„Was ist denn mit der Documenta?“ – Das fragte mich ein Freund vor ein paar Wochen in Tel Aviv. Wir waren 2012 gemeinsam in Kassel gewesen. Die Frage war gewissermaßen „naiv“ gestellt. Von der diskursiven Wucht, mit der in Deutschland seit Monaten über die Documenta diskutiert wird, hatte er nichts mitbekommen. Seine Frage meinte eher, ob ich hinfahre. Oder ob Ruangrupa, das indonesische Kurator:innen-Kollektiv, in meinen Augen einen anderen vibe transportieren würden als frühere Versionen jener Kunstschau, die bekanntlich nur alle fünf Jahre stattfindet und vielen als eine der richtungsweisendsten der Welt gilt.

Ich antwortete, dass ich zwar ein Zugticket habe, inzwischen aber nicht mehr meine Hand dafür ins Feuer legen könne, dass diese Documenta noch wie geplant stattfindet. Immerhin befürchteten schon damals einige, dass die Debatte um Ruangrupa und den dem palästinensischen Kollektiv The Question of Funding angedichteten Antisemitismus den Sargnagel der Kunstschau markieren könnten.

Der Eklat war auf einem inhaltlich wie ästhetisch vulgären, „antideutschen“ Blog entfacht und von der Wochenzeitung Die Zeit – und weiteren Feuilletons – weitgehend unkritisch übernommen worden. Inzwischen führte die Diskussion selbst zu Unstimmigkeiten zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Zentralratspräsident Josef Schuster kritisierte in einem Brief an Roth die Ausrichtung der inzwischen abgesagten Online-Gesprächsreiche „We need to talk!“. Nach einem Gespräch zwischen Schuster und Roth erklärten sie Einigkeit darüber, dass Antisemitismus in seinen unterschiedlichen Formen keinen Platz in Deutschland und weltweit haben dürfe, „auch nicht auf der Documenta“. Zugleich stellten sie fest, „dass der bisherige Versuch einer konstruktiven öffentlichen Debatte gescheitert ist“.

Mein Freund, ein leidenschaftlicher Verfechter dessen, was in liberalen Kreisen gern „Kunstfreiheit“ genannt wird, schien irritiert. Das mag auch daran liegen, dass er ähnliche Polemiken aus Israel gut kennt und es ihm daher schwer fiel, sie in dem für verkürzte Kritik in Sachen Israel/Palästina berüchtigten deutschen Kontext ernst zu nehmen. In einem inzwischen gekappten israelischen Gesetz, das stark danach klingt, als hätten George Orwell und Joseph McCarthy sich zu einem dystopischen Stelldichein verabredet, hatte die Ex-Kulturministerin Miri Regev in den letzten Jahren etwa immer Israel gegenüber „illoyalen“ Kulturproduktionen die Förderung entzogen – oder sie als illegitim gekennzeichnet.

So wurde etwa Dorit Rabinyans Roman „Wir sehen uns am Meer“ über die Beziehung zwischen einer Jüdin und einem Palästinenser von Leselisten in Schulen gestrichen, angeblich weil er „Assimilation“ fördere. Israelischen Theatergruppen, die sich weigerten, vor jüdischem Publikum in der von Israel besetzten Westbank aufzutreten, drohte Regev mit Geldstrafen. Als „Illoyalität“ definierte das Gesetz Kulturproduktionen, deren Ausdruck als „Leugnung der Existenz des Staates Israel als jüdischer und demokratischer Staat“ lesbar war. Wer immer in Israel eine striktere Trennung zwischen Religion und Staat fordert, wer Sympathien für eine bi-nationale demokratische Lösung des Nahost-Konflikts hegt, oder schlicht nicht akzeptiert, dass Menschen in Israel aufgrund ihrer Abstammung privilegiert werden sollten, wäre damit „illoyal“.

Falsche Vorwürfe des Antisemitismus gegenüber der Documenta

Die Irritation meines Freundes mit Blick auf die Documenta ist natürlich kein Einzelfall. Dass die angesprochenen Polemiken teils mit rassistischer Sprache angespitzt worden waren, ist inzwischen von mehreren Seiten, etwa im Monopol-Magazin, deutlich gemacht worden.

