Der Titel des Stücks ist sprichwörtlich geworden für das vergebliche Warten auf bessere Tage. Das Stück selbst, 1953 uraufgeführt, wurde zum Wahrzeichen der Nachkriegsmoderne, bekannt selbst vielen, die es nie gesehen haben. Die Geschichte von Wladimir und Estragon, die auf einer fast kahlen Bühne auf eine nie eintreffende Gestalt namens Godot warten, ist zu einem Monument des Absurden geworden. Das ist natürlich ein Widerspruch in sich, eine kulturgeschichtliche Selbstblockade, denn wenn das Absurde zu etwas überhaupt nicht taugt, dann zu seiner Erstarrung als Denkmal.

Genau das aber hat „Warten auf Godot“ geschafft. „Komm, gehen wir.“ – „Wir können nicht.“ – „Warum?“ – „Wir warten auf Godot.“ – „Ach ja.“ Wladimir und Estragon, die großen Obdachlosen des Theaters, haben beim Warten schon so gut wie vergessen, worauf. Derweil vertreiben sie sich die Zeit und tun so, als hätten sie etwas zu tun, und sind damit zu Markenzeichen des Existenzialismus geworden. Wenn sie jetzt in der zweieinhalbstündigen Inszenierung von Ivan Panteleev, der die Arbeit noch in der Konzeptionsphase von seinem verstorbenen Meister Dimiter Gotscheff übernahm, am Rande einer tiefen Bühnenmulde hocken und wieder warten und warten, dann müssen sie diese penetrante kulturgeschichtliche Logo-Existenz erst einmal wieder loswerden, bevor die Sache den Zuschauer anzurühren beginnt. Aber dann packt sie einen umso mehr.

Panteleev bedient sich dazu eines hemmungslosen Komödiantentums, das schon Samuel Beckett selbst in der eigenhändigen Inszenierung seines Stücks am Berliner Schillertheater 1974 einsetzte. Beckett scheute sich nicht, die Rollen mit Horst Bollmann und Stefan Wigger schon figürlich nach dem Pat-und-Patachon-Prinzip zu besetzen. Das fällt bei Wolfram Koch und Samuel Finzi wegen ihres nicht gar so verschiedenen Körperbaus flach, aber ansonsten lassen auch sie keinen Witz aus, und sei er so bescheiden wie das Unvermögen Wladimirs, sich das Lied „Ein Fuchs kam in die Küche“ zu merken.

Becketts alberne Seite

Das Stück ist ja nicht zuletzt ein Stück über das Theater, weil die Wartenden, während sie warten, einander vorspielen, sie hätten sich was zu sagen. Das klappt immer wieder mal überraschend gut, auch ohne Worte, wenn ein pantomimisches Spiel mit Fingerschnipsen in die brillante Darstellung von Tischtennis, Tennis, Golf, Polo und Schach übergeht. Dass wir all das nur spielen, um das grausige Nichts zu überbrücken, wurde selten so heiter und ausgelassen, so ganz und gar mit vollem Recht belacht.

Wenn Pozzo und Lucky als Herr und Knecht auf die Bühne kommen – bis in die Spitzen fingerfertig Christian Grashof, glaubwürdig geschurigelt Andreas Döhler – und Lucky in einer irrlichternden Wissenschaftstravestie auf Geheiß („Denk, du Sau!“) zu denken beginnt, dann wirken die Lacher im Publikum schon prekärer, bevor sie dann vollends verstummen, wenn mit der Rede von Millionen von Toten der Holocaust als Hintergrund des Stücks benannt wird.

Becketts alberne Seite aber war ausgeprägter als viele seiner späteren Bewunderer glauben, man lese nur seinen großartigen Romanerstling „Murphy“. Panteleevs clowneske Inszenierung ist überaus respektvoll, indem sie präzis jenen Beckett’schen Witz herausarbeitet, der sich dem Wissen verdankt, dass wir nichts Besseres haben als ihn, ausgenommen vielleicht die wenigen Umarmungen, die unsere Seelen dulden. In einer solchen versuchen Finzi und Koch Jacke gegen Mantel zu tauschen. Die einzigen Requisiten, die von den älteren Aufführungen geblieben sind, tragen die Figuren auf dem Leib, bis auf ein riesiges Stück rosa Stoff, das der arme Lucky faltet und faltet. Kein Koffer mehr, kein Strick um Luckys Hals. Als Baum muss ein Scheinwerfermast herhalten. „Was ist mit der Weide?“, fragt Estragon. „Wird abgestorben sein. Hat sich ausgetrauert.“ So ist es und ist es nicht.

Warten auf Godot Deutsches Theater. Nächste Aufführungen: 2. und 26. 10.