Das Wort Paradies ist genauso überstrapaziert wie sein Gegenstück – die Hölle.  Dennoch war das Exil in Brasilien für den Schriftsteller Stefan Zweig beides zugleich, ein Ort, an dem er größte Schönheit wahrnahm und doch in einem Tunnel aus Einsamkeit und Verzweiflung davon getrennt blieb.

Im Februar 1942 ergab sich Zweig seiner Erschöpfung  und Depression. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte nahm er sich das Leben in seinem Haus in der brasilianischen Provinzstadt Pétropolis. Das Foto des angekleidet auf dem Bett  liegenden toten Paares, das später in brasilianischen Zeitungen erschien, lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Es ist da.

Aber wie Maria Schrader und ihr Kameramann Wolfgang Thaler dieses  Todesbild durch einen immer wieder unterbrochenen Spiegeleffekt evozieren und gleichzeitig nicht zeigen, gehört  zu den großen Kunststücken dieses ohnehin kunstvollen Films.

Eine Szene, in der sich Stille, fahrige Betriebsamkeit, und schließlich eine betende Stimme zu einer Beklemmung verbinden, die das Atmen schwer macht. Der Journalist Ernst Feder, Emigrant aus Berlin, und einer der letzten Freunde der  Zweig, liest den Abschiedsbrief, der  mit den Sätzen endet: „Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht, Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus!“ Matthias Brandt in der Rolle des Ernst Feder, spricht diese letzten Sätze ohne Pathos.

Warum macht man einen  Film über Stefan Zweig? Weil er ihr von dem inzwischen verstorbenen französischen Produzenten Denis Poncet vorgeschlagen wurde. So einfach und unprätentiös erklärt es Maria Schrader, die  sehr  bald einen eigenen Fokus entwickelte. Den auf Zweigs letzte Jahre. Die Jahre des „heimatlosen Wanderns“, wie es Zweig in seinem Abschiedsbrief schrieb.

„Vor der Morgenröte“  wurde  damit zwingend zu einem Film über die Dimensionen von Heimat und deren Verlust – und zu einem zwingend notwendigen Film. Denn Maria Schrader ist  etwas Seltenes gelungen:  Bilder zu finden für den inneren Zustand eines Heimatlosen. Der zeigt sich nicht im linear erzählten Nachreisen an die unterschiedlichen Orte einer Odyssee.

Der zunehmende Selbstverlust  zeigt sich in der milden  Verwirrtheit, der Verlangsamung  eines Menschen, der der Welt  allmählich abhanden kommt.  Josef Hader spielt das mit einer Subtilität und Eleganz, die ihm viele auf Grund seiner kabarettistischen Auftritte sicher nicht zugetraut hätten.  Er  findet hier zu einer Zartheit und sanften Melancholie, die  Zweig Zeitgenossen zufolge eigen war.  Und er fügt sich ein in ein fantastisches Zusammenspiel mit Aenne Schwarz, Barbara Sukowa, Matthias Brandt.

Ein formal innovativer Film

Maria Schrader hat einen formal innovativen Film gedreht. Den typischen chronologischen Erzählstrom der Bio-Pictures findet man hier nicht. „Vor der Morgenröte“  ist im Grunde ein  Stationendrama.  Sechs in die Tiefe ausgelotete Szenen sind es, die Schrader unverbunden auffächert.  Gefrorene Momente. Wenn man so will Wendepunkte, die beim konventionellen Erzählen nur angetippt werden oder bloße Funktionen erfüllen, hier aber gedehnt werden – ohne, dass  sie jemals als Längen empfunden werden. Es gibt Interessanteres als Reden auf einem Schriftsteller-Kongress, als Empfänge beim Botschafter.

So wie Schrader aber Zweigs  Einsamkeit inmitten der Gesellschaften zeigt, die Absurdität eines Blumenbeets auf dem Bankett-Tisch oder die Anmaßung eines  Journalisten, der Zweig ein politisches Statement abpressen will –  werden diese „Nebensächlichkeiten“ zu Hauptsachen.  Hier öffnet sich der Abgrund, zeigen  sich die Hoffnungslosigkeit und das Fremdsein des Emigranten stärker als in jeder auf künstliche Spannung hin kalkulierten Dramaturgie.

Stefan Zweig gehörte zu den wenigen Emigranten,  die nicht in materieller Armut lebten,   obwohl  er sein Vermögen verloren hatte.  Er half vielen, mit Geld, mit Bürgschaften, mit den Verbindungen, die er als einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit hatte.  Thomas Mann, der mit Zweigs Suizid haderte, weil er dessen Tat zunächst  „wie eine Desertion von dem uns allen gemeinsamen Emigrantenschicksal“ sah,  schrieb zum zehnten Todestag  1952 von seinem Verständnis dafür, dass Zweig „in der Welt voller Hassgeschrei, feindlicher Absperrung und brutalisierender Angst, die uns heute umgibt, nicht fortleben wollte und konnte.“