Fußgängerzone im Bukarest der frühen Achtzigerjahre.
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BukarestDer Erzähler in diesem Roman arbeitet als Lehrer wie einst der Autor selbst. Bukarest ist der Handlungsort, wo Mircea Cartarescu auch wohnt. Aber dass es sich um ihn nicht handeln kann, wird allein dadurch offenbar, dass der namenlos bleibende Erzähler als Schriftsteller bereits zu Beginn des Romans sein Scheitern benennt. Mircea Cartarescu, Jahrgang 1956, jedoch gehört seit seiner „Orbitor“-Trilogie zu den Großen in Europa, zuletzt vielfach als Nobelpreis-Kandidat genannt.

Der Roman „Solenoid“ ist ein ungewöhnliches Konstrukt mit einer Vielzahl von Handlungsinseln, die sich um „eine einzige Achse“ gruppieren: Das Zuhause des Erzählers und die Schule. Er umfasst in der deutschen (von Ernest Wichner übersetzten) Ausgabe 900 Seiten dünnen Papiers, das an den Rändern geschwärzt ist, so dass das Buch als schwerer Klotz erscheint. Das passt zur Erzählweise, zum Inhalt und zum Titel. Denn bei einem Solenoid handelt es sich um eine Zylinderspule mit konstantem Magnetfeld.

Cartarescus Erzähler wächst in einer Atmosphäre alltäglicher Gewalt auf

Nicht der Erzähler hat sich sein Zuhause gesucht, das Haus in Form eines Schiffs hat ihn sich ausgesucht. Dass der Grund dafür der darunterliegende Solenoid gewesen sein muss, den der Vorbesitzer vergrub, wird erst später klar. Dann nämlich, wenn die Lehrerin Irina ihn besucht, seine Kollegin, die ihn und sich beim Sex zum Schweben bringt. Dank des Magnetfeldes erlebt der Mann mit ihr beglückende Szenen. Sonst macht er viel Elend durch.

Schriftsteller Mircea Cartarescu.
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Zeitlich beginnt der Roman im Bukarest der finsteren Jahre, Cartarescus Erzähler wächst in einer Atmosphäre alltäglicher Gewalt auf. Geboren ist er als Zwilling, vermutlich, mindestens als Bruder eines Kindes, das nicht mehr da ist, „mit ihm ist vielleicht der einzige Sinn, der einzige Glanz, die einzige Schönheit, die einzige Chance meines Lebens verschwunden.“ Die Mutter ignoriert ihn, der Vater schlägt ihn, die Lehrer sind bösartig, ständig lauert irgendwelches medizinisches Personal mit Spritzen. Als er ins grausam-strenge „Präventionssanatorium“ kommt, hat er keine Sehnsucht.

Er sammelt persönliche Dinge wie die Milchzähne

Der Erzähler schreibt also, in seinem Haus hockend, von seiner Kindheit. Er schreibt auch von den Kindern, die er als Rumänischlehrer an der Allgemeinschule Nr.86 in Bukarest täglich vor sich hat, durch die er ständig neu von Läusen befallen ist. Kleine Krabbeltiere begleiten seinen Weg, Milben Bremsen; „blinde Kerbtierchen“, glaubt er, „sind wir allesamt“.

Er sammelt seine persönlichen Dinge wie die Milchzähne, Fussel aus dem Bauchnabel, seine Kinderfotos und seine Ängste. Er schreibt von seinen Kollegen, die sich in unübersichtlicher Weise zu vermehren scheinen. Sie sind ausgestattet mit absonderlichen Eigenschaften, die nur noch von dem seltsamen Verhalten des Hausmeisters übertroffen werden. Und er zitiert in langen Passagen aus seinem Tagebuch, sein Leben verdoppelnd.

Wie die Metallspäne, die Physiklehrer zur Demonstration von Anziehung und Abstoßung um einen Magneten auf ein weißes Blatt streuen, so gruppiert Mircea Cartarescu die Episoden um seine Daseins-Achse Zuhause-Schule. Manche Erzählspäne schließen aneinander an, andere scheinen nichts mit denen davor und danach zu tun zu haben, bis man viele Kapitel später (insgesamt sind es 51) auf einen Anschluss oder eine Spiegelung stößt.

