Die Schauspieler der Peking Opera Company überlassen nichts dem Zufall.
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BerlinWenn Wotan gestresst ist, zittern die Fähnchen auf seinem Rücken und ebenso die Finger, mit denen er in den Raum zeigt. Wenn er sich in einer schwierigen Lage befindet, wie das meist der Fall ist im „Ring des Nibelungen“, dann befindet sich auch sein Körper in einer schwierigen Lage. Auf einem Bein steht er dann, das andere wie ein Gymnastik-Sportler in die Höhe gestreckt, dass man, so wie dieser Wotan da steht in schwerer, silberner Robe, befürchten muss, dass er umfällt. Weil seine Schuhe handhohe Plateau-Sohlen haben, sieht die Angelegenheit noch einmal wackeliger aus.

Dramatik zwischen Peking und Bayreuth

Selbstverständlich fällt hier niemand einfach so um, ohne dass es dramaturgisch gefordert wäre. Die Künstler der chinesischen Peking Opera Company, die hier am Freitagabend im Radialsystem auftreten in einer Adaption von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, gehören, so ist zu hören, zu den bedeutendesten Künstlern auf ihrem Gebiet.

So auch Liu Dake, der Darsteller des Wotan, der neben Anna Peschke auch Regie geführt hat. 25 Jahre Städtepartnerschaft feiern Berlin und Peking in diesem Jahr, was die Veranstalter des Jugendorchester-Festivals „Young Euro Classic“ für eine deutsch-chinesische Koproduktion zum Anlass nahmen: Richard Wagners „Ring“ trifft auf die traditionelle Peking-Oper mit ihrer speziellen Mischung aus Rezitation, Gesang, Artistik, Tanz und Kampfkunst.

Wenig Wagner

Die Handlung wurde von Wagner übernommen, das Libretto zum Teil frei und offenbar ohne Stabreimzwang ins Chinesische übersetzt, die Usbekin Aziza Sadikova schrieb gemeinsam mit der Peking-Oper-Komponistin Qui Xiaobo eine neue Musik, in der Wagner nur am Rande vorkommt. So dröhnt zu Beginn der Walküre im Horn jene Tonfolge, die jedermann kennt: der Walküren-Ritt, und der Siegfried wird eingeblasen mit dem nicht weniger bekannten Hornruf des Helden.

Sonst aber herrscht, was die Musik angeht, wagnerfreie Zone, Sadikova komponiert Klänge, die angenehm den Hintergrund ausgestalten mit pochendem Marimbafon, säuselndem Cello und allerhand Schlagwerk, das den Gelenkpunkt bildet zur chinesischen Musik Qui Xiaobos. Traditionell pentatonisch tönt diese, schellenumläutet. Gesungen wird von den Sängerinnen und Sängern der Peking Opera Company mit weitem Vibrato und nasalem Klang, die deutschen Darsteller versuchen es ihnen teilweise gleichzutun. Meist wird aber gesprochen.

Städtepartnerschaftsfeierlichkeiten als Anlass

Tatsächlich lässt sich festhalten, dass sich dieser „Ring“ wie eine Peking-Oper-Vorstellung ausnimmt, in die sich ein paar Deutsche verirrt haben. So etwa Schauspieler Mattis Nolte als Siegmund, der mit Sieglinde, dargestellt von Jiang Meiyi, ein etwas kitschiges deutsch-chinesisches Paar bildet, wie es dem Anlass der Städtepartnerschaftsfeierlichkeiten wohl angemessen sein mag.

Kara Leva ist eine Brünhilde, die im weiß-goldenen Gewand einer Zarentochter auftritt und auf dem Kopf einen Helm mit edelsteinbesetzten Flügelschwingen trägt – die prächtige Kostümierung, wie sie in der Peking-Oper üblich ist, wird weitgehend beibehalten.

Claudius Körber schließlich zieht als stabreimrezitierender Loge nicht nur die Fäden wie ein wagnerscher Mephistopheles, sondern ist dem Betrachter auch eine Art Reiseführer durch das Stück: Er übernimmt die vielen erzählenden Partien der Ring-Teile mit Witz und Tücke. Was diesen Abend aber vor allem zum Ereignis macht, ist die Kunst der chinesischen Künstler mit ihrer weit ausstrahlenden Körperspannung und dem strengen Vokabular ihrer Bewegungen.

Form ist alles

Jede Geste hat ihren festen Anfang und ihr festes Ende, Form ist hier alles, das Individuum des Schauspielers nichts. Zum Nachdenken über Wagners „Ring“, der hier in einer feinen Zusammenfassung auf drei Stunden gekürzt präsentiert wird, regt diese Produktion weniger an als über die Unterschiede zwischen westlicher und östlicher Darstellungsweise, wie sie in der Peking-Oper zu erleben sind.

Die vordergründige Freiheit der deutschen Schauspieler mit ihrer im Vergleich spannungsarmen Haltung steht dem hoch disziplinierten, bis ins Einzelne hinein geplanten Auftritt der chinesischen Künstler gegenüber. Der Gegensatz in der Herangehensweise erscheint so fundamental, dass der Transfer ins Politische nahezu aufgedrängt wird: Wer mag hier Aussagen über den jeweils anderen treffen?