„Das Thema ist jetzt auf dem Tisch“: Tyron Ricketts, fotografiert von Regina Schmeken.
Foto: Regina Schmeken

BerlinTyron Ricketts, Schauspieler, Produzent und Aktivist, folgt einer Mission: Der Berliner will, dass People of Color in Film und Fernsehen anders dargestellt werden. Weder klischeehaft negativ noch zu positiv. Sondern einfach: ganz normal. Mit seiner Agentur Panthertainment produziert der 46-Jährige Inhalte und betreibt Lobbyarbeit.

Wir sprechen ihn via Skype, es ist noch die Phase der Pandemie, in der Begegnungen unangebracht erscheinen. Das Interview war verabredet, lange bevor der gewaltsame Tod von George Floyd in Minneapolis erst die USA und in der Folge die Welt durch- und vor allem wachrüttelte. So aber ist Ricketts’ Lebensthema, der Umgang der weißen Mehrheitsgesellschaft mit People of Color, unversehens auf die politische Tagesordnung gerückt. „Das Thema ist nun auch in Deutschland auf dem Tisch“, sagt er.

Seine Sprache ist dabei ruhig, beinahe bedächtig, der Ton aber klar und die Botschaft deutlich. Im Interview erzählt er, warum für People of Color der Otto Normalverbraucher eine Sehnsuchtsrolle darstellt und warum fiktive Stoffe bedeutend sind, um strukturellen Rassismus auszuhebeln. Als es um seine eigenen Erfahrungen als Jugendlicher im Hockey-Verein geht, denkt er ein wenig länger nach, um verblasste Erinnerungen zurückzuholen. Es sind nicht nur gute.

Herr Ricketts, nach dem Tod von George Floyd sind die USA in Aufruhr geraten. Glauben Sie, dass sich dieses Mal etwas ändert?

Ich glaube, es gibt tatsächlich eine Chance, dass sich diesmal etwas ändern kann. Grund dafür ist, dass wir im Zeitalter der Digitalisierung leben, in der auch die Stimmlosen plötzlich eine Stimme haben. Dadurch verschieben sich die Machtverhältnisse, wer wie was kommunizieren darf. Viele Dinge können heute nicht mehr totgeschwiegen werden, so wie es früher gemacht wurde. Wenn eine Ungerechtigkeit geschieht, dann wird das kommuniziert. Und wenn es nicht im Fernsehen besprochen wird, dann eben auf den Kanälen von Social Media.

Versprechen Sie sich von der Auseinandersetzung mit dem Rassismus in den USA auch Fortschritte im Umgang mit Rassismus in der deutschen Gesellschaft?

Dadurch, dass die ganze Welt vernetzt ist, wird der Diskurs, der gerade in den USA stattfindet, auch hier fortgesetzt. Wir haben unsere eigene Geschichte mit Rassismus, Deutschland ist anders als Amerika, aber das Grundproblem der eurozentrischen Sichtweise ist überall das gleiche. Warum diskutiert man zum Beispiel bei Maischberger über Rassismus, hat aber niemanden eingeladen, der selbst betroffen ist? Das ist so, als würden fünf Männer in einer Talkshow über Schwangerschaft diskutieren. Das Thema ist aber nun auch in Deutschland auf dem Tisch, und es liegt an uns allen, dafür zu sorgen, dass es nicht weggewischt wird, bevor sich nicht ernsthaft etwas geändert hat.

Ein Magazin hat Sie einmal als „Ein-Mann-Soko gegen Rassismus“ bezeichnet. Ist diese Beschreibung stimmig?

Die etwas reißerische Überschrift ergab sich daraus, dass ich ab Mitte der 2000er-Jahre in der Krimiserie „Soko Leipzig“ einen Kommissar darstellen durfte – als einer der ersten schwarzen Schauspieler. Wobei das insofern stimmig ist, weil ich schon sehr lange und auf breiter Front gegen das ankämpfe, was politisch im Argen liegt.

Fühlen Sie sich tatsächlich als Einzelkämpfer?

