Daniel Barenboim, der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, ist ein autoritärer, despotischer, oft genug unerträglicher Chef, so hat es das Internet-Musikmagazin Van enthüllt aufgrund anonymer Klagen von Orchestermusikern.

Er schubst eine Geigerin, die ihm am Ende eines Konzerts den Blumenstrauß des Orchesters überreichen will, vor den Augen des Publikums weg. Er hat kein Verständnis, wenn ein Musiker aufgrund eines Trauerfalls in der Familie Konzentrationsprobleme hat. Mitarbeiter packt und schüttelt er auch mal.

Die ersten Musiker, die in andere Orchester geflohen sind, melden sich nun auch namentlich zu Wort: Zum Beispiel Willy Hilgers, der von Barenboim nur „Pauke“ genannt wurde; als Hilgers Barenboim seinen Namen nannte, sagte der nur: „Seien Sie nicht so sensibel, ich nenne Sie, wie ich möchte“ – am Ende seiner Zeit bei der Staatskapelle konnte Hilgers unter Barenboim nur noch nach Einnahme von Antidepressiva spielen.

Und jeder, der in dem Milieu unterwegs ist, hat ähnliche Geschichten gehört: Barenboim verbreitet Angst und Druck, führt Musiker vor oder sortiert sie vor Aufführungen aus.

Ein Sympathieträger ist Daniel Barenboim nie gewesen

Insofern überrascht der Inhalt dieser Nachrichten kaum. Matthias Schulz sagt: „Problematisches Verhalten durch Daniel Barenboim, der Höchstleistungen erbringt, ist uns zu keinem Zeitpunkt bekannt geworden“ – der junge Staatsopern-Intendant von Barenboims Gnaden beeilt sich noch rasch, von Höchstleistungen zu sprechen, wie es die vier Seiten Barenboim-Biografie in jedem Staatsopern- und Staatskapell-Programm tun, und man fragt sich glatt, ob in dem „uns“ des Schulz-Statements nicht auch Barenboim selbst eingeschlossen ist, der kein problematisches Verhalten an sich feststellen kann.

Vier Seiten Biografie – kein anderer Chefdirigent macht so etwas –, das höchste Podium beim Dirigieren in der Philharmonie, und der leere, herablassende Blick beim Verbeugen, der zu sagen scheint, dass sich das Publikum eigentlich vor ihm verbeugen müsse. Ein Sympathieträger ist Barenboim nie gewesen, und es interessiert ihn auch nicht, einer zu sein.

Barenboim ist ein Genie

Barenboim ist ein Genie. Musikstudenten geben alles dafür, unter ihm spielen zu dürfen, weil hier einer alles hört, alles weiß, alles kann und alles will. Er hat die Klavierliteratur von Bach über Beethoven, Schubert bis zur Moderne im Kopf – in den Fingern nur noch bedingt –, außerdem die Orchester- und Opernliteratur von Mozart über Wagner und Verdi bis Boulez und Elliott Carter. Er ist ein Musiker, der tief einsteigen kann – wenn er will – und sich für Komponisten wie Edward Elgar und Claude Debussy in einer Weise engagiert, die Bewunderung verdient.

Die hat man ihm auf allen Ebenen im Übermaß gezollt. Nicht nur die Staatskapelle liegt ihm zu Füßen, seit er sie künstlerisch und finanziell auf Weltniveau gebracht hat. Die öffentliche Hand hat ihm das Opernhaus aufs Feinste renoviert, ihm gleich daneben noch einen Konzertsaal als Privatspielplatz hingestellt und von deutschen Steuergeldern eine Hochschule finanziert, an der kein deutscher Staatsbürger studieren kann.

Wenn das Geld nicht kommt, wird sofort mit Rücktritt gedroht, und das darf auf keinen Fall sein, denn wie schon der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagte, ist Barenboim der einzige Musiker von Weltruf in dieser Stadt – womit er die damals hier tätigen Kollegen Simon Rattle, Kent Nagano und Marek Janowski zu Provinzgrößen degradierte.

