Das ganze Ensemble der Serie: Jördis Triebel als Busfahrerin, Ronald Zehrfeld (Mitte) als Johannes, Felix Kramer als Ralf, nicht zu vergessen: der Hund Maik.
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BerlinSitzen zwei Brandenburger in einem Wartehäuschen und erzählen sich was. Vor ihrer Nase ein sogenannter Wendehammer. Wende! Hammer! Von hier aus geht es nicht mehr weiter. Endstation.

 Eigentlich sind es drei Brandenburger, denn Maik gehört auch dazu, ein zottliger Mischlingsrüde mit treuen Augen und gebrochener Biografie (Tierheim). Insofern passt Maik nicht nur vom Namen her ganz gut zu den beiden Ostlern Hannes und Ralle, sondern auch habituell. Von Natur aus knuffig, manchmal stur, mitunter passiv aggressiv. Am Ende leckt er dem Fresschengeber aber wieder ganz lieb das Gesicht.

Johannes alias Hannes war früher in der LPG beschäftigt, davor wollte er Zimmermann werden und noch viel früher noch was anderes. Heute kühlt er sein  Knie mit Bierbüchsen und schwafelt gern über die größeren Fragen der Menschheit, die er trefflich zu analysieren weiß. Selbstbild, Fremdbild, Identität und so. Das Wort „trefflich“ würde ihm  gefallen. Er sagt auch „Donnerwetter“, wenn ihn was beeindruckt. „Wer sacht’n noch Donnerwetter“, blafft ihn Ralle einmal an. „Na icke“, antwortet Hannes.

Ralf alias Ralle hat zu Ostzeiten im Tagebau an der Zukunft gearbeitet. Aber: „Die Zukunft ist jetzt ’n Baggersee.“ So sieht’s aus. Sie waren mal „die coolsten Säue der Polytechnischen Oberschule ,Juri Gagarin’“ und jetzt kleben sie hier fest, die „beiden Kloppis“ (Selbstbeschreibung) und fragen sich, wie es soweit kommen konnte. Oder besser gesagt: im Gegenteil. Denn weit sind sie ja nicht gekommen. „Wir sind keine Loser, uns fehlen nur die Pläne.“ Das dazu.

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Warten auf'n Bus

Die Miniserie des RBB mit Ronald Zehrfeld (rechts im Bild) und Felix Kramer läuft in acht Episoden à 30 Minuten ab Mittwoch, dem 22. April, 22 Uhr, im RBB. Alle Folgen sind bereits jetzt in der ARD-Mediathek zu sehen. 

Gespielt, ja, im besten Sinne verkörpert, werden die beiden Diskutanten von Ronald Zehrfeld (Hannes) und Felix Kramer (Ralle). Zehrfeld gehört zu den prägenden Filmschauspielern der jüngeren Zeit, Kramer ist noch nicht so bekannt, zuletzt war er in der Netflix-Serie „Dogs of Berlin“ und im Kinothriller „Freies Land“ zu sehen. Beide wurden in Ostberlin geboren, was in diesem Fall wirklich wichtig ist. Denn sie können berlinern! Sie können sogar ostberlinern!

Und Jördis Triebel, die als von beiden Männern angehimmelte Kathrin immer mal wieder ihren Bus in die Wendeschleife lenkt, teilt deren mundartlichen Hintergrund. Allein wie Felix Kramer jedem zweiten Satz ein dreckiges „Alter“ hinterher hustet, ist hier die halbe Fernsehgebühr wert. Den Dreck aus dem Tagebau hat sein Ralle heute noch in der Lunge und auch unter den Nägeln, wie in einer Einstellung (Regisseur Dirk Kummer mit Blick fürs Detail) gut zu sehen ist. Hannes kann sich ihre Malaise nicht erklären: „Wir waren demütig, wir waren willig, zurechtgelutscht für den Markt. “

In acht Episoden von jeweils einer halben Stunde versucht das RBB-Dramolett „Warten auf’n Bus“ den Ostler abzuklopfen. Aber was ist der Ostler? Oder der Brandenburger? Da fängt es ja schon an und wird gleich kompliziert. Hannes und Ralle, die beiden sympathischen Verlierer aus dem Herzland, haben ganz schön schwer zu tragen an den Ideen, die ihnen ihr Autor Oliver Bukowski (geboren 1961 in Cottbus) auflädt. Der studierte Philosoph ist heute vor allem als Theaterdichter tätig. In dem Format des TV-Einakters hat er ein Genre gefunden, in dem sich das Allgemeingedankliche auf den Begriff bringen lässt. „Dreiecksbadehose“ zum Beispiel als textiler Gründungsmythos des Ostens.

Je absurder die Dialoge sind, je verrückter die Thesen, desto wahrhaftiger. Man muss da gar nicht erst an Beckett denken, Ditsche reicht schon, der Schlurf von der Imbisstheke. Den Sinn im Sinnlosen entdecken, das ist die große Kunst des Menschseins. Wenn Ralle beispielsweise rauskriegen will, ob Maik „so ’ne Art Selbstbewusstsein hat, Über-Ich, Unter-Ich“ und ihm zur Probe ein Hundeselfie vor die Schnauze hält. In den Tierversuch bezieht   er  schließlich auch seinen Kumpel Hannes ein. „Schlauer als der Hund. Glückwunsch. War knapp.“

Wie schon angedeutet, möchte sich die Sitcom, für die der arme RBB das finanziell passende Format gefunden hat, nicht im Komischen erschöpfen, sondern durchaus volksbildend wirken. Sobald allerdings ein aufklärerischer Ernst in die Sache kommt, ein agitatorischer Unterton sogar, geht dem Projekt der Charme des Beiläufigen verloren. Wenn Hannes und Ralle etwa Naziparolen am Bushäuschen mit brauner (!) Farbe überpinseln und dabei über Fremdenhass fachsimpeln, wird die Situation mit einem gesellschaftlichen Auftrag überfrachtet, unter dem sie nur zusammenklappen kann. „Is dit bitter“, würde Ralle sagen.

Die Bushaltestelle als Bühne, das funktioniert leider nur bedingt. Ein bisschen zu kräftig wird der Thesenbeutel ausgeschüttelt und manchmal drängt sich auch ein larmoyanter Ton auf, der wohl nicht allein dem Charakter der Figur anzulasten ist. Hannes: „Ossiwitz für Ossiwitz haben sie uns in die Ringecke gedroschen.“ Ach Gottchen. Es gibt gar keine Witze über Ostler, jedenfalls keine guten. Das ist viel schlimmer.