BerlinKaum ein Begriff hat den Internetfeminismus der #MeToo-Ära so geprägt wie das „Manspreading“. Gemeint ist jene unbewusste Dominanzgeste von Männern – insbesondere in U-Bahnen und Bussen –, die Beine so aufdringlich zu spreizen, dass für Mitfahrende auf den Nebensitzen kaum mehr Platz bleibt. Als befände sich zwischen den Herrenbeinen ein massives Stahlrohr, dessen unbeeinträchtigte Auslegung garantiert werden müsse – und die essenzieller sei als der Sitzkomfort der anderen.   

Die 1937 in Hamburg geborene Künstlerin Marianne Wex untersuchte derartige Gender-Gesten schon Jahrzehnte bevor sie als Hashtag-Insignien feministischer Empörung die Instagram-Accounts überfluteten. In ihren Foto-Collagen „Let’s Take Back Our Space“, die 1979 als Buch erschienen und 1977 in der Kreuzberger NBGK gezeigt wurden, untersuchte sie „männlich“ und „weiblich“ konnotierte Körpersprache, die sie als Resultat patriarchalischer Strukturen begriff.

Wex’ Collagen, in Teilen derzeit auch in der „Masculinities“-Schau im Martin-Gropius-Bau zu sehen, entlarven die feinen Unterschiede im Habitus: Sie zeigen etwa Männerhände in der Werbung, die ein Zippo anzünden, als sei die Flamme eine natürliche Verlängerung ihres kraftvollen Daumens, wohingegen Frauen das Feuerzeug scheinbar zögerlich mit dem Zeigefinger entflammen. Männer, die wie ausgespuckte Körpermasse am Strand liegen, wohingegen Frauen sich wie selbstverständlich zu einer zierlich-geschwungenen „S“-Form räkeln.

Sie zeigen, wie irritierend der Blick auf „vertauschte“ Rollen teils noch heute ist: Frauen mit kerzengerader Körperhaltung und verschränkten Armen, Männer in graziler Pose, die Beine angewinkelt. Oder, Stichwort „Manspreading“, wie gewohnt wir sind, Männer mit herrschaftlich-gespreizten Beinen dasitzen zu sehen – bereits in der Antike.

Jetzt ist Marianne Wex im Alter von 83 Jahren gestorben. In der NBGK werden Teile ihrer Arbeit, 43 Jahre später, erneut gezeigt: Eine Raum-Zurückeroberung.