Es ist ja keine Überraschung mehr, dass Popkünstler einen mit der Veröffentlichung ihrer Alben überraschen. Nun hat es auch die sonst bis zur Schrulligkeit auf Originalität bedachte Björk getan. Sie kann aber nichts dafür: Ihrem Management – wie vor kurzem auch jenem von Madonna – war es nicht gelungen, das Album für sich zu behalten. Und anders als die zornige Madonna entschloss sich Björk lässig – „Danke für das Interesse“, schrieb sie ins Facebook – zum umgehenden Release, knappe zwei Monate, bevor das Werk zur Eröffnung von Björks großer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art erscheinen sollte.

„Vulnicura“ heißt es mit der gewohnten altphilologischen Spitzfingrigkeit, ein Fantasiewort, das zweifellos Wundheilung bedeuten soll. Darum geht es nämlich, wenn auch nicht so wörtlich, wie sie es auf dem Cover als Latex-Cyborg mit extraterrestrischen Löwenzahnpuscheln am Kopf und klaffend geöffneter Brust darstellt. Björk verarbeitet die Trennung von Matthew Barney, dem rauschhaft enigmatischen „Cremaster“-Film- und Ausstattungskünstler, mit dem sie 2005 für „Drawing Restraint 9“ auch musikalisch zusammenarbeitete.

„Our love was my womb / but our bond has broken“, singt sie hier auf „History of Touches“. Die Auflösung der Liebe datiert sie in den Songs chronologisch von „3 Monate vorher“ bis „elf Monate danach“. Man erfährt vom „steinemelkenden“ Versuch und der zornigen Forderung zu sprechen, sie beschwört „jede Berührung“ und „jeden Fick“, bangt um das Verhältnis zur gemeinsamen Tochter und überwindet schließlich versöhnlich das Ende.

Arca und The Haxan Kloak

Das Album bildet also das Gegenstück zum hellen, erotisch aufgeladenen bis expliziten „Vespertine“ von 2001. Dort wogten die Beats körperlich einladend, knisterten zärtlich und schmiegten sich weich kuschelnd um die selbstverloren schwelgende Stimme, die in „Pagan Poetry“ a capella und von einem Chor gestützt minutenlang „I love him“ seufzte. (Einige zweifelnde Passagen verdankten sich, so heißt es, der naturgemäß unkuscheligeren Arbeit an Lars von Triers Film „Dancer in the Dark.) In den liebevollen Arrangements ließ Björk sich damals vom Produzenten-Duo Matmos unterstützen, den Meistern der Verwandlung von eigenwilligen Echtgeräuschen in warme Housesamples.

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Für „Vulnicura“ hat sie sich nun für zwei Nummern den düsteren Sägedrone-Künstler The Haxan Kloak alias Bobby Krlic und für fast alles den venezolanischen Produzenten Alejandro Ghersi als Co-Produzenten geholt. Den kennt man unter dem Pseudonym Arca durch prominente Kundschaft wie Kanye West, durch die Alien-Beats für die britische R’n’B-Avantgardistin FKA Twigs und von seinem aufregend fremdartigen, zerrissenen Albumdebüt „Xen“ aus dem letzten Jahr. Arcas Handschrift hört man in etlichen ganz formidablen Verbindungen von abweisenden elektronischen Geräuschen, fern bebenden Bassschlägen, verschleppten und abstrakt rasselnden Beats mit den von Björk großartig arrangierten Streichern – sie bewegen die Titel in vollen, romantischen Wellen, mit schrillem, minimalistischen Schürfen und klagenden freien Soli.

Björks Tonfall wirkt deutlich herznäher als auf dem Gesamtkunstwerk „Biophilia“ vor vier Jahren, in dessen „Erforschung des Universums“ mit seinen selbstgebauten Instrumenten, mit Apps, Games und einem Buch die Musik ohnehin zu kurz kam. Ihr Ton wiederum schweift gewohnt theatralisch, oft prätentiös und, jedenfalls für mich, auf Dauer zu anstrengend.

Heidnisch-sakral

Dies zumal, wenn sie – wie seit längerem schon – nicht viel Wert auf nachvollziehbare Melodielinien legt. Manches wirkt hier arg vom emotionalen Mehrwert überzeugt und voreilig extemporiert. Tracks wie das stimmverfremdet wabernde „Family“, die wilden Bewegungen von „Mouth Mantra“ und das irgendwie fernöstliche „Notget“ besitzen dabei einigen klangexperimentellen Reiz. Das achtminütige „Atom Dance“ gewinnt nach allzu selbstgewiss repetitiven fünf Minuten noch Charakter, wenn sich Antony Hegartys unverkennbare Stimme ins wachsende, auch stimmliche, Dickicht mischt. Zum musikalischen Strudel des Schlusstitels „Quicksand“ springt Björks Gesang jedoch nur noch recht beliebig auf und ab.

Selten erschließen sich die Lieder so freigiebig wie auf dem warm mit Großbesetzung melancholisierten Opener „Stonemilker“ oder dem ebenso wirkungsvoll aufgebauten wie insgesamt herzerweichend hübschen „Black Lake“. Der elegische, mit langen Pausen gebrochene Track dauert zehn Minuten und beruht auf einer nur sacht variierten, demütigen, aber fein von Streichern harmonisierten und umspielten Gesangsfigur. Arca setzt dazu seltsam verdrehte, stotternde Basspocher, die sich langsam zu einem gedämpft rappelnden und verzerrten Beat verdichten und wieder vereinsamen – nicht der einzige Moment, dessen distanzierte, aber unverstellte Direktheit ein wenig ans heidnisch-sakrale Schaffen von Nico mit John Cale erinnert.

Insgesamt bleibt jedoch ein bekannter Eindruck. Einerseits fürchtet Björks künstlerischer Ehrgeiz die Zugänglichkeit, andererseits mündet ihre Experimentierfreude oft nur in einer Art futuristischer Verschrobenheit – die Verbindung von musikalischem Gestus und vokaler Gestalt wirken nur behauptet. Als Geschichte eines, wie es scheint, ganz normal aufgerissenen Herzens klingt das natürlich trotzdem recht unerhört.