Frank Castorf hatte, als man nach Lars von Trier und Wim Wenders endlich – und ein bisschen notnagelhaft – auf ihn verfiel als Regisseur der Wagner’schen „Ring“-Tetralogie im Bayreuther Jubiläumsjahr 2013, ziemlich genau drei Monate Zeit, von wenig mehr als Nullwissen auf fast Probenbeginntauglichkeit für die Opern zu kommen. Da muss man einerseits manisch theaterbesessen, ein bisschen größenwahnsinnig und zugleich ein Arbeiter vor dem Herrn sein und zudem eine große Idee haben, wie man den „Ring“ sehen will.

Quadratur des Kreises

Castorf hat in Bayreuth – was bei der Wiederaufführung seiner Inszenierungen in dieser Woche noch deutlicher wird – hilfreicherweise drei, vier mindestens ebenbürtige Architekten. Zum einen Kiril Petrenko als Dirigenten, der häufig eine Art musikalische Quadratur des Kreises hören lässt. In sich geschlossene kammermusikalische Analysen, die trotzdem zusammen einen nie abreißenden, quasi sinfonischen Fluss ergeben. Petrenko kennt keine falschen Dogmen. Er will den Dingen auf den Grund gehen – wie Pierre Boulez. Er will aber auch den Rausch – wie Christian Thielemann. Indem er die Symbiose herstellt zwischen dem genauen Buchstabieren und dem Genusslesen der Partitur, wächst Petrenko mit dem Festspielorchester häufig über sich hinaus. Das ist ganz große Kunst.

Ganz großes Handwerk erst einmal sind die verschachtelten Dreh-Bühnenbilder von Aleksandar Denic und die Videoarbeiten von Andreas Deinert und Jens Crull. „Rheingold“ spielt in den siebziger Jahren an der Route 66: im und um ein Motel und eine Tankstelle herum, ein Platz, den Crull bis in die Schubladen in den Zimmern en detail über eine Leinwand vorstellt.

In der „Walküre“ springt die Handlung zeitlich Jahrzehnte zurück und in ein Erdölkommandofort aus Holz in Baku. Das ist schon auch logisch. Wotan war als Typ schon weiter, bevor er in der Handlung zu Uraltmachtsicherungstricks greift. Und die Zeit ist auch bei Wagner kein Kontinuum. Anfangs ein gegelter Mann mit paranoid-mafiotischen Zügen, trägt Wotan nun Langbart und eine rabbinerhafte Robe. Bevor er Brünnhilde, die gehorsam-ungehorsame Tochter, hinterm Feuer zur Ruhe bettet, bis ein Held von Format sie findet, rasiert er sich dann aber wieder. Er ist jetzt Sowjetapparatschik.

Videos als stilprägendes Mittel

Nun sind Videos, wie im Vorjahr bei der Premiere häufig kritisiert, nichts Neues auf dem Theater, klar. Aber Castorf setzt sie auch nicht en passant ein, sondern als stilprägendes Mittel. Er variiert damit eine Grundidee des Filmregisseurs Sergej Eisenstein, der 1939, nach der Unterzeichnung des Nichtangriffspakts zwischen Deutschland und der Sowjetunion, für Josef Stalin und den ganz und gar nicht amüsierten Adolf Hitler im Bolschoitheater eine genuin antifaschistisch gemeinte Inszenierung der „Walküre“ erarbeitete. Wagners bildhafte Musik begleitete bei ihm ein mimischer Chor und zusätzliche Darsteller.

Castorf übernimmt exakt diese Konzeption, die sich heute wunderbar ausweiten lässt. Man sieht also, ein Beispiel von unzähligen, teils atemraubenden Querbezügen, wie etwa, wenn die Göttin Freia (die sich, kleiner, zynischer Castorf-Scherz, Wotan mit ihrer Schwester Fricka im Bett teilt) oben im Motelbett in die Kissen heult, während ihr Schwager unten an der Tankstelle (Öl, nicht Gold ist der Treibstoff) mit den Riesen um ihren Preis und den von Walhall schachert.

Sehr grell und mit abrupter Szenenschnitttechnik, auch im puren Theatralischen, erzählt Castorf „Rheingold“ als Krimi. „Die Walküre“ büßt – wegen etlicher arioser Monologe – an Tempo, nicht an Spannung ein. Vollkommen veränderte Szenerie, gedimmtes Licht, Videos jetzt in Väter-der-Klamotte-Propaganda-Manier, wüstes Land. Hier schaut nun das 21. Jahrhundert auf das frühe 20. zurück. Untergründig bereitet sich eine Ablösung vor, wovon der vielfache Vater und Clanchef Castorf natürlich auch ein Lied singen kann.

Maß halten und Castorf sind zwei Welten

Es stecken nicht wenige Anspielungen über Machtbesoffenheit und Machtmissbrauch generell in diesen ersten beiden Abenden der Tetralogie, die sich als assoziatives Großpuzzle erweist, das selbst einen einigermaßen ordentlich informierten Menschen mit zwei Augen und zwei Ohren mitunter überfordert. Aber Maß halten und Castorf sind nun mal zwei Welten. Im Übrigen allweil beste Stimmung im Saal, da sich der Regisseur ja nun mal erst am Schluss des gesamten Zyklus zeigt (nach dem „Siegfried“ am Mittwoch steht die „Götterdämmerung“ für Freitag auf dem Plan). Doch hört man’s schon vorher in den Pausen ordentlich grummeln.

Vorerst sehr in Ordnung soweit alles Vokale, wobei der Mitregent in Bayreuth, Christian Thielemann, ja die zackig-ambitionierte Parole ausgegeben hat, unter „allererster Sahne“ ginge es hier nun mal nicht, was womöglich demnächst andere Verpflichtungen verlange. Wolfgang Koch als Wotan, wenn auch mitunter in Sprechgesang verfallend, eine Erda mit sehr samtigem Legato (Nadine Weismann), Anja Kampes strahlende Sieglinde, Claudia Mahnkes präzis keiffreie Fricka und auch Johan Bothas fast anstrengungslos gesungener Siegmund gehören aber wohl zweifelsfrei in die Sahne-Kategorie, wobei Botha bekanntermaßen nicht der beweglichste unter den Darstellern ist. Doch auch er trägt seinen Teil zum bewegten Ganzen bei, das ja nicht wenig auf Ironie beruht. Als er von Hunding gemeuchelt wird, rollt Botha, was das Zeug hält: mit den Augen und in bester Stummfilm-Manier. Danke, Video!