Gesichtsmaske sogar bei der Hochzeit: Ein Paar in Wuhan.
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BerlinAm Tag, nachdem der erste Coronafall in den Philippinen bekannt geworden war, trug halb Manila eine Maske. Diese Szene beschreibt Anfang Februar der philippinische Anthropologe Gideon Lasco in dem Fachmagazin Sapiens. Als er einige Tage später ein Flugzeug nach Bangkok bestieg, das gleiche Bild. Masken werden auch in China, Japan, Südkorea oder Vietnam massenhaft getragen.

Diese Bilder werden etwa von Europäern komplementiert, die aus Ostasien kommend in ihre Heimatländer reisen, selbstverständlich eine Maske tragend. Er habe sich damit schnell so gefühlt, als sei er  am FKK-Strand der einzige in Badehose, schrieb der Spiegel-Korrespondent in China, nachdem er im März in Berlin gelandet war. Da, wo er herkomme, würde niemand auf die Idee kommen, sich mit nacktem Gesicht an einen Ort zu begeben, an dem viele Leute zusammentreffen.

Seit Beginn der Corona-Krise manifestiert sich ein Unterschied zwischen den Einwohnern Asiens und denen der westlichen Welt im Umgang mit dem Virus. Die einen tragen Masken, die anderen nicht, auch wenn mittlerweile ein paar mehr Maskenträger  in Berlin auszumachen sind. Wie kommt das?

Die erste Anti-Pest-Maske

Das Phänomen des Tragens von Masken zum Schutz vor Krankheit hat in Asien Tradition, und vieles deutet darauf hin, dass diese während der Pestepidemie in der Mandschurei im Winter 1910/1911 begründet wurde, bei der rund 60 000 Menschen starben. Der chinesischstämmige,  aber in Cambridge ausgebildete Arzt Wu Liande entwickelte die damals geradezu ketzerisch anmutende Theorie, die Krankheit übertrage sich nicht durch Ratten oder Flöhe, sondern von Mensch zu Mensch – durch die Luft.

Er erfand die erste Anti-Pest-Maske, die nicht dazu diente, sich vor üblen Gerüchen zu schützen, wie die im Mittelalter gebrauchten Masken, sondern um sich nicht anzustecken. Und er befahl nicht nur Ärzten, Pflegern und Patienten, diese zu tragen, sondern auch der Allgemeinheit. Eine aus medizinischen Gründen getragene Maske unterscheidet sich natürlich von kulturellen Masken, die es in sehr vielen Gesellschaften gab und gibt, und dort ähnliche Funktionen erfüllen, die im weitesten Sinn mit Identität und Verwandlung zu tun haben.

Doch kann man auch aus medizinischen Gründen getragene Masken in einen kulturellen Kontext stellen, denn auch sie haben eine repräsentative Funktion, sind  ein Mittelding zwischen medizinischem Hilfsmittel und sozialer oder kultureller Ikone.

Christos Lynteris, Medizinanthropologe an der schottischen Universität St. Andrews, schreibt 2018 über die von Wu Liande erfundenen Anti-Pest-Masken, sie hätten ihre Träger nicht nur vor einer Infektion geschützt, sondern diese seien zusammen mit ihrer sozialen Umgebung in eine Darstellung medizinischer Vernunft und hygienischer Moderne eingebunden worden. Auch hätten sie, mit dem Stempel eines örtlichen Tempels versehen, den Charakter eines Talismans gehabt.

Die Masken verkörperten die wissenschaftliche Erkenntnis und die davon geleitete Umsicht, die hier am Werk war, und machten sie sichtbar.

Wie bei der Spanischen Grippe

Wu Liande wird sich der doppelten Funktion seiner Masken bewusst gewesen sein, jedenfalls ließ er zahlreiche Fotografien Masken tragender Menschen anfertigen und sorgte für weite Verbreitung. Wenige Jahre später, beim Ausbruch der Spanischen Grippe 1918 bis 1920, wurden Masken auf der ganzen Welt verwendet, doch nur  in Japan und China, ja in ganz Ost- und Südostasien  haben sie sich dauerhaft etabliert.    

Masken werden dort bis heute aus ganz verschiedenen Gründen getragen. Weil man eine Erkältung hat, weil man sich vor Luftverschmutzung oder üblen Gerüchen schützen möchte, mancherorts auch einfach, weil man keine Lust auf ein Gespräch hat. Die Maske als soziale Barriere. Mitglieder der auch hierzulande bekannten koreanischen Boygroup BTS etwa treten nicht selten mit Mundschutz auf.  