Ich war nie der einzige Kämpfer, aber die meisten von uns haben alleine gekämpft. Wir waren nicht gut vernetzt, und zumindest ich hatte das Gefühl, gegen Windmühlen anzukämpfen, weil die deutsche Gesellschaft nicht bereit war, sich auf diese Diskussion einzulassen.

Was fehlte damals?

Die deutschsprachige Medienlandschaft war noch eine andere, sehr homogen. People of Color besaßen bei der Gestaltung keinerlei Mitspracherecht, und es gab auch kein Interesse, das zu ändern, vor allem kein ökonomisches. Mittlerweile haben sich zwei Dinge geändert. Erstens erlebt Deutschland einen demografischen Wandel. Mittlerweile bringen rund 25 Prozent der Deutschen eine Migrationsgeschichte mit, und diese Leute wollen sich in den fiktiven Stoffen wiederfinden. Zum Zweiten haben Globalisierung und Digitalisierung eine neue Offenheit gefördert. Streaming-Anbieter wie Netflix oder Amazon zeigen Inhalte, die auf der ganzen Welt gesehen werden. Wenn deutsche Medienschaffende hier mithalten wollen, sind auch sie gezwungen, sich Gedanken über Vielfalt zu machen. Die Welt schaut nämlich anders auf die Menschen, als es die Deutschen tun, weniger homogen, nicht eurozentristisch. Was sich durch diese zwei Entwicklungen ändert: Plötzlich werden die Stimmen der People of Color und der Menschen mit Migrationsgeschichte zu einem wirtschaftlichen Faktor.

Und die Ökonomie treibt das Umdenken an?

Genau, wir haben nun eine Art von Marktmacht. Hinzu kommt, dass Streaming-Formate die Sehgewohnheiten verändern. Serien auf Netflix & Co. haben den großen Vorteil, dass die Zuschauer immer bei der ersten Episode anfangen können. Das ist im linearen Fernsehen nicht garantiert, was zur Folge hat, dass Serien dort nicht zu komplex sein dürfen. Das oberste Gebot lautete, das Publikum nicht zu verwirren. Logisch, dass dadurch die Vielschichtigkeit der Story und der Figuren fast immer auf der Strecke blieb.

In welcher Weise formen fiktive Inhalte das gesellschaftliche Bewusstsein?

Yuval Harari schreibt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von dem Moment, in dem es einem Menschen zum ersten Mal gelungen war, mehr als 120 andere Menschen in eine bestimmte Richtung zu bringen. Funktioniert hat es mit einer simplen Geschichte: Dieser Baum ist heilig, und er will, dass wir in diesem Tal bleiben.

Ein Trick.

Ein Narrativ, hinter dem man sich versammelt. Und das Wirkung erzeugt. Es gibt eine sehr interessante Studie, die dem sogenannten Scully-Effekt auf die Spur kommt. Benannt nach Dana Scully, der weiblichen FBI-Agentin und Forensikerin, die in der Serie „Akte X“ an der Seite ihres Kollegen Fox Mulder mysteriöse Fälle löst. Bei einer Umfrage unter Frauen, die einige Jahre nach der Ausstrahlung in die Wissenschaft oder in den Polizeidienst gegangen waren, zeigte sich, dass 60 Prozent der Befragten Agent Scully als Vorbild betrachtet haben, dass diese fiktive Figur das Aspirationsniveau dieser Frauen geprägt hat. An diesem Effekt zeigt sich, wie ein fiktionales Narrativ die Biografien prägen kann.

Funktioniert das nur über besonders starke Persönlichkeiten mit Vorbildfunktion?

Ich denke, es funktioniert auch subtiler, besonders dann, wenn in einer Story ganz selbstverständlich die verschiedenen Arten des Lebens und Zusammenlebens gezeigt werden. Dabei muss der fiktive Stoff diese Themen gar nicht offensichtlich behandeln, oft passiert die Prägung im Unterbewusstsein.

Wie funktioniert eine solche unbewusste Prägung?

