Der Leser möchte sich sofort in diese Wiola verlieben, die scheinbar federleicht auf ihren roten Pumps durch das Mauerberlin der Hausbesetzer und – so würde sie es selbst sagen – Revolutionsromantiker spaziert. Zu letzteren nämlich gehört der Ich-Erzähler Jan in „1988“, dem ersten Roman des Journalisten und Sachbuchautors Uwe Rada. Für Jan ist 1988 ein Schicksalsjahr, denn die Begegnung mit Wiola soll ihn nachhaltig prägen – so schnell jene Zeit für die beiden auch vorbei gewesen sein mag.

Der erwachsene Erzähler schließlich unternimmt noch einmal eine Reise nach Polen, nach Krakau, entlang der Stationen, die er damals mit Wiola abgefahren ist. In Rückblenden erfährt der Leser so etwas über die Gefühlswelt der Hauptfigur, über das Älterwerden, über die Bedeutung eines unbeschwerten Sommers und natürlich über Polen und Deutsche.

Kartographische Detailverliebtheit

„Prost, hatte sie gesagt und mir ein gefülltes Wodkaglas hingehalten“, erzählt Jan von seiner Begegnung mit Wiola in einer Kreuzberger Kneipe. Es liegt immer ein Erstaunen in seinem Ton, wenn er über die Polin spricht, die dank eines Stipendiums in Westberlin ist. Wiola verkörpert für Jan eine andere, eine neue Welt; sie ist entrückt und hellwach zugleich und holt den leidenschaftlich verschossenen Deutschen sofort aus seinen Gewissheiten irgendwo zwischen Lausitzer Platz – Lauseplatz, wie er sagt – und Mauerstreifen, wenn sie zum Beispiel „ihren Adam“ zitiert, den polnischen Nationaldichter Adam Mickiewicz. Jeder Satz von Wiola, jeder Augenaufschlag birgt ein Geheimnis. Sie fällt auf in dieser Stadt – ob auf Demos oder in Jans Wohnung. Irgendwann ist das Jahr rum, Wiola ist weg und Jan erhält ein halbes Leben später einen Brief von ihr, in dem sie, seine Wiola, seine unvergessene Liebe, ihn mit einem „Sie“ anschreibt. Unerhört diese Distanz! Eine Reise nach Polen und in die Vergangenheit beginnt.

„1988“ ist ein sanfter Roman, der es schafft, zwischen Berichten von Revolte und dem Kriegsrecht in Polen gelegentlich erstaunlich still zu sein.
Da ist zwar eine gewisse Unentschiedenheit, die in der Figur der Wiola steckt, aber die Geschichte wird von Spannung getragen, und der Leser fragt sich von der ersten Seite an, ob und wenn ja wie die neuerliche Begegnung mit ihr stattfinden werde. Hinzu kommt eine kartographische Detailverliebtheit des Autors, ohne Zweifel widmet er das Buch der Stadt Berlin. Uwe Radas literarische Reise in das geschichtlich bedeutende Jahr 1988 ist nicht nur von einer tiefen Kenntnis der polnischen Geschichte und Literatur geprägt, sondern wird zudem getragen von einem intimen Verständnis der polnischen Seele.

Nicht nur hinreißend schön, sondern auch wichtig

Der Journalist Uwe Rada, der seit vielen Jahren als Redakteur und Autor für die Berliner Tageszeitung taz schreibt, hat sich seinen Romanstoff insbesondere auch mit journalistischen Mitteln erschlossen, etwa durch eine Recherche über die Oder als einen zutiefst europäischen Fluss. Auch das kommt dem Roman nun zugute.

In politisch angespannten Zeiten, in denen viele Menschen in Polen und Deutschland kaum noch verstehen, was im jeweils anderen Land vor sich geht, liefert Uwe Rada eine Geschichte über kulturelle Unterschiede – und darüber, wie sich Menschen trotz oder gerade wegen dieser Unterschiede nah sein können. „1988“ ist deswegen nicht nur ein hinreißend schönes, sondern auch ein wichtiges Buch.
Uwe Rada liest am 22. 1., 19 Uhr im Club der Polnischen Versager, Ackerstraße 168