Was wurde der Documenta vorgeworfen? Die Argumentation gründete sich in erster Linie darauf, dass Ruangrupa Vertreter:innen eines in Ramallah ansässigen Kulturzentrums nach Kassel eingeladen hatten, das nach Khalil al-Sakakini benannt ist. Al-Sakakini war arabischer Nationalist und Pädagoge und äußerte sich an vereinzelten Stellen in Tagebüchern begeistert über Adolf Hitler. Dass er zur Mandatszeit in Palästina auch jüdische Schüler hatte, wie etwa der israelische Historiker Tom Segev zeigte, schien das Gros des deutschen Feuilletons genauso wenig zu interessieren wie die Tatsache, dass etwa auch die Konrad-Adenauer-Stiftung das selbe Kulturzentrum als Veranstaltungsort nutzt. Wie vielschichtig die Figur al-Sakakini ist, legte der Historiker Jens Hanssen auf dem Online-Blog Geschichte der Gegenwart dar.

Der zweite Teil des Vorwurfs bezog sich auf den palästinensischen Kurator Yazan Khalili, dem etwa vorgehalten wurde, dass er den Vorwurf der Apartheid an Israel zur Gestaltung seines Kunstwerks „Apartheid Monochromes (2017)“ nutze. Dass jener Vorwurf inzwischen von zahlreichen Menschenrechtsorganisationen und Nichtregierungsorganisationen erhoben wird, findet in diesem Kontext keine Erwähnung. „Aufgedeckt“ hatte das Ganze das sogenannte Bündnis gegen Antisemitismus Kassel – ein Blog, der durch psychologisch durchschaubare Überidentifikation mit Israel, gezieltes Missverstehen von Textpassagen und teils rassistische Polemiken hervortritt.

Nicolas Wefers
Das Artistic-Team der Documenta und das indonesische Kuratoren-Kollektiv Ruangrupa

Rassistische Polemiken eines „Bündnis“-Blogs

In welchem ideologischen Spektrum der Blog zu verorten ist, zeigt ein kurzer Blick auf das Facebook-Profil seines Sprechers, Jonas Dörge. Dort schreibt er, man stelle sich „auf die Seite der Islam-Appeaser“, wenn man gegen die rechtsradikale Bürgerbewegung Pax Europa aufrufe. Der Islam, so Dörge, sei eine Gefahr für „die Freiheit, die Aufklärung und die Demokratie“. Den Direktor des Anne-Frank-Zentrums Meron Mendel nennt er einen „notorischen Antisemitismus-Leugner“. Und die inzwischen verstorbene Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano bezeichnet er als „Zugpferd“. An Bejanaros Todestag liest man bei Dörge: Bejarano habe sich „vor den Karren der Israelfeinde spannen“ lassen.

Kann man einen Blog, der von einer Person vertreten wird, die derart offen gegen Muslime agitiert und israelische Stimmen genauso leichtfertig abfertigt wie die einer jüdischen Holocaust-Überlebenden, ernst nehmen? Als warnende Stimme gegen antisemitisches Denken? Die Antwortet ist eindeutig: Nein.

Dörge steht symptomatisch für eine abgründige Variante deutscher Schuldabwehr, die sich nach außen hin gern als anti-antisemitische Speerspitze geriert, jedoch Sedimente der Nazi-Ideologie ihrer Vorfahren schlicht von einer Opfergruppe auf eine andere verlagert. Und sich dabei offenbar nicht zu schade ist, konsequenterweise auch jüdische Stimmen für tabu oder irrelevant zu erklären. Dass kaum eines der Medienhäuser, die den von ihm eingebrachten Antisemitismusvorwurf diskutierten, sich die Mühe machten, Fakten und Quellen zu überprüfen, wirkt bizarr.

Die Documenta könnte an Bedeutung verlieren

Die eingebrachten Vorwürfe selbst sind allerdings nicht die einzige Facette dieser Debatte: Die Documenta – so lautet die nachvollziehbare Angst vieler Beteiligter und Beobachter:innen – könnte dadurch an Bedeutung und Strahlkraft verlieren. Als Ort, der mit den Jahren zu einer Art Inkubator wurde, wo Räume für Perspektiven jenseits der schwülstigen Monumentalität des Kunstmarkt eröffnet werden. Als Ort, wo Kunst eben nicht nur gezeigt wird, um verkauft zu werden. Sondern der – zumindest potenziell – auch anregt, Fragen nach den Möglichkeiten der Versteh-, Erfahr- und Erzählbarkeit neu auszuhandeln. Fragen nach sozialer Kritik und ästhetischer Dissonanz.