Nehmen Sie „The Walking Dead“, auf den ersten Blick eine Serie über Zombies. Wenn man sich Episoden genauer anschaut, werden in der Geschichte alle möglichen Staats- und Regierungsformen durchdekliniert, von der Demokratie über die Monarchie bis hin zum Sozialismus. Die Serie gibt dem Zuschauer die Möglichkeit, anhand des fiktiven Spielbildes eigene Einstellungen zu überprüfen oder weiterzuentwickeln. Nicht als politisches Bildungsfernsehen, sondern durch eine Zombie-Serie.

Wie prägen diese Erkenntnisse Ihre Arbeit?

Ich will mit meiner Berliner Produktionsfirma Panthertainment ein Bewusstsein dafür entwickeln, warum es wichtig ist, dass ein schwarzer Schauspieler auch einen deutschen Anwalt oder Arzt darstellt. Ich persönlich spiele gerne auch mal einen Drogendealer, das ist okay. Nur sollte das Gleichgewicht an die Realität angepasst werden. Das passiert in der Regel nicht. Marginalisierte Gruppen werden weiterhin hauptsächlich in stigmatisierten Rollen gezeigt. Wobei sich langsam, aber sicher etwas tut.

Woran machen Sie das fest?

Ich bin viel in deutschen Fernsehredaktionen unterwegs, gehe zu KiKa und zum SWR, besuche Produktionsgesellschaften wie die Degeto, die sehr viele Fernsehfilme für die ARD verantwortet, sitze bei Netflix und anderen Streaming-Anbietern. Ich spüre dort, dass der Groschen fällt. Dass der Wille vorhanden ist und die Leute entsprechend versuchen, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Aber: Es geht alles sehr langsam voran, was damit zu tun hat, dass den Belegschaften eine ausgeprägte Diversitätserfahrung fehlt. Dann wird es schon schwierig, denn wenn die Verantwortlichen fürs Storytelling eine homogene biodeutsche Gruppe ergeben, stoßen sie an ihre Grenzen, wenn sie die Geschichte von einer Person of Color erzählen sollen. Wie ich an meine Grenzen stoße, wenn ich über eine 50 Jahre alte blonde deutsche Frau erzählen soll. Darüber weiß ich auch zu wenig.

Es kommt also darauf an, die Teams heterogen aufzustellen.

Ja, an den unterschiedlichsten Stellen des Entstehungsprozesses, vom Drehbuch über die Redaktion und das Casting bis in der Produktion selbst, also in den kreativen Gewerken oder der Regie.

In der deutschen Literatur gibt es immer mehr Bücher von Autoren mit Migrationshintergrund, die in den Kritiker- und auch Bestsellerlisten weit vorne stehen. Da Filme immer häufiger auf Romanvorlagen zurückgreifen: Dürfen wir uns in Film und Fernsehen auf eine neue Vielfalt freuen?

Das kann schon sein, wobei es deutlich komplexer ist, einen Film zu produzieren, als einen Roman zu veröffentlichen. Vor allem ist es viel teurer. Was dazu führt, dass Verantwortliche bei der Auswahl der Stoffe und bei der Produktion vermeintliche Risiken minimieren, indem sie nicht einschätzbare Variablen ausschalten. Dazu gehört eben auch die Vielschichtigkeit der Figuren.

Vor einiger Zeit lief die letzte Folge der „Lindenstraße“, einer Serie mit gesellschaftlicher Bedeutung, weil sie früh neue Realitäten gezeigt hat, zum Beispiel den ersten Kuss zweier Homosexueller. Gibt es in Deutschland einen Serien- oder Filmmoment, der für Sie ähnlich bahnbrechend war?

(überlegt) Den einen großen Moment, bei dem ich dachte, jawohl, jetzt sind wir angekommen, den gab es in meiner Erinnerung nicht. Kleinere Aha-Momente schon, bei den sogenannten Migrationskomödien zum Beispiel, wobei hier auch weiterhin zwischen „wir“ und „ihr“ unterschieden wurde. Es ist nicht verkehrt, diese Perspektive zu überhöhen, sich darüber lustig zu machen. Aber jetzt ist Zeit für etwas Neues.

