Es gibt sie in jeder Eigenheimsiedlung: Gärten, die nicht aus Erde und Pflanzen, sondern aus geschottertem Granit, Quarz und Kies bestehen. Zuweilen ragt aus der toten Materie ein akkurat geschnittener Buchsbaum, eine asiatisch anmutende Zierkiefer, ein einsamer Grasbüschel oder ein Baumarkt-Buddha hervor. Dazu gibt es oft noch zierende Plastik- oder Betonelemente oder Felsbrocken und natürlich gepflasterte Bereiche.

Der Berliner Botaniker Ulf Soltau nennt dieses Phänomen Gartenmord. Er dokumentiert und kommentiert es auf der satirischen Facebook-Seite „Gärten des Grauens“, Ende September erscheint das daraus hervorgegangene Buch. Der enorme Erfolg seiner Aktivitäten zeigt, dass es viele Menschen erschüttert, was Schotterfreunde auf ihren Grundstücken anrichten. Offenbar ist Stein statt Grün ein ernst zu nehmender Trend, jedenfalls gibt es solche Gärten immer mehr. Naturschützer schlagen Alarm, die Lokalpolitik überlegt, was sie gegen die Zerstörung privater Grünflächen anrichten kann, erste Kommunen arbeiten an Verboten.

Schotter-Gärten: Es geht um Monotonie und Ordnung

Eine pflanzenfreie Gartengestaltung ist nicht nur ein ästhetisches, sondern ein ökologisches Problem. Schottergärten funktionieren nur bei totaler Leblosigkeit. Ein Fließ oder eine Folie stoppt jedes Wachstum von unten, erstickt nicht nur Löwenzahn und Giersch, sondern auch im Boden lebende Mikroorganismen. Darauf breitet man eine dicke Schicht kleiner oder größerer Steine aus, das soll offenbar eine klare, saubere Wirkung erzeugen. Zuweilen werden solche Flächen als „asiatisch“ angepriesen, was eine komplette Verkennung einer alten und komplexen Gartenkultur ist. So oder so geht es um Monotonie und Ordnung, die aber unter freiem Himmel kaum aufrechtzuerhalten sind. Denn sobald sich ein Lüftchen regt, verteilt die Natur Blätter, Früchte, Samenkapseln, Pollen und Organisches aller Art auf jeder Fläche. Auch auf dem Schotter.

Da der aber nicht geharkt werden kann, wird das unerwünschte Material meist mit Laubpuster oder -sauger beseitigt. Trotzdem erwischt man nie alles, in Zwischenräumen bildet sich Humus, aus dem unweigerlich neues Leben erwacht. Direkt an den Steinen siedeln sich außerdem Moos und Algen an, daher greifen viele Schottergärtner zu Gift und Hochdruckreinigern oder sie flämmen ihre Steine ab. Das ist eine öde Sisyphusarbeit und verhindert nicht, dass das Grau über kurz oder lang nicht mehr klinisch rein erstrahlt, ja womöglich sogar schmuddelig wirkt. Nach drei bis zehn Jahren sollten die Steine erneuert werden, das meinen zumindest viele Gartenbauunternehmen. Die verdienen allerdings auch daran: Es ist nicht billig, tonnenweise Steine zu kaufen, zu bewegen und zu verlegen.

Vorgarten ohne Pflanzen: Schweizer Studie belegt eine deprimierende Wirkung der grauen Gärten

Was treibt Menschen dazu, sich das anzutun? Ist es der Hass auf Pflanzen oder Nachbarn, die beim Anblick ihrer Gärten traurig werden? Die deprimierende Wirkung der grauen Gärten belegt eine Schweizer Studie, Soltau weist in seinem Vorwort auf sie hin. In seinem Buch sind Grundstücke mit bedrückender, gar beklemmend aggressiver Ausstrahlung zu sehen. In manchen steckt auch eine zwanghaft wirkende Mühe, da werden Muster und goldene Kanten gelegt oder Hunderte Quadratmeter mit Steinen bedeckt.