Swen Pförtner/dpa
Verzierte Säulen eines zur Documenta gehörenden Gebäudes in Kassel

Dass jetzt auch das Online-Forum „We need to talk! Art – Freedom – Solidarity“ abgesagt wurde, das Anfang Mai als Gesprächsreihe beginnen sollte und sich über drei Wochenenden erstreckt hätte, scheint jene Sorge weiter zu zementieren. Die Reihe umfasste Panels, auf denen unter anderem Meron Mendel, Teresa Koloma Beck, Sultan Doughan und Natan Sznaider vertreten gewesen wären. Sie sollte insbesondere den Fragen nach der Rolle von Kunst und Kunstfreiheit nachgehen.

Konkret hätte die Veranstaltungsreihe Perspektiven zusammengebracht, die – mit Blick auf die hitzigen Debatten zu Rassismus und Antisemitismus in Deutschland – oftmals unvereinbar wirken oder teils auch aktiv gegeneinander ausgespielt werden: jüdische und muslimische, israelische und palästinensische, wissenschaftliche und künstlerische, konservative und progressive. Das Forum hätte sich mit den im Raum stehenden Vorwürfen auseinandersetzen können. Sowie mit der Frage, wie mit ihnen umzugehen ist.

Dass die Reihe abgesagt wurde, ist schwer anders lesbar denn als Armutszeugnis an einen von Missverständnissen und antipluralistischen Impulsen getriebenem Diskurs zu den benannten Themen in Deutschland. Ruangrupa, das künstlerische Team der documenta fifteen und einige der Kurator:innen des Forums konstatieren in ihrem in der Berliner Zeitung veröffentlichten offenen Brief wie folgt: „Das vorläufige Scheitern des Forums ist somit auch ein Scheitern des deutschen Diskurses zu Antisemitismus und Rassismus.“

Ein antipluralistischer Diskurs

Effekte jenes Diskurses ließen sich in den letzten zwei Jahren immer wieder beobachten. Von der sogenannten Mbembe-Debatte um den kamerunischen Philosoph Achille Mbembe, der wegen BDS-Nähe und Textpassagen, die seine kritische Haltung zu israelischer Besatzungspolitik bezeugen, in Deutschland nicht sprechen durfte. Über die Entziehung von Geldern und Räumlichkeiten für eine von jüdischen Israelis organisierte Tagung an der Kunsthochschule Weißensee. Bis hin zu den von Springer-Medien angefachten Kampagnen gegen Journalistinnen wie Carolin Emcke und Nemi El-Hassan.

Die Frage, inwieweit jener Diskurs den Antisemitismus-Begriff auf eine wissenschaftlich nicht unumstrittene Definition festzurrt – und inwieweit jene Definition angesichts ihrer politischen Instrumentalisierbarkeit überhaupt noch sinnvoll ist –, wäre wohl Teil der Forum-Diskussionen gewesen. Gemeint ist die IHRA-Definition des Antisemitismus, durch deren großzügige Ausweitung dessen, was unter israelbezogenen Antisemitismus fällt – in regelrecht triumphaler Verkennung zahlreicher arabischer wie jüdischer Perspektiven –, immer wieder auch Akteure der palästinensischen und israelischen Zivilgesellschaft, sowie jüngst auch Amnesty International, als „antisemitisch“ ausgewiesen werden.

Der Antisemitismusvorwurf wird instrumentalisiert

Auch diskutiert worden wäre, inwiefern jene Antisemitismus-Definition sich in der Praxis in Teilen zu einem politischen Instrument entwickelt hat, das im deutschen Kontext in auffällig oft gegen Vertreter:innen nicht-weißer oder linker Gruppen in Anschlag gebracht wurde. Und das somit auch eine urdeutsche Sehnsucht zu befriedigen scheint, die von Jonas Dörge bis in den journalistischen Mainstream reicht: Eine Sehnsucht, xenophoben Impulsen Luft zu machen, indem man eine auswendig gelernt wirkende Deutungshoheit über Antisemitismus gegen Minderheiten oder israelischer Politik kritisch gegenüberstehender Gruppen ausspielt. Ob letztere palästinensisch, indonesisch oder jüdisch sind, scheint dabei kaum mehr eine Rolle zu spielen.