Was könnte das sein?

Wir müssen neu darüber nachdenken, wie das Narrativ über Deutschland aussehen soll. Wir brauchen Geschichten, die von diesem Land als der offenen Gesellschaft erzählen, die wir faktisch bereits vorfinden. Wie erwähnt, ein Viertel aller Deutschen besitzt einen Migrationshintergrund. Und doch gelten diese Menschen nicht als Deutsche, sondern werden weiter als „Deutsche mit Migrationshintergrund“ marginalisiert – was bei einem Anteil von 25 Prozent schon sehr abenteuerlich ist. In Berlin spielende Serien wie „4 Blocks“ oder „Dogs Of Berlin“ sehe ich da ambivalent: Klar, gezeigt wird Berlin als heterogene Stadt. Doch werden Menschen mit Migrationsgeschichte in diesen Stoffen häufig stereotyp gezeigt.

Ist das in anderen europäischen Ländern anders?

Ja. Es gibt natürlich auch in Frankreich und Großbritannien Rassismus. Aber ein schwarzer Franzose ist ein Franzose. Ein schwarzer Brite ein Brite. Angela Merkel hat sich beim Integrationsgipfel im März 2020 gefragt, wann es in diesem Land so weit sein wird, dass man bei einem schwarzen Deutschen nicht mehr fragt: Woher kommst du denn? Ich fand es gut, dass sich unsere Bundeskanzlerin darüber wunderte. Ich habe mich schon vor zehn Jahren gefragt, wann ich in diesem Land endlich mal einen Bürgermeister spielen darf. Jetzt fragt sich das auch die Kanzlerin, woran man sieht, dass diese Debatte in Deutschland angekommen ist. Endlich!

Sie plädieren dafür, dass diese neue Erzählung auch Teil des Geschichtsunterrichts in Schulen sein muss. Warum?

Geschichte ist, der Name sagt es schon, Storytelling. In den Schulen und Sachbüchern wird vermittelt, dass Kolumbus Amerika entdeckt hat. Es wird also so getan, als habe es dort vorher keine Menschen gegeben. Nehmen wir unseren Anspruch ernst, dass alle Menschen gleich sind, hätte Kolumbus nicht Amerika entdeckt, sondern räuberisch überfallen. So erzählen wir diese Geschichte aber nicht. Wir reden auch viel zu selten über die Sklavenzeit, und wenn über Deutschlands Übeltaten im 19. und 20. Jahrhundert gesprochen wird, dann kaum über die Kolonialzeit, über den Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Geschichtsvermittlung funktioniert häufig noch als „Wir und ihr“-Narrativ – wobei der weiße europäische Mensch das Subjekt ist und „die anderen“ das Objekt. Was wir jedoch benötigen, ist eine gemeinsame Erzählung, die keine Gruppe ausschließt oder zum Objekt macht.

Blicken Sie als Erzähler fiktiver Geschichten neidisch auf den Sport, weil es dort einfacher gelingt, diverse Heldengeschichten entstehen zu lassen?

Neidisch nicht, nein. Ich merke, dass die positive Wirkung des Sports nur von kurzer Dauer ist.

Woran sehen Sie das?

2006 gab es in Deutschland eine ehrliche Begeisterung über ein Nationalteam, das diverser aufgestellt war als die Mannschaften in den Jahren davor. Ich hatte die Hoffnung, dass die Stimmung rund um die WM im eigenen Land ein Vorbild sein könnte, wie wir Deutschen in Zukunft mit unserem Nationalgefühl umgehen können. Damit meine ich kein althergebrachtes, geschichtliches Nationalgefühl, sondern eine Art neues Nationalgefühl, als Freude darüber, dass wir in einem tollen Land leben, in dem vieles funktioniert – unter anderem die Idee einer offenen Gesellschaft. Doch hat sich dadurch langfristig etwas geändert? Ich glaube nicht. Denn wäre dem so, dann hätte der Aufschrei in Deutschland größer sein müssen, als Gauland von der AfD gesagt hat, er glaube, viele Deutsche würden sich nicht Herrn Boateng als Nachbarn wünschen. Dass jemand, der eine solche ganz eindeutige rassistische Äußerung von sich gegeben hat, im Deutschen Bundestag sitzt, zeigt doch, dass der Sport alleine das Ruder nicht herumreißen kann. Es gibt weiterhin Jérôme Boateng, den hervorragenden Fußballer. Und Jérôme Boateng, den angeblich unerwünschten Nachbarn. Doch die Zeit ist vorbei, als diese Unterteilung irgendwie okay war. Wir wollen als People of Color und Deutsche mit Migrationsgeschichte endlich ganz selbstverständlich dargestellt werden. Als normaler Teil der deutschen Gesellschaft.