Das Trauma der Erniedrigung

Urgrund der Schreibleidenschaft des Erzählers ist eine frühe, heftige Kränkung. Nach der Militärzeit, die seine „Introvertiertheit und Vereinsamung verzehnfacht“ aus der Kinheit und Jugend noch hat, beginnt er glücklich Philologie zu studieren.

Am 24. Oktober 1977 trägt er in einem Literaturkreis an der Universität sein erstes eigenes Werk vor, das Poem „Der Niedergang“: „Ich befand mich in meiner Dichtung, die an die Stelle der Welt getreten war“, schreibt er. Und genauer: „Ich kreiste in seiner Spirale in stets enger werdenden Krümmungen“ – als wäre dies ein Solennoid. Er scheitert nach einer Stunde des Vorlesens so erbärmlich, als rissen die Zuhörer ihm „auf der obersten Plattform des Tempels das Herz aus dem lebendigen Leib“. Das Trauma der Erniedrigung kann er nie mehr überwinden.

Die sichtbare Seite seines Lebens sei die „allerunspektakulärste“, räumt der Erzähler ein, doch befindet er sich in ständiger Furcht, „durchlebt die Angst des Blinden, die Unruhe dessen, der nichts hört“. Seine Wahrnehmung verändert die Dinge um ihn her, führt in die vielen einzelnen, oft fantastischen Geschichten, seine Phantasmagorien erwachsen aus Lektüre (Kafka, Lautréamont, Sabato und Swift) und aus dem Alltag in Bukarest, wo man nach allem anstehen muss.

Erfundenes und Realität gehen ineinander über

Der Erzähler wickelt den Leser mit ultragenauen Beschreibungen ein, fesselt seine Aufmerksamkeit. Aber ist er denn vertrauenswürdig? Schließlich kann er weder sagen, ob sein Haus „hunderte, dutzende oder tausende Zimmer“ hat, noch warum er in der Schule immer aufwärts steigt, wiewohl es sich um ein einstöckiges Gebäude handelt. Nach oben zieht ihn offenbar der Solenoid, die Levitation hat es Cartarescu angetan.

Dann gibt es Szenen, von denen man wünscht, sie wären übertrieben, die aber realistisch wirken, etwa über den Sadismus der Lehrer an seiner Schule: „Mit einem gut gezielten Handrückenschlag schleuderte man Rotz aus der Nase und die Spucke aus dem Mund. Es wurde an die Tafel gerufen und für jeden Fehler ein Streich mit dem Stromkabel über den Handrücken verpasst. Der Zeigefinger würde zwischen die Rippen gerammt.“

Die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit nennt der Erzähler „zweideutig und irrelevant“ – und das gerade, nachdem er eine Reihe von Träumen zitiert hat. Erfundenes und Realität sind absolut durchlässig in diesem Roman, gehen ineinander über, das Fantasierte kann genauso gut erlebt sein (wenn auch, vielleicht, nur im Traum) und das wie wirklich Beschriebene doch nur vom Schriftsteller erfunden. Der essenzielle Traum jedenfalls sei „wahrer als die Wirklichkeit selbst“.

Aus der Welt fliehen

Er schreibt, sagt er früh schon, die Sorte Buch, „die sonst niemand schreiben würde“. Vierhundert Seiten später erklärt er, ihm gefalle „diese verzweifelte Geste, hier zu schreiben“. Er tut dies ohne Konsequenzen, anders als die „Fronarbeiter der Literatur, gefangen im Spinnennetz eines von Dünkel und Intrigen beherrschten Literaturbetriebs“. Da sind Jahre vergangen und viele Hefte gefüllt. „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert“ zitiert er, und jeder der Marx in der Schule oder im Studium hatte, kann den Satz weitersprechen. Cartarescus Ich aber bringt ihn so zu Ende: …es kommt aber darauf an, aus ihr zu fliehen.“

So bitter, wie er hier klingt, muss man nicht nur an all die beschriebenen Kollegen denken, sondern auch an Wolfgang Hilbigs Roman „,Ich‘“, dessen beobachtendes und schreibendes Ich in Frage steht. Er habe keine Leser, schreibt Cartarescus Anti-Schriftsteller, deshalb habe er „das unerklärliche Privileg, aus dem Innern meines Manuskripts heraus zu schreiben“. Dem Buch aber sind Leser unbedingt zu wünschen.