Ebenfalls Gesprächsgegenstand der „We need to talk!“-Reihe wäre gewesen, inwiefern jene inflationäre Verwendung des Antisemitismus-Begriffs zu seiner Verwässerung beiträgt. Tatsächliche Fälle von Antisemitismus – etwa der Fall der Komikerin Lisa Eckardt, des Ex-Verfassungsschutz-Chefs Hans-Georg Maaßen oder gesellschaftlich abgenickter „Umvolkungs“-Gedanken à la Thilo Sarrazin – blieben in den letzten Jahren weitgehend konsequenzlos. Der offene Brief konstatierte: „Wird der Antisemitismusvorwurf auf diese Weise ausgehöhlt, ist dem Kampf gegen Antisemitismus nicht geholfen. Im Gegenteil: es wird damit der antisemitischen Identifizierung von Handlungen des israelischen Staates mit jüdischen bzw. jüdisch markierten Menschen das Wort geredet.“

Wer die Debatten der letzten zwei Jahre verfolgt hat, könnte meinen, all dies hätte längst einen tipping point erreicht. Stattdessen legte die Zeitung Welt jüngst nach, indem sie am Beispiel des Schwarzen, zum künftigen HKW-Intendanten ernannten Kurators Bonaventure Ndikung erneut die vermeintliche Inkonsequenz der BDS-Resolution erklärte – eine Resolution, die inzwischen seitens mehrerer Gerichte für nicht-verfassungskonform erklärt wurde. Wohlgemerkt nicht, weil Ndikung BDS unterstützt. Sondern, weil er sich im Kontext der Sonsbeek-Biennale, die er 2020 kuratierte, nicht ausdrücklich gegen die „BDS-Nähe“ der Künstler:innen stellte. Die Kontaktschuld-Logik scheint dem Autor auszureichen. Die unüberhörbar nach Stammtisch klingende Botschaft ist klar: Ndikung entspricht schlicht nicht „unseren“ deutschen Standards.

Eine fehlende Diskussion über Kunst

Eine Sache fand mein israelischer Freund, als ich ihm von der Documenta-Debatte erzählte, letztlich schwer begreiflich. Nämlich, dass die auf der Documenta gezeigte Kunst bereits vor ihrer Präsentation in die Lage gebracht worden war, ihren Geltungsanspruch gegenüber politischen Polemiken und vermuteter BDS-Nähe zu behaupten. „Leute regen sich auf, ohne die Kunst überhaupt gesehen zu haben?“ Es schien so absurd, dass es ihn regelrecht amüsierte.

Dass Befürchtungen des Zentralrats der Juden in Deutschland in jedem Fall ernst genommen und gehört werden sollten, steht – auch im Kontext der Debatte zur Documenta – außer Frage. Die derzeitige Diskussion jedoch gleicht, gerade in ihrer Verweigerung einer inhaltlichen Auseinandersetzung über Kunst, einem performativen Kunststück. Ein Kunststück, bei dem zahlreiche Akteure in Deutschland die Documenta als Gegenstand benutzen, um sich rhetorisch von der eigenen Scham loszusagen, in die deutsche NS-Tätergesellschaft verstrickt zu sein. Indem sie, mittels fingerzeigenden Populismus, Künstler aus Ramallah als Antisemiten identifizieren.

Dass es im Nachgang des letzten Jahres, wo in allen nennenswerten deutschen Feuilletons unter dem Label des „Zweiten Historikerstreits“ ausgiebig über die Herausforderungen einer zeitgemäßen deutschen Erinnerungskultur gestritten wurde, noch immer die falschen Antisemitismusvorwürfe an Ruangrupa und The Question of Funding sind, die den Kern der Diskussionen über die Documenta bilden – und nicht etwa, wie eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum 2021 zeigte, die Tatsache, dass zehn der anfänglichen Gründungsmitglieder der Documenta ehemalige NSDAP-, SA- oder SS-Mitglieder waren – spricht Bände. Die Diskussion zur Documenta sagt leider einiges über den Stand jener Erinnerung aus. Sowie über die oft gedankenfaulen Implikationen der aus ihr abgeleiteten historischen Verantwortung.