Sahra Wagenknecht in einer Szene des Films "Wagenknecht". Der Film kommt am 12. März 2020 in die deutschen Kinos.
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BerlinPolitikerporträts sind ein riskantes Genre. Kontrolle und Marketing sabotieren die freie Entfaltung auch visueller Kreativität. Man denke nur an die pompöse Huldigung „Joschka und Herr Fischer“ von Pepe Danquart. Weshalb sollte es bei einem Film über Sarah Wagenknecht anders sein? Lässt sich eine Politikerin zwei Jahre lang von einem Filmteam begleiten, ohne sich selbst etwas davon zu versprechen? 

Die Regisseurin Sandra Kaudelka, noch in Erinnerung mit ihrem Film „Einzelkämpfer“ über Spitzensportler in der DDR, hat etwas nahezu Unmögliches geschafft: Sie näherte sich Sahra Wagenknecht mit Respekt und einer Selbstbehauptung, die sie als Regisseurin nie zur Dienstleisterin macht. Das gelingt ihr mit einer klugen Balance von Nähe und Distanz, vor allem aber mit einem höchst aufmerksamen Blick auf das Biotop, in dem sich Politiker bewegen. Insofern könnte man „Wagenknecht“ fast als einen Architekturfilm über das politische Berlin bezeichnen.

Die ambitionierte Radfahrerin

Kaum sonst irgendwo hat man die gläsernen Fraktionsgehäuse und deren funktionale Möblierung so gesehen. Räume, in denen keiner seine Spur hinterlassen darf, schließlich ist die Präsenz des einzelnen Politikers darin befristet. Die Bilder an den Wänden stammen aus der Kunstsammlung des Bundestags, nur eines hat Sahra Wagenknecht selbst mitgebracht: Die Silhouette des Mont Ventoux, eine der gefürchteten Herausforderungen der Tour de France. Auf den Serpentinen haben manche Radfahrer ihr Leben verloren.

Trailer zu: „Wagenknecht“

Quelle: Youtube

So ein Bild sagt natürlich etwas aus über seine Besitzerin. Aber anders als erwartet, spricht die ambitionierte Radfahrerin Wagenknecht nicht über ihre eigenen Erlebnisse beim Bezwingen dieses Bergs sondern davon, dass sie der Blick auf dieses Bild in angespannten Situationen beruhige.   Die Weite dieses Bilds verweist sehr deutlich auf den engen Takt der Umgebung, in der es hängt. Kaudelka hat den minuziös durchgeplanten Alltag Wagenknechts zwischen dem Frühjahr 2017 bis zum Beginn des Jahres 2019 begleitet. Die politische Landschaft ändert sich in dieser Zeit dramatisch. Am Abend der Bundestagswahl 2017, an dem die AfD triumphierte, sieht Kaudelka Wagenknecht von hinten über die Schulter. Auch in dieser Schocksituation bewahrt die Politikerin ihre Fassung, nicht anders als in den innerparteilichen Kämpfen, denen sie schließlich den Rücken kehrt und die Sammlungsbewegung Aufstehen“ mitinitiiert.

Die Verletzungen lassen sich ahnen, münden aber kaum in Anklagen gegenüber einem Parteivorstand, der ihr nach der Bundestagswahl vorwarf, sie habe Wähler vertrieben. In dem Moment, da Wagenknecht der zurückhaltenden, nur manchmal in der Tonspur präsenten Filmemacherin das erzählt, ahnt man etwas von einer sehr alten Einsamkeit. Ein leiser, nachdenklicher Film von selten gewordener Behutsamkeit.

„Wagenknecht“

Deutschland 2020. Regie: Sandra Kaudelka, Mit Sahra Wagenknecht u.a., 100 Min