Die Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach in ihrem Pankower Atelier bei der Arbeit an einem Puschkin- Porträt.
Foto: Bertram Kober

Berlin - Vor 17 Jahren bekam  Generaloberst Nikolai Erastowitsch Bersarin (1905–1945) postum seine Würde zurück, als Mensch, als Russe, als Offizier einer Befreiungsarmee. Berlin sprach ihm, nach heftigen Debatten, den 1975 vom Ostberliner Magistrat verliehenen Ehrenbürger-Titel wieder zu. Den hatte die Berliner CDU-Regierung 1992 – noch ganz in Kalter-Krieg-Manier – dem legendären ersten Stadtkommandanten Berlins, der vom 28. April bis zum 16. Juni 1945 im Amt war, abgesprochen. Erfundene Anschuldigungen, ein hoher Offizier dieses Namens sei 1940 für Deportationen von Balten in Lettland verantwortlich gewesen, wurden 1999 von der Forschung widerlegt: Nikolai Bersarin war nachweislich zu besagter Zeit im fernen Sibirien stationiert.

Seit 18 Jahren steht im Pankower Atelier der Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach ein Denkmalsentwurf, inspiriert durch den kühnen Plan einer Bersarin-Initiative um Götz Aly, Historiker und Autor der Berliner Zeitung. Die Künstlerin ist bekannt für gern aus der strengen preußischen Denkmalstradition fallende Eisenguss- und Bronzegestalten. Sie kommen ohne Pathos und Monumentalanspruch daher, dafür mit lebhaft oxidierenden Oberflächen und ambivalentem Ausdruck für Lebendigkeit und zugleich Schmerz. Anna Franziska Schwarzbach formte, um an Bersarin zu erinnern, ein Motorrad.

Entwurf für ein Besarin-Denkmal von 2002: Wie ein wildes Pferd bäumt sich das Motorrad auf, mit dem der Stadtkommandant am 16. Juni 1945 tödlich verunglückte. 
Foto: Bertram Kober

Der von Marschall Schukow zum Berliner Stadtkommandanten  beförderte Offizier der 5. Stoßarmee organisierte die Lebensmittelvergabe, brachte „Trinkwasser und Brot statt Rache“. Hart griff er durch gegen Soldaten, die vergewaltigten und plünderten. Er ließ Theater und Orchester spielen, und auch den Rundfunk wieder senden. Er ordnete Schulöffnungen an, gab Religionsunterricht und Gottesdienste frei, ließ Kulturschaffenden und Intellektuellen die Lebensmittelkarte 1 aushändigen.

Dann, am 16. Juni 1945, geschah das Unglück: Bersarin prallte mit einem Motorrad an der Ecke Am Tierpark/Alfred-Kowalke-Straße in Friedrichsfelde gegen einen sowjetischen Militärkonvoi. Der 41-Jährige war sofort tot, die Unfallursache blieb ungeklärt: Übermüdung? Übermut? Die Zündapp mit Seitenwagen aus Wehrmachtsbestand hatte Bersarin am Tag zuvor von Offizieren übergeben bekommen. Er war als leidenschaftlicher Motorradfahrer bekannt. Doch das Modell Zündapp lenkte er zum ersten Mal. Der Verlust des charismatischen Kommandanten war ein Schlag für die Versorgung und das wiedererwachte Geistesleben der Stadt.

Ein Krad, das sich wie ein wildes Pferd aufbäumt, sollte, so der freche Plan der Bildhauerin und der Initiatoren, als eine Metall-Skulptur Unter den Linden, Fahrtrichtung West, aufgestellt werden. Die Idee sorgte für Interesse in den hiesigen Medien und für viel Zuspruch bei geschichtsbewussten Berlinern. Dann aber hatte der Senat veritable Haushaltssorgen. Das damalige Modell für das Bersarin-Denkmal steht seither als Zeichen einer unerfüllten zeithistorischen Aufgabe in einer Ecke des Schwarzbach-Ateliers in Pankow.

Nun, zum 75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wo mit 15 000 Rosen Nikolai Bersarins und mit noch viel mehr Blumen der in der Schlacht um Berlin gefallenen Rotarmisten gedacht werden soll, meldet sich die Pankower Bildhauerin abermals mit einem Entwurf. Sie hat sich der historischen Figur Bersarins in Sandstein, in Ton und in Bronze genähert. In einer Form, die gut an einer Berliner Magistrale Platz finden könnte, wenn der Senat es für diesen Ehrenbürger nur wollte. Initiator Götz Aly denkt sogar an einen Platz vor dem Schloss, dem Humboldt-Forum.

Und weil die Bildhauerin bei ihren Entwürfen immer erst mit Formen spielt, hat sie einen Bersarin-Kopf aus Reinhardsdorfer Sandstein gehauen, taufte ihn humorig „Locke im Wind“ . Dies sei, sagt sie, für sie nur Formenspiel gewesen. Danach knetete sie aus Gips und Ton „Budjonny“ – als Vorarbeit für einen Bronzeguss, nach einem Kinderfoto von Bersarin. „Letztes Jahr“, erzählt die 70-Jährige, „fand ich die alte Aufnahme von Bersarin. Als Knabe trug er eine Budjonnymütze. Und weil meine Enkel auch mit solchen fotogenen Mützen rumrennen, hab ich den Generaloberst Bersarin als Junge, als Budjonnymützen-Porträt modelliert.“

Besarin als Knabe: „Budjonny“, ein Schwarzbach-Modell in Ton von 2020. 
Foto: Bertram Kober

Der Bronzeguss steht nun in einer Böhmischen Gießerei und ist wegen der Corona-Sperre aus Tschechien momentan nicht  herzutransportieren. Es werde wohl noch so manch weiteren Entwurf, ganz ohne Auftrag, geben, sagt Schwarzbach.  

Bersarin lässt diese Bildhauerin nicht los. Inzwischen ist ihre „Bersarin-Birke“, eine russische Hängebirke, die sie mit Freunden zum 60. Jahrestag der Befreiung am Ort von Bersarins Unfall an der Ecke Am Tierpark/Ecke Kowalkestraße gepflanzt hat, ein lebendes Denkmal. Aus dem Bäumchen, das stets sorgsam gegossen wird, ist ein stattlicher Baum geworden.