Gerade wollen die beiden Dresdener Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) spätabends in den Geburtstag von Gorniak hineinfeiern, da werden sie zu einem Vermisstenfall in eine Villa abkommandiert – als wären sie niedere Chargen im Streifendienst. In einer anderen unheilvollen Villa hatte Winkler vor drei Jahren ihren Einstand im „Tatort: Das Nest“ gegeben – mittlerweile arbeiten die beiden Frauen schon zum siebten Mal zusammen. Auch diesmal gibt das Gebäude dem Krimi seinen Titel: „Das kalte Haus“.

Das Anwesen, das in Wirklichkeit nicht in Dresden, sondern südlich von Leipzig in Markleeberg steht, wirkt innen pompös und überladen. Die vermisste Frau des Hauses erscheint auf riesigen Fotos wie eine Trophäe des Mannes, der nach der Vermisstenmeldung panisch durch die Gegend rennt. Dann entpuppt sich das kalte als sogenanntes „intelligentes“ Haus: Überall, wo Gorniak und Winkler mit ihren Taschenlampen auftauchen, geht die Beleuchtung an, laufen Videos von alleine los, beginnt Musik zu spielen – gruselig! Schließlich finden die beiden eine Blutlache im Bett.

Wieder muss eine Kommissarin Traumata verarbeiten

Bewohnt wurde das riesige Anwesen nur von einem Paar: Der Mann (Christian Bayer) betreibt eine offenbar so wichtige Firma, dass selbst der Dresdener Oberbürgermeister noch nachts Druck auf die Kripo ausübt – die politische Einflussnahme wird vom Drehbuch aber nur behauptet, dieser Strang bleibt völlig überflüssig. Die Frau (Amelie Kiefer) hatte ihre Arbeit als Psychologin aufgegeben und im Schuppen ein Videostudio eingerichtet. Sie präsentierte sich im Netz als „Glückssucherin“ und gab Tipps für den „Happy Place“. Der privat unglückliche Kripo-Chef Schnabel (Martin Brambach) war ein begeisterter Fan ihrer YouTube-Videos.

Die Beziehung zwischen dem völlig aufgelösten Mann, der Schnabel vors Auto läuft, und seiner verschwundenen Frau schien obsessiv und spannungsreich zu sein. Kommissarin Gorniak wittert jedenfalls sofort, dass mit dem Mann etwas nicht stimmt – schon wieder speist sich der intuitive Verdacht aus dem privaten Erleben der Kommissarin. Ihre Mutter war vom Vater regelmäßig verprügelt worden und mit ihren Kindern ins Frauenhaus geflüchtet. Die „Tatort“-Masche, das Ermittlerinnen im Dienst ihre Traumata aufarbeiten, war ja erst vor einer Woche in Bremen strapaziert worden. Regisseurin Anne Zohra Berrached, die beide Krimis in Szene gesetzt hat, trägt diesmal aber nicht so dick wie auf; surreal wirkt hier nur, wenn das komplette Kripo-Team in der Tatort-Villa mit einem Blumenstrauß und einem Ständchen aufwartet, um Gorniak zu Geburtstag zu gratulieren.

Anders als im Bremer „Tatort“ dreht sich hier kein Karussell verhaltensauffälliger Typen – der Fall konzentriert sich auf den einzigen Verdächtigen. Der Thüringer Christian Bayer, bislang nur den Theatergängern bekannt, spielt in seiner ersten großen Fernsehrolle eine schillernde Figur mit einer weiten Spanne von weinerlich-selbstmitleidig bis zu übergriffig-gewaltsam. Eben noch hat sich der Mann an Winklers Schulter ausgeweint, kurz darauf packt er sie gewaltsam am Arm, als die Polizistin eine private SD-Karte in den Laptop legen will. Er weiß: Die Technik des Hauses hat einiges zu verbergen.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Tatort: Das kalte Haus, Mo, 6. Juni, 20.15 Uhr, ARD