Riesiger Leistungsdruck

Wenn man sich derartig abhängig macht von einem Dirigenten, darf man sich nicht wundern, wenn einem ohnehin eher mäßig erzogenen Wunderkind innerlich die Pferde durchgehen. Und was auch immer an seelischen Defekten dahintersteckt: Die werden sich im Alter – Barenboim ist 76 – verstärken, das weiß jeder aus der Verwandtschaft.

Barenboim gehört der Generation der Pulttyrannen schon nicht mehr an. Aber dass die heutigen Dirigenten freundlicher daherkommen und von Teamgeist reden, soll nicht dafür blind machen, dass die Mitgliedschaft in einem Spitzenorchester zu den belastendsten Berufen überhaupt gehört. Es ist hier wie in jedem anderen Beruf nach dem Wandel von der Disziplinar- zur Leistungsgesellschaft: Die Disziplinierung verschwindet nicht mit dem autoritären Chef, der Leistungsdruck wird vielmehr vom Musiker internalisiert.

Man macht sich nun gegenseitig fertig. Wer sich verspielt und dabei erwischen lässt, dem drohen auch unter Kollegen Mobbing und Ausschluss. Es ist wohl kein Gerücht, dass Alkohol, Betablocker und Psychopharmaka in Orchestern üppig konsumiert werden.

Seelische Abhängigkeiten

In der Staatskapelle kommt der autoritäre Chef noch oben drauf. Während alle anderen Berliner Orchester und Chöre ihre Mitglieder im Werbematerial fotografisch einzeln oder in kleinen Gruppen ablichten und ihnen Gelegenheit zur Vorstellung geben, ist das Gesicht der Staatskapelle ihr Dirigent. Wie die schweigende Mehrheit des Orchesters mit Barenboim klar kommt, weiß man nicht – wie auch: Entweder haben sie nicht zu klagen, oder sie haben Angst.

Der Inhalt dieser Nachrichten erstaunt kaum – Barenboim geht auch nicht darauf ein, sondern er wundert sich über den Zeitpunkt. „Wenn ich ihn“ – den mittlerweile in Kopenhagen arbeitenden Posaunisten Martin Reinhardt – „so ungerecht behandelt hätte, warum ist er dann zwölf oder 13 Jahre hier geblieben?“

Barenboim kann natürlich immer gehen und wohin er will. Für Musiker ist das ein finanzielles und familiäres Problem, und ab einem gewissen Alter werden auch Staatskapell-Mitglieder nicht überall mit Kusshand genommen. Dazu kommen seelische Abhängigkeiten, wenn das Selbstbewusstsein am Kollektiv hängt oder die Anerkennung durch den Patriarchen gesucht wird. Auch hier befremdet Barenboims kompletter Ausfall an Empathie, den man mit seiner Selbstdarstellung als Humanist und Weltbürger nicht zusammenreimen kann.

Auf der Welle allgemeinen Gemaules

Dennoch: Die Vorwürfe gegen Barenboim haben etwas Flaues, insofern sie auf der Welle des allgemeinen Gemaules segeln über exzentrische, schlecht erzogene Leistungsträger, die sich nun bitteschön zerschneiden sollen in geniale Geister und angepasste Gesellschaftsmitglieder. Zweifellos ist Barenboims Verhalten unmöglich, aber wenn einem die Teilhabe an seiner einzigartigen Musikalität wichtig ist, muss man es wohl in Kauf nehmen.

Die extreme Intensität seines Musizierens ist von seiner extremen seelischen Disposition wohl kaum zu trennen; freundliche Dirigenten wie der nicht weniger intensive Simon Rattle sind eben anders. Mit dem Anderen kann man sich auseinandersetzen – bei den Londoner Proms haben Musiker, die Barenboim angebrüllt hat, zurückgebrüllt – oder sind ihm aus dem Weg gegangen.