Otto Normalverbraucher als Sehnsuchtsfigur.

Kann ich so stehen lassen.

Viele sogenannte Biodeutsche sehnen sich danach, aus der Normalität auszubrechen.

Es gibt Sehnsüchte, die sich gegenüberstehen: Wir möchten Teil des Ganzen sein, aber als Individuum herausstechen. Wir möchten uns sicher fühlen und gleichzeitig immer etwas Neues entdecken. Das sind vier Pole, zwischen denen wir uns immer hin- und hergezogen fühlen. Was ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Es fühlt sich schlecht an, wenn auf der einen Seite ein Ungleichgewicht besteht, das ich nicht aus eigener Kraft auflösen kann.

Sie haben in den Vereinigten Staaten fünf Jahre lang für Harry Belafonte gearbeitet und für sein Team Medienstrategien gegen den Alltagsrassismus entwickelt. Was hat Ihnen an ihm imponiert?

Harry Belafonte kämpft seit den 60er-Jahren gegen Rassismus. Er nutzt das Showbusiness und seinen Einfluss als Star, um die Gesellschaft positiv zu verändern. Er ist mit Martin Luther King marschiert, ist mit Sydney Portier in die Südstaaten gefahren, um schwarze Wähler politisch zu mobilisieren, hat große Summen an Geld gesammelt, um Dinge zu verändern. Zu sehen, dass er mit seinen 93 Jahren nicht verbittert ist, sondern immer noch ein tolles Strahlen vermittelt, war für mich inspirierend.

Amerika hatte mit Obama einen schwarzen Präsidenten. Wie beurteilen Sie die Wirkung seiner zwei Amtszeiten?

Was Obama geschafft hat, ist, die gläserne Decke zu durchbrechen. Hätte mich jemand vor 2009 gefragt, ob jemals eine Person of Color US-Präsident werden würde, hätte ich gesagt: Ich verwette meinen kleinen Finger, dass das nicht passieren wird. Dass Obama es geschafft hat, hat viel gebracht, auch mit Blick darauf, wie er dieses Amt ausgefüllt hat, wie er schwarze Kultur auf dieser höchsten Machtebene zelebriert hat. Wenn ein Rapper wie Jay-Z zusammen mit dem Präsidenten auftritt, dann geht davon eine Signalwirkung aus.

Wobei er in vielen politischen Bereichen keine Politik gemacht hat, die dezidiert den Schwarzen geholfen hat.

Stimmt, wobei es eine solche Affirmative Action in den USA bereits gibt, also den Ansatz, Gruppen zu bevorzugen, die lange unter Marginalisierung und Ungleichbehandlung gelitten haben. Mit dem Ziel, den Abstand zu verringern.

Wäre ein solcher Ansatz für Deutschland auch sinnvoll?

Ich glaube nicht. Erstens steht Affirmative Action der Sehnsucht entgegen, normal behandelt zu werden. Zweitens liegt in der amerikanischen Gesellschaft viel mehr im Argen als in der Deutschen, angefangen beim Gesundheitssystem oder bei privatisierten Gefängnissen, in denen es darum geht, mit Inhaftierten – und das sind häufig Schwarze – Geld zu verdienen. Harry Belafonte vergleicht diese Praxis nicht grundlos mit der Sklaverei. Ich denke, wir bekommen das in Deutschland auch ohne Affirmative Action hin. Wobei das nicht heißt, dass es nicht genug zu tun gäbe.

