Berlin - Der Historiker Peter Longerich hat zahlreiche Standardwerke zur Geschichte des Nationalsozialismus veröffentlicht. In seinem jüngsten Buch beschäftigt er sich mit der Wannsee-Konferenz, die am 20. Januar vor 75 Jahren in einer luxuriösen Villa am Wannsee stattfand. 

Herr Longerich, war die Wannsee-Konferenz so etwas wie der ultimative Startschuss für den Holocaust?

Nein, der Holocaust hatte bereits im Sommer 1941 in der Sowjetunion begonnen mit über einer halben Million ermordeter Juden.  Die Morde sollten schrittweise auf ganz Europa ausgedehnt werden, geplant war die Ermordung von elf Millionen Juden. Und hierbei war die Wannsee-Konferenz eine äußerst wichtige Station.

Weshalb war die Konferenz notwendig aus Sicht der Nazis, wenn doch bereits gemordet wurde?

Der Hauptgrund war, dass Reinhard Heydrich, der Chef des NS-Reichssicherheitshauptamtes, seit 1941 an einem Endlösungsplan arbeitete, der vorsah, die Juden Europas in die Sowjetunion zu deportieren. Während des ganzen Jahres 1941 hatte es auf  Sacharbeiter-Ebene zwischen dem Reichssicherheitshauptamt und verschiedenen Ministerien Verhandlungen über Einzelheiten der Durchführung gegeben. Es ging um Fragen der Vermögensentziehung, der Staatsbürgerschaftsentziehung oder Kennzeichnung. Übrig geblieben war nur die Frage, wer deportiert werden sollte. Das sollte auf einer Konferenz der Staatssekretäre besprochen werden.

Wie viele Ministerien waren beteiligt?

Es gab  15 Teilnehmer, Adolf Eichmann war Protokollant.  Das Reichssicherheitshauptamt  war  dreifach vertreten.  Außen-, Innen- und  Justizministerium sowie die Reichskanzlei waren dabei, ferner Abgesandte von zivilen Besatzungsbehörden und SS-Dienststellen.

Es zeigt, wie stark der Staat mit seinen Institutionen in den Massenmord verwickelt war.

Das ist das Entscheidende des Protokolls, nämlich zu verstehen, dass der Holocaust ein arbeitsteiliges Verbrechen gewesen ist, das nicht nur von der SS, sondern auch mit der Unterstützung von zivilen Behörden durchgeführt wurde.

Was wurde besprochen? Ging es ums Töten von Menschen?

Wir wissen nicht, was auf der Konferenz im Wortlaut gesagt wurde.  Das Protokoll gibt eine Zusammenfassung der Sitzung aus der Sicht Heydrichs wieder. Es ist davon die Rede, die Menschen, die Deportation und Zwangsarbeit überlebten,  müssten „entsprechend behandelt“ werden.  Man kann annehmen, dass auf der Konferenz selbst offener über die Tötung von Menschen gesprochen wurde.

Ist die scheinbare Normalität der Gruppe das eigentlich Frappierende?

Es waren neun Juristen darunter, die meisten promoviert. Es ist in der Tat frappierend, dass über den Massenmord wie über einen normalen politischen Vorgang gesprochen wurde. 

Die Figuren sind Repräsentanten des Staates, der allgemein bürokratische Abläufe garantiert und dies mit gleicher Gewohnheit nun bei einem Massenmord vollzieht…

Das ist der entscheidende Punkt. Der  Massenmord war eine Angelegenheit, die von der obersten Staatsspitze beschlossen und von den Regierungsorganen mitverantwortet wurde. Diese waren in allen Stationen der Verfolgung beteiligt. Aus dem Apparat gab es keinerlei Widerstand. Es zeigt, was passiert, wenn ein bürokratischer Apparat und eine Diktatur sich verselbstständigen und keine moralischen Instanzen und  keine Öffentlichkeit mehr vorhanden ist, die diese Entwicklung hätten stoppen können.