Nicht alle Schottergärten sind ganz so bizarr. Das Buch zeigt auch die fast schon alltägliche Kieselöde in Reihenhaus-Vorgärten. Vermutlich wird so etwas aus durchaus nachvollziehbaren Motiven angelegt, etwa wenn die Oma nicht mehr durchs Grün kriechen und jäten kann. Oder wenn Menschen, zum Beispiel arbeitende Eltern, einfach keine Zeit für den Garten haben, aber auch keine struppige Spontanvegetation vor der Haustür wollen. Gartenbaufirmen und Baumärkte locken sie mit Schlagworten wie Funktionalität, Komfort und Ästhetik. Und natürlich informieren die Anbieter weniger vehement darüber, dass das adrette Kieselbeet regelmäßig gereinigt werden muss. Oder dass versiegelte und teilversiegelte Flächen (und als solche gelten Schottergärten) die Abwasserkosten erhöhen, dass die Steine die Umgebungstemperatur aufheizen und die Speicherung von CO2 im Boden verhindern, dass sie keinen Feinstaub aus der Luft filtern wie jedes noch so langweilige Blatt es tut.

Gärten des Grauens: Es ist viel preiswerter mit Pflanzen zu arbeiten

Ein Grund für ein pflanzenfreies Design ist sicher auch, dass viele Menschen nicht wissen, wie einfach ihr Wunsch nach einem pflegeleichten, klar strukturierten, ordentlichen Garten mit den Bedürfnissen der Natur zu vereinbaren ist. Dass es viel einfacher und preiswerter ist, mit als gegen sie zu arbeiten. Wo Pflanzen sich wohlfühlen, wachsen sie fast von allein und so dicht, dass kein Unkraut durchkommt.

Gärtnern ist keine Zauberei, solange man die Bedürfnisse des Grüns respektiert. Und die heißen zuallererst Licht und Wasser. Ist ein Beet sonnig oder schattig, ist es trocken oder feucht? Ist das geklärt, können wir schon aussuchen und einbuddeln. Stauden eignen sich am besten, das sind langlebige Geschöpfe, manche werden Jahrzehnte alt. Der frühe Herbst ist die perfekte Zeit sie zu pflanzen, dann wurzeln sie vorm Winter ein und legen im Frühling richtig los. Wer es puristisch mag, wählt nur eine einzige Art, die den Boden schlicht und niedrig bedeckt: Thymian, Mauerpfeffer und Wollziest fühlen sich in der Sonne wohl. Haselwurz, Immergrün, Efeu oder Gelber Elfenspiegel gedeihen im Schatten, auch im trockenen. Walderdbeeren, die ruckzuck ganze Gärten erobern und außerdem hübsch blühen und leckere Früchte tragen, lieben Halbschatten. Alle diese Pflanzen – und viele andere – sind langlebig, genügsam, winterhart, wintergrün und perfekt für Anfänger. Außerdem bieten sie Insekten Futter. Auch Gräser können hübsch aussehen, auch sie gibt es für jeden Standort. Jeder Gärtner und das Internet helfen bei der Auswahl der passenden Bodendecker.

Schluss mit Schotter: Viele Pflanzenmischungen sind sehr unkompliziert

Nicht nur kompakte Blattflächen, auch hohe, kunterbunte, sich lässig im Wind wiegende Blütenmeere können sich, einmal gut eingewachsen, sozusagen selbst verwalten. Man nennt das dann Präriegärten oder New German Style, das prominenteste Beispiel ist die Begrünung der High Line, einer stillgelegten New Yorker Hochbahnstrecke, durch den Niederländer Piet Oudolf. Dafür gibt es sogar fertige Pflanzenmischungen in der Gärtnerei. Viele davon sind so unkompliziert, dass sie nicht nur in privaten Gärten, sondern auch auf Verkehrsinseln und Gewerbeflächen grünen und blühen.

Sich von einer Schotterkomposition zu trennen und sie zu revitalisieren macht Mühe und Müll, keine Frage. Aber am Ende belohnt man sich selbst mit einem viel schöneren, lebendigeren, pflegeleichteren Grundstück. Menschen und Tiere werden sich freuen. Während Fließ und Folie auf dem Restmüllhof landen, können zumindest Teile der Steine in einer sonnigen Ecke ein zweites Leben als Haufen beginnen. Wer neugierig ist und Naturnähe erträgt, wartet ab, was dort mit der Zeit alles keimt und wächst. Alle anderen pflanzen Steinpflanzen und Ziergräser, vielleicht auch ein paar robuste Kräuter. Wärmeliebende Insekten und Eidechsen werden Schotter und größere Brocken schnell als Lebensraum entdecken. Und wer ordentlichen Stein einfach sehr gern hat, kann Wege, Treppen, Mauern und Terrassen gestalten, die es im Garten ja trotzdem noch gibt.

Ulf Soltau: Gärten des Grauens Eichborn-Verlag, Köln 2019. 128 S., 14 Euro