Wandmalerei. Ein großes Thema der Zivilisation, das mit den Höhlenbildern begann, sich durch Altertum und Neuzeit zieht, geprägt von Epochen, Religionen, Stilen, Strömungen, tangiert selbst von Revolutionen. Die mexikanische zum Beispiel wäre undenkbar ohne die Murales. Die Sozialismus-Versucher verzierten ihre Bauten mit neubyzantinischen Bildern ihrer Utopien. Auch große Künstler der Moderne, etwa Maler vom Bauhaus und der de-Stijl-Bewegung, hatten ihre Visionen einer Einheit von Kunst und Leben auf Wände gesetzt. Und allüberall gibt es heute an Häuserwänden Dekoratives, Kunst am Bau genannt.

Was wir derzeit in den Rieckhallen im Hamburger Bahnhof sehen, ist allerdings viel mehr als Wandmalerei oder Kunst am Bau – und es ist weitab aller Dekoration, aller historischen Erzählungen, gar Propaganda. Hier geht es um die Auseinandersetzung von abstrakt, konzeptuell oder minimalistisch arbeitenden Künstlern mit der Wand als Bildträger – und als begrenztem Raum. Hier wird gearbeitet mit Siebdruck, Tapeten, Übermalungen, Überklebungen und geometrischen Formen wie aus dem Computer. Nichts kam da ohne Projektionshilfe oder aber Schablone an die Wand. Und in einzelnen Fällen kamen gar Hammer und Hacke zum Einsatz.

Direkt auf die Wand

34 berühmte Künstler aus aller Welt, von Bruce Nauman über Rosemarie Trockel bis Sol LeWitt, lieferten die Entwürfe, als Vorlagen für das, was in fünf Hallen umgesetzt wurde. Daniel Buren teilt die Wandfläche zärtlich in weiße Streifen auf tiefem Blau. Donald Judds akkurat geometrische Vorgabe war es, ohne Sentiment die Wand zu öffnen. Und das passierte denn auch, derweil sich in Halle drei Gordon Matta Clarks Graffitis über die Fläche ziehen und Katharina Grosses Großmotiv „I Think This is a Pine Three“ farbstark und poetisch an der Wand und unter den Leuchtstäben der Decke schier explodiert. Nasan Tur sprayte eigenhändig mit roter Farbe Hunderte Sprüche aus dem öffentlichen Raum Berlins an die Wand, bis nur noch eine rote Fläche blieb.

Und Monica Bonvicini, die leidenschaftliche Italienerin, hämmerte auf das ihr zugedachte Stück Museumswand erlaubterweise so lange ein, bis Putz und Ziegelsstücke flogen und als Zeugen der Attacke auf dem Hallenboden liegenblieben. Dies alles bildet nun besagte Ausstellung, als spätmoderner Kampf mit der Wand als bildtragendem und raumbegrenzendem Element.

Der Hamburger Bahnhof zeigt mit „Wall Works“ also, wie sich Kunst entgrenzt – und die Institution Museum gleich mit. Die Vorgeschichte: Der Münchner Galerist Jörg Schellmann hatte der Nationalgalerie eine komplette Folge seiner seit Anfang der Neunziger aufgelegten Edition aus Wandarbeiten – ohne Bedingungen – überlassen. Den nicht genau bezifferten (sechsstelligen) Betrag zahlte der Verein der Freunde der Nationalgalerie. Der Ankauf besteht somit nicht aus fertigen Bild-Objekten, sondern aus Zertifikaten samt Ausführungs-Anleitung Dadurch kann der Entwurf künftig jedem Raum angepasst, dürfen die Farben variabel gesetzt werden.

Die Verführungskraft der Oberflächen

Das passierte so auch mit Sarah Morris’ 2006 entworfenen „Rings“ (siehe Abbildung). Nun haben sie, angelegt auf kleinen Formaten, ihren großen Auftritt. Wieder und wieder ist es die Großstadt, die Sarah Morris gepackt hält. Und vielleicht ist es ja auch ein Stück Berlin, da auf der Wand. Auch schon die New-York-Sprachbilder, ihre polychromatischen Farbfeldmotive hat Morris dem Urbanen gewidmet – und nun die mit der Zahl 1972 (dem Jahr der Terror-überschatteten Olympischen Spiele in München) versehenen „Rings“, die beim langen Hinsehen förmlich zu kreisen beginnen, obwohl sie doch fest auf die Wandfläche gemalt wurden.

Die 1967 geborene Malerin unterliegt, wie sie sagt, der Verführungskraft der Oberflächen. Und wo wäre mehr davon zu haben, als an einer großen leeren Wand? Das Dekorative leugnet die Engländerin nicht, aber sie will auch zugleich eine „ikonische“ Zeichensprache, bei der sich die Formen „verbinden“. Und so gibt es bei ihr bei allem Seriellen deutliche Abweichungen von der Wiederholung. Farbwechsel unterlaufen das Geometrisch-Monotone, die Tiefenwirkung schafft Dynamik, die Ringe gehen ineinander über, schaffen Blütenmotive und an einigen Stellen sogar das Zeichen der Friedensbewegung.

Und so geht, auch dank Morris’ monumental gewordener Zeichensprache die Kunst in den Rieckhallen zur Zeit gleichsam durch die Wand.