Grün, grün, grün: Beim Musical „Wicked“ wird die Bühne zu einem Treffpunkt für Hexen und Zauberer.
Foto: Matt Crocke

LondonDer Zauber wirkt auch zum fünften Mal in dieser Woche. Wenn die grünhäutige Hexe Elphaba, begleitet von spektakulären Lichteffekten und schmissiger Musik in die Höhe schwebt, wenn die Geschichte ihrer ungewöhnlichen Freundschaft zur schönen Hexe Glinda erzählt wird, dann ist es um das Publikum geschehen. Wie immer belohnen auch an diesem Donnerstagabend mehr als 2000 Zuschauer die Darsteller des Musicals „Wicked – Die Hexen von Oz“ am Ende der Aufführung mit Ovationen. Und dasselbe soll für die nächsten drei Vorstellungen im Londoner Apollo Victoria Theatre gelten, die bis zum Wochenende folgen.

Die Inszenierung, basierend auf der im Jahr 1900 vom US-Schriftsteller Lyman Frank Baum veröffentlichten Geschichte des Zauberers von Oz, ist einer der größten Musical-Erfolge aller Zeiten – sowohl weltweit als auch in der britischen Metropole. Zehn Millionen Menschen haben das seit 2006 in London aufgeführte Stück bereits gesehen, dreimal wurde es von Besuchern zur besten West End-Show gewählt.

Die Produktion reiht sich ein in die lange Liste der Hit-Musicals, die London seit Jahrzehnten beherbergt. Und die dazu beitragen, dass die Metropole unangefochten Europas Musical-Hauptstadt ist und weltweit lediglich mit New York konkurriert, wobei am Broadway Produktionen stets deutlich teurer ausfallen.

Musicals bieten Flucht aus dem Alltag

„Les Misérables“, „Der König der Löwen“, „Das Phantom der Oper“, „Mamma Mia“, „Matilda“ oder „The Book of Mormon“ – zu den laufenden Musicals an der Themse gehören Klassiker und neue Inszenierungen. Bis zu 30 große Shows starten pro Jahr, es handele sich um „einen sich ständig weiter entwickelnden Markt“, sagt Michael McCabe. Der Brite ist Chefproduzent von „Wicked“ und arbeitet gerade an der Inszenierung „Der Prinz von Ägypten“, die 2020 in London auf die Bühne kommen soll. Natürlich gehe es um Unterhaltung, um eine Flucht aus dem Alltag und um große Emotionen, die Musicals auslösen. Dabei sei die „neue Energie“ der frischen Shows neben den etablierten Stücken für die Szene im West End notwendig.

Die Menschen lieben es, nicht nur die Show zu sehen, sondern auch in solch einer Umgebung zu sein.

Michael McCabe, Chefproduzent von "Wicked"

Auch um sich die Reputation zu erhalten – und diese reicht weit zurück. „Londons Geschichte ist so durchdrungen vom Theater“, sagt McCabe. „Es ist zu einem Teil unserer Kultur geworden.“ Schon zu Zeiten von Königin Elizabeth I. herrschte eine außergewöhnliche Theaterbegeisterung, ausgelöst durch William Shakespeare, der im Globe Theatre Stücke auf die Bühne brachte und selbst als Schauspieler auftrat.

Theaterlose Zeiten gibt es heute nicht mehr

Das allgemeine Volksvergnügen wurde jäh gestoppt, als Mitte des 17. Jahrhunderts Entertainment in London für einige Zeit illegal wurde. Die Puritaner, über die sich das Theater so gerne lustig machte, verboten 1642 das Aufführen von massenunterhaltenden Stücken. Zwar hatte es bereits zuvor theaterlose Zeiten gegeben, doch diese Pausen waren meist Katastrophen wie der Pest geschuldet. Nun sollte das Verbot Jahre andauern. Erst mit der Rückkehr der Monarchie 1660 kamen auch die Schauspieler wieder auf die Bühnen.

Eines von vielen Häusern: das Lyceum Theatre im Theaterviertel West End.
Foto: imago images/Andre Poling

Heute reiht sich im Stadtteil West End ein Theaterhaus an das nächste, Menschenmassen schieben sich durch die von funkelnden Lichtern und bunten Schildern erleuchteten Straßen und Gassen. Etliche der geschichtsträchtigen Gebäude mit ihren beeindruckenden Sälen sind so berühmt wie die Stücke, die in ihnen aufgeführt werden – wie etwa das Theatre Royal Drury Lane, das London Palladium oder das Adelphi, das bereits 1806 eröffnete und heute das Musical „Waitress“ beherbergt.

2020: Prominente Gesichter auf der Bühne

„Die Menschen lieben es, nicht nur die Show zu sehen, sondern auch in solch einer Umgebung zu sein“, sagt Michael McCabe. London habe den Vorteil, ein beliebtes Reiseziel von Touristen aus aller Welt zu sein. Zu einem Besuch der Metropole gehört längst nicht nur ein Abstecher zum Buckingham-Palast oder Big Ben, sondern auch ein Theaterabend.

Die Vielfalt der Inszenierungen macht es möglich, dass jeder etwas findet – ob romantisch oder tragisch, skurril oder lustig. Besucher können unter rund 40 Shows pro Abend wählen. Und auch im kommenden Jahr werden sie zwischen all den Darstellern bekannte Gesichter entdecken: Emilia Clarke, Daniel Radcliffe, Jake Gyllenhaal und Whoopi Goldberg werden 2020 in Londoner Musicals auf der Bühne stehen.