Das Werk „Riding Around“ des US-Malers Philip Guston aus dem Jahr 1969 zeigt Mitglieder des rassistischen Ku-Klux-Klan 
Quelle: Daniel Reinhardt/dpa

LondonAll diejenigen, die in der „Cancel Culture“ einen Angriff auf die freie Rede sehen und in der gedankenfaulen Floskel der „politischen Korrektheit“ den Abgrund des Liberalismus, werden hieran ihre helle Freude haben: Eine Ausstellung des US-Künstlers Philip Guston („Philip Guston Now“), die im Juni in der National Gallery of Art in Washington eröffnet und anschließend in Houston, Boston und der Tate Modern gezeigt werden sollte, wird um vier Jahre verschoben. Der Grund? Es bestehe die Gefahr, dass man Gustons Gemälde missinterpretiert, so sagte eine Sprecherin der National Gallery of Art. Man wolle „schmerzhafte“ Erfahrungen vermeiden, die die Bilder bei Betrachtern hervorrufen könnten.

Anlass der Kontroverse ist ein 24-fach in der nun abgesagten Ausstellung auftauchendes Motiv des Malers, das im Licht der „Black Lives Matter“-Bewegung an Sprengkraft gewinnt und dem er sich zeitlebens immer wieder bediente: Guston (1913-1980) malte vermummte Mitglieder des rassistischen US-Geheimbunds Ku-Klux-Klan. In seinen Bildern sehen sie oft aus, als kämen sie gerade vom alltäglichen Lynch in den Südstaaten – mit blutbefleckten weißen Mützen, autofahrend, herrschaftlich Zigarre rauchend.

Der Streit lässt jüngere Kunst-Debatten neu aufleben

Dass Kunstinstitutionen im derzeitigen Klima eine gesteigerte Sensibilität für Rassismus an den Tag legen, ist begrüßenswert. Dass sie sich jedoch, wie in vorauseilender Selbstzensur – und in offenbarer Verkennung der linksaktivistischen und jüdischen Biografie des Künstlers – sorgen, Gustons Bilder könnten als Verharmlosung von Rassismus oder gar als Verherrlichung des Ku-Klux-Klans gelesen werden, zeugt von einem merkwürdig eindimensionalen Verständnis von Kunst und einer grundlegenden Unterschätzung ihrer Betrachter.

Zugegeben: Der Drang nach politischer Eindeutigkeit verträgt sich selten gut mit der Deutungsoffenheit der Kunstwelt. Das zeigte schon 2017 die Debatte um das Gemälde „Open Casket“ (2016) der weißen Malerin Dana Schutz, das damals nur unter großem Protest auf der Whitney-Biennale gezeigt werden konnte. Schutz hatte den verstümmelten Körper von Emmett Till gemalt – gewissermaßen ein historischer Vorläufer von George Floyd. Die Künstlerin, so lautete der Vorwurf, eignete sich damit die schwarze Leidensgeschichte an, zur eigenen Wertsteigerung auf dem Kunstmarkt.

Ein Besucher steht im Whitney-Museum in New York vor dem Gemälde „Open Casket“ der Künstlerin Dana Schutz. Das Bild, angelehnt an ein Foto des 1955 in Mississippi ermordeten Afroamerikaners Emmett Till, hat einen Streit in der Kunstwelt ausgelöst. 
Quelle: Johannes Schmitt-Tegge/dp

In diesem Jahr folgte ein vergleichbarer Streit im Frankfurter Städel Museum. Es ging um ein Bild des Malers Georg Herold mit N-Wort im Titel („Ziegelneger“, 1981), das zeigt, wie ein wütender Mob einen Ziegelstein auf eine schwarze Person wirft. Dass die Ästhetisierung von Rassismus nicht das beste Gegengift gegen ihn ist, war, in beiden Fällen, ein plausibles Argument gegen die Werke. Ähnlich wie die unzähligen Videos wie das von George Floyd oder Eric Garner, die die Tötung schwarzer Menschen dokumentieren, scheint die Frage, ob sie letztlich zur Vermenschlichung oder nicht eher zur Versachlichung der Dargestellten beitragen, unklar – und eine Debatte darüber notwendig.

In den 1930er-Jahren zerstörten Klansmänner Gustons Gemälde

Gustons Darstellung der Klansmänner funktionieren jedoch anders: Sie richten den Blick auf die Täter, nicht auf die Opfer von Rassismus und enthüllen so seine Alltäglichkeit. „Ich sehe mich selbst unter der Mütze“, soll Guston über diese Bilder gesagt haben. Er schuf zahlreiche Werke zu Rassismus und Antisemitismus, als Teil seiner Auseinandersetzung mit der amerikanischen Identität. Als er 1933 in Hollywood eine Serie von Ku-Klux-Klan-Bildern zeigte, stürmten Klansmänner den Ausstellungsraum und schlitzten zwei der Bilder auf. Dies auszublenden – Gustons Bilder zu „canceln“, weil manche sie missverstehen könnten – scheint vor diesem Hintergrund geradezu absurd.

Mark Godfrey, ein Kurator an der Tate Modern, der die Ausstellung mitorganisierte, kommentierte die Entscheidung auf Instagram als „extrem bevormundend“. Sie suggeriere, dass Betrachter nicht in der Lage seien, die Nuancen in Gustons Werk zu verstehen. Die Tochter des Malers, Musa Mayer, äußerte sich ähnlich: Ihr Vater habe es gewagt, „dem weißen Amerika einen Spiegel vorzuhalten und so die Banalität des Bösen und systemischen Rassismus zu entlarven“. Gerade heute liege die Gefahr nicht darin, Gustons Werk anzuschauen, sondern wegzuschauen.

Andere hingegen, wie Darren Walker, Präsident der Ford Foundation und Teil des Kuratoriums der National Gallery, argumentierten, der Kontext in den USA habe sich in den letzten Monaten eben grundlegend verschoben, insbesondere was hetzerische und rassistische Bilder in der Kunst betrifft – unabhängig von der jeweiligen Absicht des Künstlers. Die Ausstellung nicht zu überdenken, hätte „taub“ gewirkt.