Ist es schon Cross-Promotion, wenn ein Film „Elles“ heißt und von einer Journalistin handelt, die für die Zeitschrift Elle arbeitet? Es liegt zumindest etwas Aufdringliches in dieser Tautologie, ein wenig wie bei jenem französischen Bestseller vor ein paar Jahren, dessen Titel in seinem Verkaufspreis bestand. „Das bessere Leben“ lautet der deutsche Filmtitel, der bereits eine Interpretationshilfe liefert. Denn es gibt mehrere „Sie“ in diesem Film. Zunächst einmal die von Juliette Binoche gespielte Autorin Anne, die an einer Reportage über das Modethema „Studentinnen-Prostituierte“ arbeitet. Anne hat zwei Informantinnen: Charlotte ist eine zielstrebige, aber besorgniserregend orientierungslose junge Frau aus der Arbeiterklasse, und Alicja ist eine lebenslustige Polin. Und wer von ihnen allen hat nun „das bessere Leben“?

Sex mit sich selbst

Vor allem Alicja lässt die Journalistin allmählich an der Überlegenheit ihrer bildungsbürgerlichen Existenz zweifeln. Vor allem ihre sexuelle Frustration kann Anne nicht mehr verdrängen, wenn sie bei ihren Interviews einen ihr selbst unbekannten Voyeurismus in sich entdeckt. Für diejenigen, die tatsächlich die Überdeutlichkeit derartiger Reportagen in Magazinen wie Elle schätzen, hat die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska eine Masturbationsszene mit Binoche eingefügt. Derartige Szenen stehen meist selbst unter Voyeurismus-Verdacht, gerade dann, wenn sie mit Kunstanspruch daher kommen. Tatsächlich aber gelingen sie – wie fast alle filmischen Inszenierungen – nur, wenn man an ihnen etwas mehr ablesen kann als die Offensichtlichkeit dessen, was gerade passiert.

In Steve McQueens Spielfilm „Shame“ gibt es zum Beispiel eine Masturbationsszene, die Lust als Schmerz vermittelt. Und so bereits das Filmthema, das obsessive sexuelle Verhalten eines Mannes, über den Rang eines Zeitschriftenartikels hinaus hebt. Das bessere Leben“ bleibt solche Erfahrungen schuldig, auch wenn der sichtbare Teil der unerfüllten sexuellen Sehnsucht der Binoche-Figur mit Beethovens siebter Sinfonie vertont wird. Allerdings ist der Film vermutlich in der erbärmlichen deutschen Synchronfassung auch nicht abschließend zu beurteilen. Wer sich etwa fragt, warum die Polin mal mit Akzent und mal ohne spricht, darf vermuten, dass ihr fließendes Deutsch im Original ebensolches Polnisch gewesen sein muss. Dass dies für die polnische Regisseurin wichtig gewesen sein könnte, ist dem deutschen Filmverleih egal.

Verhaltener Voyeurismus

Tatsächlich ist dieser enttäuschende Film mehr von Dialog getragen, als ihm gut tut, und wie bei den Illustriertengeschichten, die ihn inspiriert haben dürften, wird man auch kein bisschen schlauer daraus. Nur mit Vorsicht, aber dennoch einigen Ausrufezeichen wagt sich der Film an das vermeintliche Tabu anzudeuten, dass es möglicherweise doch Menschen gibt, die sich den Prostituiertenberuf ausgesucht haben, weil sie es so wollen. Zugleich aber sucht Szumowska die größtmögliche Distanz zu jenem Filmgenre, das schon immer nichts Anderes behauptet hat: dem Porno. Die einzige Blickrichtung, die Szumowska auf das Phänomen erlaubt, ist der verhaltene Voyeurismus von Anne. Adressiert an ein Publikum mit ähnlich bildungsbürgerlichem Hintergrund, scheitert der Film im selben Augenblick, da man sich der Identifikation verweigert. So bleibt wenig mehr übrig als eine Reihe illustrierter Fallstudien, wie man sie jeden Monat in irgendeiner Illustrierten lesen kann.

Das bessere Leben (Elles) F 2011. Regie: Malgorzata Szumowska, Drehbuch: M. Szumowska, Tine Byrckel, Darsteller: Juliette Binoche, Anaïs Demoustier u. a.; 99 Min., Farbe. FSK ab 16.