Berlin - Moderne Inszenierungen mögen sich um Wagners „Ring“ noch so verdient gemacht haben – am gängigen Bild, dass es sich bei diesem Werk um verzopfte, aufgekochte Mythologie handelt, hat sich wenig geändert. Nach der Premiere von „Der Ring: next generation“ am Sonntag an der Deutschen Oper ist man überrascht und hingerissen von der Aktualität Wagners. Der „Ring“ wird hier von Drum’n’Bass-DJ Alexandra Holtsch ohne Scheu zerpflückt und neu zusammengesetzt. Indem Wagners sinnbenebelnder Klangfluss aufgebrochen, durch Elektronik und Beats verfremdet wird, ist plötzlich ein neuer, geklärter Blick auf all das möglich, was im „Ring“ steckt. Präsentiert wird das von 60 Jugendlichen.

Thementrennung

Eine Art biologisches Versuchslabor ist in Robert Lehnigers Inszenierung aufgebaut: Bäume und fahrbare Plexiglaskästen mit Menschen. Bunt leuchten die Wände dieser Terrarien, in den gleichen Farben sind die Overalls der Darsteller gehalten. Hier ist gesondert, was auf der Leinwand über der Bühne als eine Art Ursuppe zu sehen ist: Rot, Blau, Gelb, die brodelnd ineinander fließen. Das zeigt wie hier mit Wagners Tetralogie verfahren wird: Die Themen des „Rings“ werden unter Laborbedingungen auseinandergenommen, in drei Teile „Welt“, „Liebe“ und „Das Neue“ zergliedert. Ein Spiel, das komische Züge haben kann. Etwa wenn beim Nachdenken über den „neuen Menschen“, den Wagner-Wotan schaffen möchte, ein Mädchen im Video über die Möglichkeit eines Geschlechtsverkehrs zwischen Menschen und Vögeln fantasiert. Eine Art Mythenerfindung live.

Unter der Leinwand wird vor allem getanzt. Eine Gruppen-Choreographie von Emmanuel Obeya, die leider eher selten eindrückliche Bilder zum Gesamterlebnis beizutragen hat. Es bleibt vor allem bei zwei Gesten: dem Niederwerfen und dem Emporrecken. Der Mensch zwischen Himmel und Erde. Was nun nicht gerade zu den spannendsten im „Ring“ zu entdeckenden Erkenntnissen gehört. Am Ende überrascht dann doch, wie viel die DJ-Komponistin Alexandra Holtsch aus dem Original-Ring übernommen hat. Ein leicht abgespecktes Orchester sitzt unten im Graben, dirigiert von Moritz Gnann, und darf mit Sängern die Eckpunkte der Handlung liefern. Umrahmt von Elektro-Beats erscheint auch Wagners Musik wie auf dem Objektträger eines Mikroskops: vergrößert und in frischem Licht.

Vorstellungen 15., 20. März, 19.30 Uhr in der Deutschen Oper Berlin.