Seiner Friseurin würde Gutsch sogar nach Abu Dhabi nachreisen.
Foto: Imago Images/Rüttimann

BerlinIch habe gelesen, dass 2020 ein Jahr voller Jubiläen ist. 75 Jahre Kriegsende. 100 Jahre Gründung von Großberlin. 30 Jahre deutsche Einheit. 50 Jahre „Tatort“. Das allerwichtigste Jubiläum ist für mich aber: Mein Friseur wird 20 Jahre alt. Also, der Friseursalon.

Ewig hatte ich keinen Friseur. Ich zog herum. Mal saß ich bei „Stefani Bumann & Team“, weil mir der Kollektivgedanke im Namen gefiel. Aber meine Frisur sah immer sehr Bumann aus. Später ging ich auch mal bei Udo Walz vorbei. Walz, den ich nur aus der Ferne sah, hatte einen gewaltigen Bauch, der teilweise oben aus der Hose herausquoll, er hing über dem Hosenbund wie ein fetter, träger Kater. Das war faszinierend. Aber auch einschüchternd.    

Mein Leben lang hatte ich immer ein bisschen Angst vor Friseuren. Die Gründe liegen in meiner Kindheit. Mein erster Friseur war meine Mutter, die mit einer Küchenschere, mit der sie auch Blumensträuße oder groben Karton schnitt, meine Haare frisierte. Sie gab sich große Mühe, aber was immer sie auch versuchte: stets kam ein Pony heraus. Meine ganze Pubertät über blieb ich der Pony-Junge, was meine sexuelle Erweckung durch ein Mädchen doch sehr verzögerte.  

Manchmal schickte mich meine Mutter auch zu einer Friseurin. Zu Frau Rahn. Sie war, so vermutete ich damals, aus der fleischverarbeitenden Industrie ins Friseurgewerbe gewechselt. Wenn Frau Rahn mir die Haare wusch, drückte sie mir kräftig den Kopf vornüber ins Becken, als wollte sie wieder ein Kälbchen ertränken.

Anschließend umwickelte sie meinen Hals eng mit kratzendem Schutzpapier und murmelte: „Ick weeß schon, watt ick mache.“ Darüber hinaus gab es keine Kommunikation. Einmal nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und bat Frau Rahn, da es die 80er-Jahre waren, mir doch mal eine Popper-Locke zu schneiden. Nur so eine kleine, winzige. Aber Frau Rahn schüttelte den Kopf und sagte: „Nee, nee. Ick weeß schon, watt ick mache.“ Dann schor sie mich an den Seiten wie ein Schaf und ließ vorne den ewigen Pony.    

Gehe ich heute in meinen Friseursalon, bin ich jedes Mal ganz gerührt, wenn die Friseurin fragt: „Wie soll ich es dir schneiden?“ Enttäuschend ist nur, dass ich darauf keine gute Antwort habe. Sondern nur Variationen von: so wie immer. Seit 300 Jahren habe ich die gleiche Frisur. Mal kürzer, mal länger. Wahrscheinlich habe ich intern längst den Spitznamen „Herr-So-wie-immer“. Oder Mister-Very-Boring. Oder es laufen Wetten, wann ich mal meinen Scheitel von links auf rechts lege. Trotzdem tut meine Friseurin immer so, als würden wir ein ernsthaftes Frisuren-Gespräch führen und darüber nachdenken, wie der Schnitt denn diesmal aussehen könnte. Sie sind eben echt gute Schauspieler in dem Laden.

Meine Friseurin kenne ich länger als meine Frau. Die Bindung zwischen uns ist stark und fest wie ein Haargummi. Erst war meine Friseurin in einem anderen Salon tätig. Als sie dort plötzlich verschwand, war ich emotional orientierungslos und trank zu viel. Ich recherchierte ihr hinterher wie ein Stalker. Es ist einfach so: Ein Mann mit Friseurphobie kann die Partei wechseln, den Fußballverein, den Job, die Frau. Aber nie eine gute Friseurin! Zieht meine Friseurin irgendwann nach Thüringen oder in die Vereinigten Arabischen Emirate, werde ich selbstverständlich zum Frisieren nach Gotha reisen. Oder nach Abu Dhabi.

Viele Berliner Friseursalons, das ist auffällig, tragen leider Namen mit gequälten Wortspielereien. Haarreinspaziert. Haarbracadabra. Dirty Hairy. Pony&Clyde. Gut gefällt mir hingegen „Rudis Locken Puff“. Oder: Salon Haarschgesicht. Mein geliebter Friseursalon aber heißt ... Tut mir leid, ich kann das nicht schreiben. Eine gute Schnittadresse teilt man nicht! Aber der Name ist vorne kurz und hinten lang und wird nun 20 Jahre alt. In der Berliner KastHAARnienallee.