Der Molkenmarkt und Spandauerstraße in Berlin-Mitte vor 100 Jahren.
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BerlinEs gab nur ein winziges Zeitfenster, um im Frühjahr 1920 einen wirklichen Jahrhunderttraum von Stadt-und Regionalplanern, Verkehrs-, Infrastruktur- und Sozialexperten, aber auch Geschäftsleuten, liberalen, linken und einigen konservativen Sozialpolitikern zu erfüllen: Vor genau 100 Jahren beschloss das Preußische Abgeordnetenhaus mit der überaus knappen Mehrheit von 16 Stimmen die Gründung der neuen Einheitsgemeinde Berlin.

Als das Gesetz am 1. Oktober in Kraft trat, hatten die republikanischen Parteien die Reichstagswahl im Juni bereits verloren, war das Fenster für Neugliederungen Preußens fast geschlossen. „Groß-Berlin“ aber blieb, durfte allerdings nicht so heißen.

Berlin sei es – darauf bestanden die bis dahin eigenständigen und überaus selbstbewussten kreisfreien Städte Charlottenburg, Berlin-Lichtenberg, Neukölln, Berlin-Schöneberg, Spandau und Berlin-Wilmersdorf sowie die aus den Kreisen Niederbarnim, Osthavelland und Teltow herausgelöste Stadtgemeinde Köpenick, 59 Dörfer und 27 Gutsbezirke. Jeder Anschein von Eingemeindung, von Annektion sollte vermieden werden.

Es ging um die Gründung von etwas vollkommen Neuem, der mit 3,8 Millionen Einwohnern damals nach London und New York größten Stadt der Welt, deren Fläche von 878 Quadratkilometern nur von Los Angeles übertroffen wurde. Bis heute ist Berlin die nach Fläche und Einwohnern größte Stadt der Europäischen Union. Das Vorbild war aber nicht die sukzessive Erweiterung des Stadtgebiets, wie sie in Berlin etwa 1861 stattgefunden hatte, sondern die Vereinigung von New Yorks Manhattan, der Bronx, dem heutigen Staten Island, Queens und Brooklyn im Jahr 1898.

Ähnlich wie in New York blieben auch in Berlin die nun neu geschaffenen zwanzig Bezirke lebenskräftig. Die „proletarisierende“ Nivellierung, wie sie konservative Vereinigungsgegner befürchtet hatten, fand nur sehr bedingt statt, ebenso wenig die Ausweitung des „roten“ Berlin auf alle Bezirke, die sich die Linken erhofften: Schöneberg, Lichtenberg oder Wilmersdorf hatten schon vor 1920, wie ihre Beinamen zeigen, eine vor allem auf Berlin bezogene Identität, Charlottenburg, Köpenick oder Spandau betonen bis heute immer wieder ihre lange Eigengeschichte. Steglitz, Frohnau oder Pankow erreichten überhaupt erst mit der Einheitsgemeinde die Möglichkeit, aus der Masse der in die Mark ausgreifenden Metropolen-Agglomeration herauszustechen. Der eigentliche Verlierer städtischer Identität war nach 1920 absurder Weise Alt-Berlin, das die schnell nur noch abstrakt „Mitte“ genannte Innenstadt wurde.

Aus heutiger Sicht – gewöhnt an intensive, sehr lange Planungsdebatten und demokratische Mitsprache der Bürger – ging die Gründung und Etablierung dieser Großgemeinde bemerkenswert schnell und obrigkeitsstaatlich vonstatten. Die schmähliche Flucht des Kaisers und preußischen Königs Wilhelm II. in die Niederlande, die Revolution im November 1918 und der verlorene Krieg, der Versailler Frieden, nicht zuletzt die beginnende Wirtschaftskrise und Inflation hatten überdeutlich gemacht: Die alten Strukturen Preußens mussten reformiert werden, um die weithin befürchtete bolschewistische oder rechtsradikale Revolution zu verhindern.

Das konservative Berliner Bürgertum, skeptisch gegenüber der Eingemeindung vor allem von Industrie- und Arbeitervierteln, verlor Februar 1919 in der Stadtverordnetenversammlung seine Mehrheit an die SPD und USPD. Auch in der im Januar 1919 gewählten verfassungsgebenden Landesversammlung Preußens hatte die beiden linken Parteien und die zu dieser Zeit noch linksliberale Deutsche Demokratische Partei und das katholische Zentrum die Mehrheit. Dieses stimmte allerdings gegen die Einheitsgemeinde – aus Angst vor dem Übergewicht der unsittlichen Metropolen und tiefer Überzeugung vom Segen des kommunalen Föderalismus.