Kann der Sport wenigstens bei dieser Arbeit helfen?

Sport bleibt wichtig, um Beispiele dafür aufzuzeigen, wie es gehen kann. Er kann zwar Gesellschaft unmöglich alleine verändern. Aber ein bisschen Luft nach oben ist da schon noch. Im Kampf gegen Rassismus geht der Sport mit gutem Beispiel voran. Er hat sich aber bislang geweigert, dieses Problem wirklich ernsthaft zu thematisieren, auch über Gesten und Fernsehspots hinaus. Nehmen wir die Özil-Geschichte, da gab es vom DFB kein klares Statement für den Spieler. Aber auch eine eindeutige Haltung zu diesem Thema war nicht erkennbar. Lieber wurde infrage gestellt, ob es denn wirklich sein könnte, dass er Rassismus erlebt habe. Als ob Rassismuserfahrungen in Deutschland eine Fata Morgana wären. Was ich zudem vermisst habe, war eine politische Haltung anderer erfolgreicher Sportler – wohlgemerkt auch derjenigen, die ebenfalls einen Migrationshintergrund haben. Ich will das niemandem zum Vorwurf machen, wahrscheinlich haben sie karrieretechnisch korrekt gehandelt.

Weil Haltung zu Problemen führt?

Anscheinend ist das im Sport so, das zeigt das Beispiel des American-Football-Spielers Colin Kaepernick in den Vereinigten Staaten: Sein Hinknien während der Hymne als Protest gegen Ungleichbehandlung wurde von vielen gesellschaftspolitisch als vorbildhaft bewertet, auch weit über den Sport hinaus. Einen Job als Quarterback hat er seitdem aber nicht mehr bekommen.

Nun haben nach der Tötung von George Floyd auch mehrere Bundesliga-Profis Reaktion gezeigt, Marcus Thuram von Borussia Mönchengladbach zum Beispiel ging nach seinem Tor auf die Knie, Jadon Sancho von Borussia Dortmund zeigte ein Trikot mit dem Satz „Justice for George Floyd“. Wie bewerten Sie diese Aktionen und das Feedback darauf?

Ich halte es für dringend notwendig, dass auch Sportler ihren großen Einfluss nutzen, um die Gesellschaft positiv zu verändern. Der Kampf gegen Ungerechtigkeit ist wichtiger als interne Regeln. Mittlerweile hat sich ja auch ein Sprecher der National Football League (NFL) dazu geäußert, dass seine Kritik an den politischen Statements der Football-Spieler in der NFL falsch war. Das ist eine klare Positionierung gegen Trump und den Rassismus.

Haben Sie eigentlich selbst Erfahrungen in einem Sportverein gesammelt?

Heute ist Surfen meine Leidenschaft, als Kind habe ich im Verein Feldhockey gespielt. Ich kann mich nicht daran erinnern, damals bei Spielen oder Turnieren einen anderen schwarzen Jungen gesehen zu haben.

Wie haben Sie das wahrgenommen?

Na ja, das war halt so. Und zwar nicht nur auf dem Hockeyplatz. Ich bin 1973 zur Welt gekommen. Als ich bewusst angefangen haben, Fernsehen zu schauen, gab es bei den Olympischen Spielen Carl Lewis und in den Unterhaltungsserien Roberto Blanco. Dann kam erst einmal lange nichts, weder im Fernsehen noch in der Schule oder im Sportverein. Der erste Schwarze in der Nationalmannschaft? Gerald Asamoah, das war dann aber schon Anfang der 2000er-Jahre. Es gab für mich in Deutschland keine Vorbilder. Dafür gab es klare Ablehnungen. Der Vater eines Freundes aus dem Hockeyverein, der uns häufiger zu den Spielen gefahren hat, sagte Sachen wie: „Der Kohlensack kommt mir nicht ins Auto!“ Da war ich zehn oder elf und habe überaus deutlich gemerkt, dass ich manchen Leuten ein Dorn im Auge bin. Und warum? Weil ich eine schwarze Hautfarbe habe. Was anderes konnte es ja nicht sein, wir sind schließlich in die gleiche Schule gegangen, haben die gleiche Sprache gesprochen, den gleichen Sport ausgeübt.

