Das Haus am Waldsängerpfad 3, entworfen von Peter Behrens. 
Foto: Benjamin Pritzkuleit

BerlinEs ist nicht so, dass die Biografie des Schauspielers Fritz Wisten unbekannt wäre. 1890 wurde er in Wien als Moritz Weinstein geboren, 1962 starb er als Theaterintendant in Berlin. Die „Drei Leben für das Theater“, die zwischen dieses Jahren lagen, hat die Akademie der Künste schon 1990 in einem Band über Fritz Wisten zusammengefasst: die ersten Erfolge in Stuttgart, das Überleben als jüdischer Ehemann einer Protestantin im Nationalsozialismus in Berlin sowie seine Arbeit für den dortigen Jüdischen Kulturbund. Und danach der Aufbau Ost: 1946 die Intendanz des Theaters am Schiffbauerdamm, ab 1953 Intendant der Volksbühne.

1949 wäre Wisten fast den Allüren von Bertolt Brecht zum Opfer gefallen. Denn als dieser aus dem Exil nach Berlin zurückkam, wollte er die Stätte seines „Dreigroschenopern“-Triumphes beziehen und schmähte Wistens Arbeit gegenüber den Entscheidern als „bürgerlich“. Aber da Wisten ein „rassisch Verfolgter der Nazizeit“ und zudem ein beliebter Theatermann war, entschied der Ost-Berliner Magistrat damals zu dessen Gunsten, und Brecht musste sein Berliner Ensemble im Deutschen Theater gastieren lassen, bis Wisten das Haus am Schiffbauerdamm wegen seines Wechsels zur Volksbühne räumte. Das war sogar erst 1954, denn bis das Haupthaus am damaligen Luxemburgplatz wieder hergerichtet war, brauchte die Volksbühne das Schiffbauerdammtheater noch als Ausweichspielstätte.

Wisten erhielt mehrere Auszeichnungen der DDR, angefangen 1952 mit dem Nationalpreis II. Klasse. Dabei blieb er jedoch die ganze Zeit über in West-Berlin wohnen, und zwar im – wiederum bürgerlichen – Bezirk Zehlendorf. Er war nicht der einzige Künstler, der der Kalten-Kriegs-Stimmung zum Trotz in Ost-Berlin arbeitete und im Westen wohnte. Zum Zeitpunkt des Mauerbaus, schreibt der Theaterwissenschaftler Thomas Blubacher in seinem im August erschienenen Buch „Das Haus am Waldsängerpfad. Wie Fritz Wistens Familie in Berlin die NS-Zeit überlebte“, seien unter den 13.000 Grenzgängern 3500 Künstler gewesen.Von den Solisten der Staatsoper etwa hätten zwei Drittel im Westteil der Stadt gewohnt. Aber Wisten bliebt auch über den Mauerbau hinaus im Westen wohnen, denn im August 1961 war er schon schwer krank, betrat die Volksbühne im Oktober zum letzten Mal und starb im Dezember 1962 in seinem Haus am Waldsängerpfad 3.

Als Wisten 1934 dort mit seiner Frau Gertrud, die er als Kollegin in Stuttgart kennengelernt hatte, sowie den Töchter Susanne und Eva einzog, hieß die kleine Wohnstraße in unmittelbarer Nähe des Schlachtensees noch Dianastraße. Die Nazis benannten sie später nach einem von ihnen geschätzten Publizisten in Betazeile um, 1947 wurde es der Waldsängerpfad. Von dem Haus Nummer 3 war Trude Wisten, die als Arierin damals Eigentum erwerben durfte, heftig abgeraten worden: „Es wird Ihnen nicht gefallen, es ist so entartet.“ Aber sie war von der Sachlichkeit und Bauhaus-Modernität des von Peter Behrens entworfenen Hauses begeistert. Die 1930 geborene, jüngere Tochter Eva Wisten lebt noch heute dort.

Das von Berenberg verlegte Bändchen erscheint einem etwas anlasslos und zwar sorgsam, aber doch auch zufällig zusammengetragen. Was die Erinnerungen der Töchter (Susanne Wisten starb 2019) eben hergaben und was sich darüber hinaus recherchieren ließ. Mit zahlreichen weiterführenden Fußnoten listet Blubacher auf, wem Wisten in welcher Station seines Lebens wo begegnete und wie es mit diesem dann weiterging, streift die Doppelfunktion des Kulturbund-Theaters, das in der Kreuzberger Kommandantenstraße residierte, als Rettungsinsel und Ghetto und verzeichnet, wer im Hause Wisten ein- und ausging oder unterkroch und wie man mit den nationalsozialistischen und mitlaufenden Nachbarn auskam. Viele bekannte Namen fallen. 1938 wurde Wisten ins KZ Sachsenhausen verschleppt, kam aber nach fünf Tagen als Mitarbeiter des Jüdischen Kulturbundtheaters wieder frei. Mehrere Emigrationsversuche scheiterten. Die Töchter erfuhren Ausgrenzung – an Hunger litten nach Kriegsbeginn alle.

Ein zweifellos eindrückliches Dokument sind die Tagebucheintragungen der damals 20-jährigen Susanne Wisten über das Vor- und Einrücken der Sowjetischen Armee im April 1945 und der Einzug der uhrenklauenden, trinkenden, vergewaltigenden Sowjetsoldaten in den Waldsängerpfad. Was an der Schilderung des gefährdeten, aber trotz allem im Verhältnis immer noch privilegierten Alltags aber tatsächlich berührt, ist das nachbarliche Auskommen, das hier skizziert wird. Wer hat was, wer hilft wem, wer denkt an wen! Dass es unter allen Umständen das Miteinander, Nebeneinander oder auch Gegeneinander ist, das das Leben ausmacht, dass es nicht nur eine Kartoffel, sondern auch ein Lächeln sein kann, das ein Schicksal entscheidet, wird in der heute so umfassenden Funktionalisierung des Daseins oft vergessen. Tatsächlich kam mir diese Nebensache des Buches beim Lesen als nachhaltigste Botschaft vor.

Thomas Blubacher: Das Haus am Waldsängerpfad. Wie Fritz Wistens Familie in Berlin die NS-Zeit überlebte, 189 S., Berenberg-Verlag, Berlin 2020, 22 Euro