Aus den geräumigen Regalen leuchtet orangefarbenes Hintergrundlicht. In der Ecke ist eine Gitarre an die Stehlampe gelehnt. Davor steht ein neun Quadratmeter großer Tisch auf Billiglaminat. Sofa gibt es keins. So stellt sich RTL also die Wohnwirklichkeit seiner Zuschauer vor. Behauptete jedenfalls Chefredakteur Peter Kloeppel, als er vor einer Woche sein Publikum zur ersten Ausgabe der Sendung „Meine Wahl“ begrüßte: „Wir haben uns gedacht: bauen wir doch einfach mal ein Wohnzimmer nach! Weil so viele Menschen immer wieder sagen: Ich hätt' gern den Peer Steinbrück bei mir im Wohnzimmer oder die Bundeskanzlerin.“

Nun wüsste man zuallererst gerne mal, was das für Leute sind, die sich RTL zufolge danach sehen, ausgerechnet die Leute zu treffen, denen man derzeit in der Öffentlichkeit und den Medien sowieso kaum entkommt. Aber es war ja gut gemeint: In Besinnung seiner Pflicht zur Volksnähe hat der Deutschen liebster Privatsender entschieden, die Politik ganz nah zu den Menschen zu bringen. Vor acht Tagen Steinbrück, am Sonntag nun Merkel. Auf demselben Sendeplatz, wo Vera Int-Veen am Montag wieder schwer Vermittelbare verkuppelt.

Auf die Frage, was das am Tisch versammelte Volk drei Stunden mit Angela Merkel anstellen würde, haben die Menschen durchaus erfüllbare Vorstellungen, die von Kartoffelsuppe kochen bis Schach spielen reichen. Weil es damit vielleicht nicht ganz getan ist, versprach Merkel in der Sendung zudem ein Bündnis für Kinder und eine Mindestrente von 850 Euro. Und als RTL-Sternekoch Christian Rach von ihr wissen wollte, wer den Job als Bundeskanzler vielleicht noch besser erledigen könne als sie, entgegnete Merkel mit einigem Selbstbewusstsein: „Im Augenblick fällt mir niemand ein.“

Eine Woche zuvor musste sich Peer Steinbrück anhören, welches Tier die Runde in ihm sieht, nämlich: Nashorn, Mücke, Tiger, Steinadler, Elefant, Wal und Schildkröte. Hätten danach alle noch ein paar Schnäpse getrunken und Maumau gespielt, wäre es sicher ein geselliger Abend geworden. Kloeppel hat dann aber noch pflichtbewusst auf Pflegeversicherung, Steuerpläne und Rentenzukunft umgeleitet. Vier Wochen vor der Bundestagswahl ist das Fernsehprogramm randvoll mit Politik-Erklärstunden. Die Anstrengung der Verantwortlichen, ihr Publikum mit originellen Herangehensweisen zum Einschalten zu kriegen, ist diesmal besonders groß. Genau wie die Chance, damit zu scheitern.

Alt gegen jung

Während RTL zum Wohnzimmerplausch lud, veranstaltete das ZDF vor zwei Wochen erstmals „Die Debatte“: eine Frontalkonfrontation alter Parteihasen mit dem Politnachwuchs, um über die These „Die Alten leben auf Kosten der Jungen“ zu streiten. Im Gegensatz zu den üblichen Talkshows war „Die Debatte“ schon deswegen erholsam, weil jede Seite exakt dieselbe Zeit hatte, um für ihre Argumente zu werben. Ohne dass ständig jemand dazwischen brüllen musste, auch mal ausreden zu wollen.

Das Erste konzentrierte sich auf das, was es am besten kann: aufs Checken. Im selben Tonfall, mit dem sonst Discounter, Hautcremes und Reiseveranstalter unter die Lupe genommen werden, kümmerte sich „Der Kandidaten-Check“ in der vergangenen Woche um die große Politik – inklusive Fußgängerzonen-Umfrage. Um Steinbrück und Merkel ging es nur am Rande, dafür aber ausführlich um die Positionen der beiden großen Parteien zu den Themen Pflege, Familie und Arbeitslöhne.

Das wäre auch ohne die lästige Pflichtpersonalisierung interessant gewesen, wegen der sich eine zufällig ausgewählte Altenpflegerin, eine Familie ohne Kitaplatz und eine Friseurin im eigenen Garten von Familienministerin Ursula von der Leyen und der stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Manuela Schleswig besuchen lassen mussten.

Im Fokus, wieder mal, Prominente

Am stolzesten auf sich ist ProSieben. Für „Taskforce Berlin“, das in dieser Woche täglich um 23.15 Uhr gesendet wird, hat der Sender Reggae-Musiker Gentleman, „Topmodel“-Zweitplatzierte Rebecca Mir, Tanzlehrerin Nikeata Thompson und Schauspielerin Sophia Thomalla in Schulen und Jugendclubs geschickt, damit die sich dort anhören, welche Themen den Jugendlichen wichtig sind. Bei anschließenden Treffen mit der Politprominenz durften die „Botschafter“ das dann runterreferieren.

Auf die Frage, warum sie die Jugendlichen nicht einfach zum SPD-Kanzlerkandidaten, dem Gesundheitsminister und dem Grünen-Fraktionschef mitgenommen haben, meint Hendrik Niederhoff, Mitglied der sogenannten Chefredaktion bei ProSiebenSat.1: „Wir mussten was Besonderes an den Start bringen, damit sich die Pro-Sieben-Zuschauer dafür interessieren.“ Das sei nur mit „unseren Faces“ gegangen.

Genauso sieht „Taskforce Berlin“ jetzt auch aus. Im Mittelpunkt stehen nicht die Jugendlichen, sondern die Prominenten, die sehr überzeugt von der eigenen Unersetzbarkeit sind und zu dramatischer Musik Schulbuchsätze wie „Politik geht jeden was an!“ und „Lasst uns was bewegen!“ in die Kamera sagen, als hätten vorher alle im Motivationsstuhlkreis zusammengesessen und ein bisschen guten Willen geraucht.

Der Sendergruppe, die sich gerade medienpolitisch beliebt machen möchte, ist das natürlich recht – aber aus Zuschauersicht noch lange nicht erkenntnisfördernd. Zumal viele Jugendliche schlauer sein dürften als ihre vermeintlichen TV-Repräsentanten. Als „Got-to-Dance“-Jurorin Nikeata Thompson meint, sie habe „ja noch nicht so viel von der FDP gehört“, entgegnet ihr Gesprächspartner Daniel Bahr zu Recht: „Och, jede ,heute show‘ ist voll davon!“ Außerdem macht die ihre Zuschauer auf unterhaltsame Weise auch tausendmal schlauer als actionaufgepumpte Pro-Sieben-Politikersprechstunden.

Wer bei „Taskforce Berlin“ was lernen will, muss sich schon arg anstrengen. Oder auch nicht. „Hat mich sehr gefreut, ich muss jetzt leider auf den Laufsteg“, verabschiedet sich Model Rebecca Mir nach einem unverfänglichen Plausch mit CSU-Minister Markus Söder – und hat ja recht: Jeder soll das machen, wobei er andere am wenigsten stört. In der Politik wie im Fernsehen.