Wartet dahinter das Weltende? Mystisch ist der Entritt durch das hölzerne Tor, über dem eine Glocke baumeltAnthony Caro /Sammlung Würth/David Buckland (2)
Foto: Anthony Caro /Sammlung Würth/David Buckland (2)

BerlinMan sagt, gute Kunst sei seherisch. Und nach diesem Kriterium war der von der Queen zum Ritter geschlagene britische Bildhauer  Anthony Caro (1924−2013) ein Prophet. Hinter dem mystischen Holztor mit Glocke zu seinem monumentalen, 42 Tonnen schweren Skulpturen-Ensemble „The Last Judgement“ in der Wandelhalle der Berliner Gemäldegalerie warten die vier Trompeten von Jericho. Bei deren Anblick werden einem alle Sünden der unbelehrbaren Menschheit bewusst.

Nach  Jahrtausenden von Kriegen, Gewalttaten, Hungersnöten und Seuchen, nach unvorstellbaren Blütezeiten und dem Verfall einstiger Hochkulturen lauert nun im 21. Jahrhundert die menschengemachte Klimakatastrophe. Und keine vernünftige Lösung ist in Sicht. Die meisten sturen oder hilflosen Regierungen, die auf nichts verzichten wollenden Konzerne und Konsumenten – machen immer so weiter: Mehr, mehr, mehr!  

Aber Caros Trompeten bleiben stumm. Sie sind Symbole, nur Kunst, die mahnt, aber nichts ändert. Aber das Himmelstor steht noch einen Spaltbreit offen. Ein Schimmer der Hoffnung. Dieser jüdische Künstler Caro, den die nach Kriegsende ans Licht gekommen Nazi-Verbrechen des Holocaust erschütterten, ließ in seinem Spätwerk noch eine Perspektive für bessere Aussichten. In einer vielleicht klüger gewordenen Welt.

Reaktion auf die Kriegsgräuel

Als der Sammler Reinhold Würth dieses riesige begehbare Werk kaufte, derweil Caro im Jahr 1999 noch daran arbeitete, schrieb der Bildhauer nieder, was ihn zu dieser mammuthaften und zugleich sakralen Arbeit getrieben hatte: „Die Geschichte Europas strotzt vor Gräueln. Mein Jüngstes Gericht ist eine Reaktion auf Gräueltaten der Gegenwart, auch wenn am Ende die Hoffnung auf eine hellere Zukunft nicht aufgegeben wird.“ Dies war damals seine Reaktion auf die Massaker während der Balkan-Kriege.

Bild der Woche

Der Künstler: Anthony Caro (1924−2013) war nach Henry Moore einer der wichtigsten britischen Bildhauer der Nachkriegszeit, mehrmals Biennale-Venedig und Documenta-Teilnehmer. Sein Hauptwerk „The Last Judgement Sculpture“, 1995/1999, hatte der schwäbische Unternehmer und Kunstsammler Reinhold Würth schon gekauft, als Caro noch daran arbeitete. Nun gab das Museum Würth das 42 Tonnen schwere Skulpturen-Ensemble nach Berlin.
Die Ausstellung: Gemäldegalerie, am Kulturforum. Bis 12. Juli, Di–Fr 10–18/ Do bis 20/Sa+So 11–18 Uhr. www.smb.museum

Vom islamistischen Terror, von Bürgerkriegen im Nahen Osten, in Afrika und Asien, von menschenverachtenden Politikern wie Trump und Bolzonaro konnte er noch nichts ahnen. Seine wie in katakombenartigen Gehäusen  stehenden, hockenden und surreal anmutenden, an die kantige chimärenhafte Figurenwelt eines Max Ernst erinnernden 15 Figuren sind nun in Beziehung gesetzt zu den Alten Meistern der Berliner Gemäldegalerie.

Zu den italienischen, deutschen, niederländischen Malern des Mittelalters. Wir Betrachter können das apokalyptische Figurentheater eines Fra Angelico und Bellegambe, eines Cranach und Hieronymus Bosch gut vergleichen mit den mystischen, schweren und erratischen Gebilden des Briten. Caro formte stilistisch abstrakt, schätzte als Protagonist der Nachkriegsmoderne die strenge Reduktion.  

Leidensweg und Katharsis

Caros „The Last Judgement“ war erstmals auf der Venedig-Biennale 1999 zu sehen. Nun arrangierte Kuratorin Sarah Schönewald für das Berliner Museum ein Vis-à-vis mit den Werken der Alten Meister Europas die Skulpturen aus Steingut, Holz, Stahl, Messing und Beton fast wie ein mittelalterliches Kirchenschiff zwischen „Bell Tower“ und dem finalen „Gate to Heaven“ . Dazwischen erinnert vieles an die Via Dolorosa, den Kreuzweg, an das Grab Christi und die Gräber namenloser Soldaten, Frauen, Kinder. Und da sind Kriegsszenen angedeutet, archaisch, brachial und düster.

Als Leidensweg durch die Epochen, als Zeichen der Strafe wie der Katharsis. Caros frühe Arbeiten waren noch realistisch-figurativ, hauptsächlich deshalb, weil die Londoner Royal Academy eine der letzten Kunstschulen war, die sich nach 1945 den abstrakten Kunstströmungen noch verschloss.

„The Last Trump (Trumpeter 1)“, Beton, Holz, Messing/Stahl
Foto: Anthony Caro /Sammlung Würth/David Buckland (2)

Den Umschwung brachte Caros Aufenthalt in den USA und die Freundschaft mit dem Bildhauer David Smith. Man stelle sich vor, das Jüngste Gericht des Briten würde einmal dem Michelangelos gegenüberstehen, dessen Jüngstem Gericht an der Frontwand der Sixtinischen Kapelle in Rom, direkt unter der „Erschaffung der Welt“ und der gemalten Apokalypse mit den orgiastisch in den Schlund der Verdammnis geratenen Leibern der sündigen Menschen.Wie wirkte dazu die stumme Archaik des Modernisten Caro?