hieß es dazu, dass man ja wisse, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer nicht gerade Demokraten gewesen seien und sie sich auch antisemitisch geäußert hätten. Doch dies sei nun einmal die Zeit gewesen und man brauche Personen, die die Gegnerschaft zum Regime symbolisierten. Man müsse sie differenziert betrachten. Ihre Taten seien ein Beispiel für guten Patriotismus.

Patriotismus nicht an erster Stelle

Mein Vater war ein jüdischer Widerstandskämpfer. Er erzählte mir von der Erleichterung, die es für ihn bedeutet hatte, hinter einem winzigen Erdhügel verschanzt, im spanischen Bürgerkrieg auf die angreifenden deutschen Flugzeuge zu schießen. Er sagte mir, wie wichtig es für ihn war, beim französischen Marquis, im Untergrund, gegen die deutschen Besatzer zu kämpfen. Er war dabei, als Paris befreit wurde. Heldengeschichten, die nichts Heldisches hatten. Seine Geschichten und die der vielen jüdischen, kommunistischen, sozialdemokratischen Widerstandskämpfer sind 30 Jahre nach der Einheit in der Deutschen Narration von Patriotismus nicht präsent. Das ist bitter.

Vielleicht ist es ja genau das. Patriotismus oder Nationalismus waren nicht deren erstes Motiv, sondern Widerstand gegen das Morden und gegen den Vernichtungskrieg oder einfach „nur“ Anstand. Gilt heute etwa der Widerstand ohne diesen, vom nationalen Pathos getragene Patriotismus nicht? Der unselige, noch immer braun gefärbte Zeitgeist des westlichen Nachkriegsdeutschlands tat sich schwer dabei, Widerstand überhaupt zu ehren. Und wenn, dann möglichst Männer, deren Distanz zum Regime nicht allzu groß war. So wie die Attentäter vom 20. Juli, denen nicht der Vernichtungskrieg und Judenmord Grund genug war, sondern das vorhersehbare Versagen von Hitlers Kriegsführung. Und selbst sie galten bis in die 80-Jahre als Vaterlandsverräter.

Widerstand differenziert betrachten

Und was ist mit den anderen, die wenigstens teilweise in der DDR gefeiert wurden? Sind Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden, nicht auch Deutsche? War ihr Ziel, die Befreiung, nicht ein Akt der Menschlichkeit und eines humanistischen Patriotismus? Muss nicht auch dieser Widerstand „differenziert“ gesehen werden? Sogar der kommunistische? Ist nicht die Befreiung letztlich nur gelungen, weil unzählige junge Menschen in den alliierten Armeen gegen den verbrecherischen, deutschen Nationalismus gekämpft haben und ihr Leben gaben? Die Deutschen haben es von allein nicht geschafft.

Ich wünschte, ich könnte zusammen mit Hildegard Hamm-Brücher eine weiße Rose niederlegen. Dafür würde ich zum Bendlerblock mitgehen, wenn zugleich Widerstandskämpfer wie mein Vater geehrt würden – auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee. Die Einheit des Gedenkens an den Widerstand scheint mir aber so weit entfernt wie noch nie.