Es waren vor allem Verwaltungsleute und aus ihrer Sicht rein fachorientierte Technokraten, die dieses Projekt vorbereiteten und dann politisch durchsetzten. Sie agierten im weiteren Umkreis des parteilosen, aus heutiger Sicht eher liberalkonservativen Berliner Oberbürgermeisters Adolf Wermuth. Ihnen ging es vor allem darum, die kraftraubende, teure und damit den Steuerertrag mindernde Überlagerung von Verwaltungsebenen aufzuheben. Dort konkurrierten das Deutsche Reich mit seinen starken Zentralverwaltungen etwa für Eisenbahnen, der Staat Preußen mit der Straßenbau-, Wald-, Forst- und Landwirtschaftsverwaltung, die Kreise und Regierungsbezirke und märkischen Kommunen und Berlin miteinander.

Das war kraftraubend, teuer und fraß den Steuerertrag auf, gemeinsame Planung brauchte komplizierte Absprachen. Deswegen verläuft etwa die U-Bahnlinie 1 im altberlinischen Kreuzberg billig und schnell als Hochbahn, in Schöneberg erhielt sie reich dekorierte Bahnhöfe, und im wohlhabenden Charlottenburg musste sie unter der Erde verschwinden.

Aus der Sicht der Fachleute war die Vereinigung also geradezu zwangsläufig, und das ist auch die in jedem Berliner Schulbuch seit 1920 zu findende Helden- und Fortschrittsgeschichte: Nach den Plänen von 1852 und 1875, dem Wettbewerb von 1910 und der Gründung des Zweckverbands 1912 kamen Revolution und 1920 die Gründung Groß-Berlins.

Doch tatsächlich stellte die einen bis dahin ungesehenen urbanen Koloss her, der erhebliche Probleme mit sich brachte: Bis heute ist der Kontrast zwischen Berlin und Brandenburg fast vergleichslos. An die Stelle des für West-, Süd- und Mittel-Europa typischen Nebeneinanders von wenigstens formal gleich berechtigten Kommunen und Gemeinden unterschiedlicher Größe und eigenständiger Funktion trat der schroffe Kontrast zwischen Berlin und seinem „Umland“. Nunmehr hatte die nächstgrößte Kommune nicht mehr über 300 000 Einwohner wie Charlottenburg, Neukölln oder Lichtenberg: Potsdam zählte 1920 mit 65 000 Einwohnern kaum ein Sechstel der Größe des neuen Innenstadtbezirks Kreuzberg mit 377 000 Einwohnern.

Gerade die kleinen Städte der Mark verloren schnell an Eigenkraft, wurden wie Bernau, Nauen, Königs Wusterhausen oder eben Potsdam – die als Militär- und Verwaltungsstädte weder von Linken noch Konservativen mit Berlin vereinigt werden wollten – nur noch Vororte, Zulieferstandorte Berlins.

Auch deswegen ist die demokratisch legitimierte Vereinigung der vielen Gemeinden zu einem Berlin singulär geblieben: Das Zusammengehen Hamburgs, Harburgs und vor allem Altonas zu Groß-Hamburg 1938 fand unter immensem Druck der nationalsozialistischen Reichsregierung statt. Die Gründung von Groß-Wien im gleichen Jahr und unter ähnlichem Druck scheiterte nach dem Krieg, der Verband wurde wieder aufgelöst.

Das Greater London Council wurde nie eine wirkliche Einheitsgemeinde, Paris oder Mailand wehren sich bis heute mit Erfolg gegen die Vereinigung mit den Umlandstädten. Und der Stadtverband Kopenhagen–Malmö–Göteborg–Kalmar, der einmal eine große Hoffnung der Regionalplaner war, scheitert derzeit an den Nationalismen in Dänemark. Vor allem aber wurden weder das Ruhrgebiet noch die mitteldeutschen Industriestädte um Leipzig und Halle – trotz vieler Debatten auch schon in den 1920er-Jahren – zusammengefasst. Die autonomen Städte verhandeln dort bis heute untereinander, wie sie miteinander agieren wollen.

Welches Modell „erfolgreicher“ ist, kommt also durchaus auf die Perspektive an: Diese Städte bewahren eifersüchtig ihre eigenen Theater, oft Opernhäuser, Orchester und Museen, ihre Dialekte und Traditionen. Andererseits: Berlin hat tatsächlich im Vergleich zu all diesen Agglomerationen eine effizientere Verwaltung, systematischer durchgeplante Verkehrsstrukturen, eine bessere Wohnungsbau- und Grünverteilung. Ohne Groß-Berlin hätte es sicher nie eine Berliner Moderne in Architektur und Stadtplanung gegeben und wohl auch keine Roaring Twenties.