Bildung schützte nicht vor diesen Gräueltaten. Immerhin waren viele der Juristen ja promoviert…

Ja, das ist richtig, unter den  fanatischsten Nationalsozialisten oder den skrupellosesten gab es viele, die ein Studium hinter sich hatten.

Heydrich war der Initiator des Treffens, was ging in der Führungsspitze voraus?

Hitler hat diesen Prozess, der zur Entscheidung führte, alle europäischen Juden zu ermorden, aus dem Hintergrund gesteuert. Es gibt gerade zu den Monaten um die Jahreswende 1941/42 von ihm mehrere interne, aber auch öffentliche Äußerungen, wo von der Vernichtung und Ausrottung der Juden die Rede ist und davon, dass seine Prophezeiung von 1939, der Weltkrieg würde das Ende der jüdischen Rasse in Europa bedeuten, nun Wirklichkeit wird. Man kann diese Erklärungen als Signale an die Verantwortlichen betrachten, mit radikalen Vorschlägen zu dem Ausrottungsprogramm beizutragen. 

War Hitlers Rolle so zentral, dass ohne ihn Anfang und Fortsetzung des Holocaust nicht stattgefunden hätte?

Wenn man sich die Judenverfolgung von 1933 anschaut, erkennt man, dass alle entscheidenden Schritte der Autorisierung  Hitlers bedurften. Wir können es im Einzelnen nachweisen für die Einführung des Judensterns, für den Beginn der Deportation und es gibt auch später entsprechende Entscheidungen über das Schicksal einzelner jüdischer Gemeinschaften in den Ländern. Daher ist die Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass auch hinter der Wannsee-Konferenz Hitler als der eigentliche Initiator und Antreiber stand. 

Was war der Anlass, dass man noch einmal eine Konferenz benötigte?

Es gab zum einen den Plan von Heydrich, den er auch auf der Konferenz erläutert hat – die Deportation in den Osten. Mittlerweile war aber bereits die Deportation in Ghettos in Osteuropa durch Hitler und Himmler in Gang gesetzt worden. Heydrichs Plan war damit und durch die Kriegsentwicklung obsolet geworden. Nun ging es darum, den Prozess der Ermordung der Juden auf andere Länder auszudehnen und zu beschleunigen.  Man darf sich das nicht so vorstellen, dass ein Massenmord einmalig initiiert wird und dann einfach abläuft, sondern es ist ein Prozess, der immer wieder neue Initiativen und neue Entscheidungen verlangt. 

Der Krieg spielte also stark mit in die Überlegungen hinein?

Aus der nationalsozialistischen Sicht bedeutete die Ausweitung des Kriegs zum Weltkrieg, was mit dem Kriegseintritt der USA der Fall war, eine Umstellung der Kriegskonzepts auf einen „Krieg gegen die Juden“. Man glaubte, einen Krieg gegen eine weltweite jüdische Verschwörung zu führen, daher wollte man auch gegen die Juden im eigenen Machtbereich vorgehen. Wiederum gab es den Hintergedanken, aus der eigenen Bevölkerung und Verbündeten Mitwisser und Komplizen zu machen, sodass keiner mehr aus der Front ausbrechen konnte. Der Mord an den Juden sollte als gemeinsam begangenes Verbrechen den deutschen Block so zusammenschweißen, dass der Krieg nicht verloren gehen durfte. 

Davon haben wir nichts gewusst, sagten die Deutschen nach dem Krieg. Sie haben in einem Buch dargelegt, dass die Deutschen relativ viel gewusst haben.

Die vom Regime und der Propaganda ausgesandten Signale haben den durchschnittlichen Deutschen in die Lage versetzt, sich ein Bild davon zu machen, was vor sich geht. Ich würde von einer Grauzone sprechen, zwischen den an sich vorhanden Informationen und dem Nichtwissenwollen bzw. der Ignoranz vieler Menschen. 

Das Gespräch führte Michael Hesse.