Alltag mit Maske: Anstehen in Hanoi im April 2020
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Sein Gesicht auf diese Art zu verhüllen, ist in Ost- und Südostasien anders als im Westen, wo vielen es sogar in dieser Zeit peinlich wäre, eine Maske aufzusetzen,  allgemein akzeptiert. Durch das Corona-Virus kam die Maske dort ohne behördliche Anweisung von einem Tag auf den anderen wieder massenhaft zum Einsatz.

Manche sprechen jetzt von den von Konfuzius und vom Kollektivgeist geprägten Gesellschaften dieser Region, in denen die fest verankerte Tradition sozialer Rücksichtnahme gepaart mit sozialem Druck die Menschen dazu bringt, ihre Münder und Nasen zu verhüllen, während dies in den individualistischen Gesellschaften des Westens nicht möglich wäre. Solche kulturellen Zuschreibungen können aber auch in die Irre führen. Vielleicht sind es eher kollektive Traumata, die das Verhalten bestimmen.

Erinnerung an ein kollektives Trauma

Kein Wunder, dass in Ländern, in denen die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den damit verbundenen Hunger fortwirkt  wie in Deutschland, Nudeln und andere haltbare Lebensmittel selbst von Menschen gehortet werden, die damals noch gar nicht geboren waren. In China und den umliegenden Ländern ist das kollektive Trauma vielleicht die wesentlich jüngere Erinnerung an die von Südchina ausgehende Sars-Pandemie im Jahr 2003. Mehr als 90 Prozent der Einwohner Hongkongs etwa trugen damals eine Maske.

Der niederländische Soziologe Peter Baehr hat die „Schicksalsgemeinschaft“ untersucht, die die Hongkonger damals bildeten. Er definiert das Maskentragen  als schnell improvisiertes, aber dennoch obligatorisches Ritual, dessen Verletzung  empörte. „Die Maske symbolisierte eine Verhaltensregel, nämlich die Pflicht, die Gemeinschaft zu schützen und eine Erwartungshaltung, wie man von anderen behandelt werden wollte.“

Man könnte das Maskentragen darüber hinaus als eine Art Verhaltensmimikry bezeichnen, das soziale Unterschiede im wahrsten Sinn des Wortes verschleiert und als sozialer Klebstoff funktioniert. Die Fotografien maskentragender Schulklassen, Pendler oder Balletttänzer aus Hongkong wurden damals zu Symbolen der Epidemie.

Teil der Ausstiegsstrategie

Die von allen oder wenigstens vielen getragene Gesichtsmaske könnte auch Teil der Ausstiegsstrategie westlicher Länder aus dem Corona-Lockdown sein, nicht nur aus medizinischen Gründen, die es durchaus auch gibt, wie immer deutlicher wird. Auszuschließen ist das nicht angesichts der Dynamik, mit der der Alltag und auch die Verhaltensweisen sich in vieler Hinsicht verändert haben. Österreich ist ein Beispiel dafür, dass Pandemien auch soziale Prozesse in Gang setzen.  

Es tut sich etwas. Bei einem Spaziergang durch Kreuzberg am Wochenende konnte man Frauen beobachten, die aus ihrer Erdgeschosswohnung heraus selbstgenähte Masken aus bunten Stoffen verkauften. Ein  modisches Accessoire mit Symbolcharakter.  Prominente wie Rezo, Charlotte Roche und Jan Böhmermann haben die Initiative #maskeauf gegründet, die Berliner Mikrobiologin Regine Hengge startete die Instagram-Kampagne @we_can_stop_corona, das Jugendidol Ariana Grande wurde in New York mit Maske gesichtet.  

Wenn die Ausgangssperren bald gelockert werden, bleibt die Gefahr einer massenhaften, die Krankenhäuser überfordernden Ansteckung. Doch wenn sich vieles normalisiert, kann man  jede Vorsicht leicht vergessen. Die vielfach getragene Maske könnte zum visuellen Werkzeug werden, das beständig signalisiert, dass  das unsichtbare Virus noch da ist. Das Maskentragen könnte das Ritual sein, das einen vom normalen Leben trennt, und ein Zeichen dafür, dass der Maskenträger es für seine Pflicht hält, Ansteckung zu begrenzen.