Sandra Hüller in "Hamlet", inszeniert von Johan Simons am Schauspielhaus Bochum.
Foto: JU Bochum

BerlinSeit 1965 gibt es keinen Mai ohne Theatertreffen. Gegründet, um West-Berlin wenigstens einmal in der Saison zur Hauptstadt des deutschsprachigen Theaters zu machen, fand es 1964 zunächst im Herbst statt. Aber danach immer, wenn die Kastanien blühten. Und so wird es - obwohl das öffentliche Kulturleben allseits den coronaverdächtigen Atem anhält und es Mitte März zunächst abgesagt wurde - auch in diesem Jahr sein. Gewissermaßen zumindest. Denn man wird im Haus der Berliner Festspiele nicht an der Kasse anstehen müssen und auch niemanden neben sich sitzen haben, den man nicht kennt. Es wird virtuell sein. Aber es wird trotzdem Theater sein. 

Theater ist ja längst nicht mehr auf das Live-Erlebnis beschränkt, auch wenn es nach wie vor darauf beruht. Seit 20 Jahren wird zunehmend mit Filmästhetiken auf der Bühne und ebenso lange mit Theater im Internet experimentiert. Und die noch sehr viel ältere Praxis der Theateraufzeichnungen fürs Fernsehen hat sich ab Mitte der 90er-Jahre sehr verfeinert und hat - dem damaligen ZDF-Theaterkanal und 3sat sei Dank - das Theatertreffen damals auch vor dem finanziellen Ruin gerettet. Denn zu den vielen Krisen, die das Treffen im Laufe der Jahre durchstand, ohne von seiner Grundkonzeption auch nur ein Jota abzuweichen (eine Kritikerjury lädt zehn deutschsprachige Inszenierungen ein, die sie für die "bemerkenswertesten"hält), gehört auch, dass es damals fast weggespart wurde, da fehlte wirklich nicht mehr viel. 

Aber das ist Geschichte. Wenn das 57. Berliner Theatertreffen jetzt also virtuell stattfinden finden wird, mit sechs Aufführungs-Aufzeichnungen samt den üblichen Künstlergesprächen zu den Inszenierungen, mit drei Online-Podien zum Thema Theater und Netz, einem Gespräch über Körper und Digitalität und natürlich der abschließenden Jurydiskussion, dann ist das insbesondere für theaterliebende Quarantäne-Profis ein beachtliches und zudem kostenloses Paket, das die Interessierten noch immer nicht räumlich, aber zumindest zeitlich zu einer vorgestellten Gemeinschaft zusammenbinden wird. 

Denn es gibt ein richtiges Programm, und die Angebote stehen auf der Online-Plattform Berliner Festspiele on Demand auch nur jeweils 24 Stunden zur Verfügung. Man muss also halbwgs pünktlich sein. Nur das Anstehen fällt weg. Ausgesucht wurde, so teilen die Festspiele mit, Inszenierungen, "die aus künstlerischer Perspektive und/oder in den technischen Voraussetzungen der digitalen Präsentationsform entsprechen". Das heißt konkret, dass folgende Inszenierungen nicht zu sehen sein werden: "Der Mensch erscheint im Holozän", inszeniert von Alexander Giesche (Schauspielhaus Zürich), "Der Menschenfeind" von  Anne Lenk (Deutsches Theater),  "Eine göttliche Komödie" von Antonio Latella (Münchner Residenztheater und "Tanz - Eine sylphidische Träumerei in Stunts" von Florentina Holzinger (Tanzquartier Wien u.a.).

Aber dafür der Rest. Der quotierte Rest übrigens, denn dieses Jahr hatte die Jury ja erstmals in ihrer Geschichte eine Auflage; nämlich die, dass mindestens die Hälfte der eingeladenen Arbeiten von Frauen inszeniert sein sollen. Das wird spätestens bei der Abschlussdiskussion am 9. Mai Thema sein. Das Treffen startet gewohnt offiziös, und zwar am 1. Mai um 20 Uhr, mit einem Grußwort der Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer, und zur Eröffnung wird die 3sat-Aufzeichnung des "Hamlet" in der Regie von Johan Simons  aus dem Bochumer Schauspielhaus gezeigt. Sandra Hüller, die in diesen virtuellen Theatertreffentagen auch den Theaterpreis Berlin erhält, ist Hamlet.  

Yvonne Büdenhölzer, Leiterin des Berliner Theatertreffens seit 2012.
Foto: Christoph Neumann

Außerdem sind zu sehen: am 2. Mai "Anatomie eines Suizids"in der Regie von Katie Mitchell (Hamburger Schauspielhaus), am 3. Mai "Die Kränkungen der Menschheit" von Anta Helena Recke (Münchner Kammerspiele u.a.), am 5. Mai "Süßer Vogel Jugend" von Claudia Bauer (Schauspiel Leipzig), am 6. Mai  "Chinchilla Arschloch, waswas" von Helgard Haug (Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt u.a.) und am 8. Mai "The Vacuum Cleaner" von Toshiki Okada (Münchner Kammerspiele).

Unter dem Titel "UnBoxing Stages" wird am 2., 3. und 4. Mai über die digitale Praxis im Theater diskutiert, und am 7. Mai hat man in einer "Langen Nacht der Tutorials" auch ganz praktischen Nutzen. Mit dabei sind hier unter anderen: Christoper Rüping, Matthias Lilienthal, Eve Leigh, Christian Römer, Anne Lenk, Roman Senkl,  Klaas Werner (Kollektiv Anna Kpok), Arne Vogelgesang, Lionel Poutiaire Somé, Christiane Hütter, Kay Voges, Alexander Giesche, Björn Lengers und Janne Nora Kummer.

Da wir gerade bei Namen sind: Die diesjährige Jury wurde von Margarete Affenzeller (Wien), Cornelia Fiedler (München), Wolfgang Höbel (Hamburg), Georg Kasch (Berlin), Andreas Klaeui (Zürich), Shirin Sojitrawalla (Wiesbaden) und Franz Wille (Berlin) gebildet. Mit Sicherheit werden technische Möglichkeit gefunden werden, ihnen bei der Abschlussdiskussion am 9. Mai in einem Chat Fragen zu stellen. Wir sehen, äh lesen uns.