Wo haben Sie Halt gefunden?

Weil ich in Deutschland keine Vorbilder finden konnte, habe ich nach Amerika geschaut, wo ich die Rap-Musik entdeckt habe. Das hat mir imponiert, weil dort Schwarze etwas sehr Kraftvolles auf die Beine gestellt haben.

Wurden die rassistischen Sprüche im Team thematisiert?

Nein. Das war nie ein Thema.

Und in Ihrer Familie?

Meine Eltern haben damals schon getrennt gelebt, und meine Mutter – geborene Österreicherin – hatte keine guten Antennen für dieses Thema. Sie ist damals sehr farbenblind durchs Leben gegangen. Was, wenn man ein schwarzes Kind hat, das Rassismus erlebt, nicht unbedingt hilfreich ist. Nur weil sie keine Farben sieht, heißt das nicht, dass der Rest der Welt das auch so sieht. Ich habe mich teilweise alleingelassen gefühlt, zumal es keine Freunde gab, mit denen ich meine Erfahrungen hätte teilen können.

Welche Strategie entwickelt man als Kind, um mit dieser Situation klarzukommen?

Man beginnt, die Welt immer aus zwei Perspektiven zu betrachten, aus der eigenen und aus der weißen. Auf diese Art versucht man, sich über die Maßen anzupassen oder die Klischees noch zu bestätigen, um daraus einen positiven Effekt zu erzielen. Man entwickelt also unterschiedlichste Überlebensstrategien, die allesamt nicht viel mit dem zu tun haben, wer man eigentlich ist. Als dann Rap-Musik auftauchte, hat mich diese Kultur total gepackt. Es gab plötzlich ein Feld, in das ich optisch voll reinpasste, das eine eigene Sprache hatte und das mir eine Stimme gab.

War Rap-Musik für Sie ein Motor für Integration?

Schon, ja. Weil sie mir die Möglichkeit gegeben hat, mich mit etwas zu identifizieren – und sie mich motiviert hat, auch in Deutschland nach Gleichgesinnten zu suchen. Die ich dann in den 90ern auch gefunden habe, wobei das nicht unbedingt auch People of Color sein mussten.

Hätte ein Sportverein diese Integrationsleistung auch übernehmen können?

Theoretisch schon. Dafür müsste er sich aber viel stärker den politischen Debatten stellen.

Wann scheitert Integration?

Wenn die eine oder andere Seite von sich behauptet, sie wüsste genau, wie’s läuft.

Und wann gelingt sie?

Wenn alle Beteiligten sich gegenseitig zuhören. Denn Integration und Rassismus sind keine Themen, die Weiße oder People of Color für sich lösen könnten.

Tyron Ricketts ...

  • ... kam 1973 in Weiz in der Steiermark zur Welt, als Sohn einer Österreicherin und eines Jamaikaners. Mit sechs zog er zusammen mit seiner Mutter nach Aachen.
  • ... begann Mitte der 90er-Jahre seine Karriere als Schauspieler, Moderator und HipHop-Musiker. 2012 ging er für zwei Jahre in die USA, wo er u. a. für Harry Belafonte arbeitete. Seit 2017 lebt Tyron Ricketts in Berlin, wo er seine Produktionsfirma Panthertainment betreibt. Zuletzt war er in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ und der Krimi-Reihe „Tödliche Geheimnisse“ zu sehen.
  • ... wurde von uns im Rahmen eines im vergangenen Jahr begonnenen sportübergreifenden Gesprächsformats des Bundesprogramms „Integration durch Sport“ (DOSB) interviewt. Im Mittelpunkt: Fragen zu Migration, Integration und Identität. Mehr unter: www.integration-durch-sport.de