BerlinEs ist nicht so, dass Serien wie „Rote Rosen“, „Sturm der Liebe“ oder „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ) mit einem Mal zu herz- und freudlosen Veranstaltungen geworden wären. Doch sowohl TV-Kritikern als auch Fernsehzuschauern ist aufgefallen, dass die Zahl der Kuss- und Liebesszenen in deutschen Telenovelas und Seifenopern rapide abgenommen hat.

Für den Rückgang der Streicheleinheiten gibt es einen einfachen Grund: In Zeiten von Corona müssen auch die Schauspieler deutscher Herz-Schmerz-Serien bei den Dreharbeiten den erforderlichen Sicherheitsabstand zu ihren Kollegen einhalten. Und wenn doch einmal Kussszenen gedreht werden, muss dabei heftig getrickst werden: So küsste etwa der GZSZ-Darsteller Thaddäus Meilinger in seiner Rolle als Felix nicht etwa seine Schauspielerkollegin Vildan Cirpan, die in der Serie Felix’ Partnerin Nazan mimt, sondern seine reale Ehefrau. Da die Szene im Halbdunkel gedreht wurde, wäre der Schmu nicht weiter aufgefallen, hätte der GZSZ-Sender RTL nicht selbst im Internet den Trick mit der Gattin als Kussdouble herausposaunt.

Doch warum versuchen TV-Produzenten mit solchen Tricks überhaupt, den Zuschauern vorzugaukeln, wir lebten in einer Welt ohne Corona? Warum bauen sie die Pandemie nicht einfach in die Handlung ihrer Serien ein? In den USA wird in Serien wie „Grey’s Anatomy“, „This is Us“, „Black-ish“ oder „The God Doctor“ der Alltag unter Covid-19-Bedingungen längst thematisiert: Leute mit Mund-Nasen-Schutz laufen durchs Bild. In „This is Us“ übt sich die Familie Pearson in „Luftumarmungen“. Und in „Black-ish“ behandelt die Mutter der Familie Johnson als Anästhesistin Corona-Patienten.

Weshalb ist so etwas nicht auch in Deutschland möglich? Nico Hofmann, Chef der größten deutschen Film- und TV-Produktionsgesellschaft Ufa, die auch GZSZ verantwortet, hält es für „durchaus denkbar“, dass die Pandemie irgendwann auch Einzug in die von ihm verantworteten Produktionen halten könnte. „Je stärker Corona unsere Lebenswirklichkeit prägt, umso wahrscheinlicher ist es, dass Covid-19 auch in deutschen TV-Serien auftaucht“, sagt er. Im März habe er noch gedacht, „im Sommer ist alles vorbei“. Erst „im September“ sei ihm bewusst geworden, dass „Covid-19 uns noch länger beschäftigen wird“.

Negative Phänomene werden bewusst ignoriert

Auf die im Vergleich zu den USA sehr langen Vorlaufzeiten der deutschen TV-Produktion verweist Michael Lehmann, Chef der Studio Hamburg Production Group (SHPG): „Wir haben uns ganz bewusst dagegen entschieden, Corona in unseren fiktionalen Formaten zu thematisieren, weil wir bei unseren Serien wie ,Notruf Hafenkante‘ oder ,Großstadtrevier‘ einen sehr langen Vorlauf haben“, sagt er. „Für die ‚Hafenkante‘ produzieren wir aktuell Folgen, die 2022 zu sehen sein werden.“ Man laufe Gefahr, „zum Ausstrahlungszeitpunkt die Lebenswirklichkeit der Menschen nicht mehr zu treffen, wenn man Corona in den Serien-Alltag einbaut“. Zudem müsse er auch „die Verwertung“ berücksichtigen: „Wir produzieren nicht nur für die Erstausstrahlung, sondern müssen auch in der Wiederholung die Lebenswirklichkeit abbilden.“

Christian Franckenstein, Chef der Münchner Produktionsfirma Bavaria, weist noch auf einen anderen Aspekt hin: „Ob und wann Covid-19 in Handlungen eingebaut wird, hängt insbesondere davon ab, ob dies inhaltlich zur Ausrichtung des Programms passt“, sagt er. „,Sturm der Liebe‘ etwa ist ein modern erzähltes Märchen, in dem die Zuschauer bewusst vom Alltag abschalten und in eine fiktionale Welt eintauchen können, die Sorgen und Nöte der realen Welt bleiben außen vor.“ Mit anderen Worten: Im deutschen Fernsehen gibt es nach wie vor Programme, die nicht aus produktionstechnischen Gründen, sondern ganz bewusst negative Phänomene wie Corona ignorieren.

Intime Szenen stellen Serienmacher vor Probleme

Dabei hat das Virus die heile Welt der Produktionsfirmen längst aus den Angeln gehoben. Die Corona-Krise sei „auch für die Bavaria Film Gruppe sehr schmerzhaft und finanziell spürbar“, sagt Franckenstein. Bei der SHPG verlegte man wegen Covid-19 bestimmte Produktionen einfach: „Wir haben im fiktionalen Bereich ein Produktionsvolumen von 20 Millionen verschoben und im non-fiktionalen Bereich waren es knapp 10 Millionen“, sagt ihr Geschäftsführer Lehmann. Auch Ufa-Chef Hofmann spricht von „Millionenbeträgen“, die wegen coronabedingten Produktionsausfällen seiner Firma dieses Jahr fehlen.

Inhaltlich kommen die Produktionsfirmen an der Pandemie ebenfalls nicht mehr vorbei: Zumindest für Hofmann ist Covid-19 ein „so gravierendes Thema“, dass er derzeit mit RTL darüber spricht, „ob die Corona-freie Zeit bei GZSZ Anfang nächsten Jahres vorbei sein könnte“. Allerdings würden selbst bei einer Thematisierung von Covid-19 in deutschen TV-Serien nicht alle Merkwürdigkeiten beseitigt werden können, die von den derzeitigen Produktionsbedingungen verursacht werden. SHPG-Chef Lehmann, dessen Firma auch „Rote Rosen“ produziert, weist darauf hin, dass sich in solchen Serien vor allem Personen küssen, die laut Drehbuch in einem Haushalt leben. Würde man nun Corona in die Handlung einbauen, müsste das Kussverbot für diese Figuren, deren Schauspieler im realen Leben in der Regel nicht zusammenwohnen, dennoch aufrechterhalten werden. Und das wäre dann „erst recht befremdlich“.