Auf der Reinhardtstraße in Mitte steht ein Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg. 1942 wurde er als Luftschutzbunker gebaut, ist aber mit neoklassizistischer Dekoration an der Fassade geschmückt. Die Konstruktion dieses buchstäblich „immobilen“ Gebäudes ist aus Stahlbeton – der Kubus erfüllte seinen Zweck mit Bravour, er ist unsprengbar.

Weil dieser Betonwürfel also unbeweglich ist, folgte nach dem Weltkrieg eine Odyssee von Umdefinierungen seiner Funktion: In der DDR trug er den Spitznamen „Bananenbunker“, weil seine massiven Außenwände ihn „natürlicherweise“ zu einem Kühlschrank machten. Heute befindet sich in ihm die Präsentation einer Sammlung zeitgenössischer Kunst. Zwischendurch, in den Neunzigern, war der Bunker programmatisch für die Nachwendezeit in Berlin ein Club: der Bunker.

Im Bunker, den die New York Times „The hardest club in the world“ nannte, wurde vor allem Gabba gespielt, eine besonders rhythmische, manchmal fast an die Geräusche von Presslufthämmern erinnernde Art des Techno. Jeden Freitag gingen im Bunker die Lichter aus und die Musik ging an, jeden Montag um neun Uhr morgens gingen auf einen Schlag die Lichter wieder an und die Musik verstummte. Die verstrahlte Crowd strömte auf die Reinhardtstraße – auf der sich, typisch für das Berlin-Mitte der Nachwendezeit, immer irgendeine Baustelle befand. Das rhythmische Hämmern ging weiter, nur dass es sich dieses Mal wirklich um Presslufthämmer handelte, untermalt von den sanften, metallischen Background Noises der Bagger.

Jeden Montag um neun verließ die Crowd den Bunker und tanzte einfach weiter – bis um zehn die Baustellengeräusche aufhörten, denn die Bauarbeiter hatten Frühstückspause und packten ihre Wurstbrote und mit Filterkaffee gefüllten Thermoskannen aus. Diese eine Stunde, jeden Montag zwischen neun und zehn, als die Menschen neben der Baustelle tanzten, wird als Geburtsstunde der Love Parade beschrieben. Vielleicht ist das ein Mythos, der im Nachhinein konstruiert wurde. Trotzdem, irgendwie muss die Parallelwelt der Feiernden ja auf die Straße gelangt sein – immerhin handelt es sich bei der Love Parade ja um eine Liebesparade –, und jede Liebesgeschichte hat eine mythisch aufgeladene Anfangserzählung, der meistens im Nachhinein nachgeholfen wird.

Eine Sprache finden, die nicht abgenutzt klingt, ist fast unmöglich

Anfänge für Love Stories zu finden, ist nicht schwer. Jedenfalls ist es einfacher und meistens auch angenehmer als das, was auf den Anfang folgt. Liebe ist ja in vielen Hinsichten unökonomisch. Sie kostet Zeit und wird nicht bezahlt. Und Zeit ist ja, wie man weiß, Geld. Unbezahlte Zeit für jemanden aufzubringen, den man noch nicht kennt, egal ob potenzielle Partnerin oder Freund (oder beides) ist deshalb an sich fast schon ein Akt der Liebe. Denn es gibt unendlich viele Gründe, diese Anfänge nicht zu verfolgen – wie bei der Bunkerarchitektur gibt es bei uns Menschen ja auch diverse, auf komplizierte Art miteinander in Verbindung stehende Ebenen von (Selbst-)Schutz und Repräsentation: digital und analog, körperlich und intellektuell.

Allein eine Sprache zu finden, die einem nicht abgenutzt vorkommt, ist fast unmöglich. Und die Art, wie wir selbst unsere „Fassaden schmücken“ und darüber Abgrenzungen und Zugehörigkeiten definieren, ist sicher ebenfalls häufig ein Hindernis für Begegnung. Vielleicht bleibt es deshalb so oft bei den Anfängen. Vielleicht liegt es aber auch, ich traue es mich kaum sagen, am neoliberalen Freelance Lifestyle. Die offenen Anfänge sind bestimmt kein ausschließlich zeitgenössisches Phänomen, aber es kommt mir manchmal so vor, als wäre die fast unlösbare Herausforderung trotzdem weiterzumachen heutzutage besonders schwierig.

Eine fast verwunderte Erkenntnis der eigenen Zuneigung

Kurz vor seinem Tod, fast sechzig Jahre nach der Hochzeit, machte mein (emotional reservierter) Großvater meiner Großmutter eine Liebeserklärung. Sie hatte ihn erst zu den obligatorischen 20 Minuten Gymnastik überredet und ihn dann gewaschen, ins Bett gebracht und ihm seine Tabletten gegeben. Schon auf dem Kopfkissen liegend schaute er sie aufmerksam aus seinen schlupflidrigen Dinosaurieraugen an und sagte ganz nüchtern: „Ach, dich mochte ich schon immer.“

Diese Wärme bei gleichzeitigem Pragmatismus, die fast verwunderte Erkenntnis der eigenen Zuneigung, hat mich damals sehr berührt. Man kann diese Geschichte aber sicher auch unangenehm auslegen, wenn man sie auf die klassischen 50er-Jahre-Parameter reduziert: eine Beziehung zweier Menschen, in denen sich die eine Partei in ökonomischer Abhängigkeit von der anderen befindet. Und spätestens als ich das Cover eines Schlagerhits aus derselben Zeit sah, rückte sich der Satz schon wieder in ein anderes Licht. Auf Sepia-Untergrund steht dort eine Lady im Polka-Dot-Outfit und mit Föhnfrisur, und über ihr der verschlungene Schreibschrift-Schriftzug: „Ich hab mich so an dich gewöhnt.“ Irgendwie komme ich nicht umhin, auch ein bisschen an gesellschaftlich akzeptierte häusliche Gewalt zu denken, wenn ich das sehe.

Ein fast philosophisches Rätsel

Mein Großvater war zum Glück sehr lieb – aber auch ein Patriarch. Das zeigte sich auch daran, dass er unser aller Existenz auf sich selbst bezog. Auch hier gibt es einen Satz, der kurz vor seinem Tod fiel, und den ich nie vergessen werde: „Denn wenn ich nicht mehr da bin, dann seid ihr ja auch nicht mehr da.“ Dabei ging es weniger um ökonomische Absicherung als um ein, fast philosophisches, Problem der Wahrnehmung. Wie ein Kind, das glaubt, es sei unsichtbar, wenn es sich die Augen zuhält, konnte er es sich einfach nicht vorstellen, dass wir auch ohne ihn existieren könnten.

Nicht nur eine Love Story entstehen zu lassen, kostet Zeit – und also auch Geld –, auch ihr Ende ist höchst unökonomisch. „Warum fühlt sich Verliebtsein eigentlich immer so an wie ein Autounfall?“, fragte meine Freundin J. neulich, und sie hat recht. Manchmal habe ich so große Angst vor den Unfallfolgen, und den Folgen der Unfallfolgen, dass ich mich nicht darauf einlasse, überhaupt wieder in dieses Love-Auto zu steigen, geschweige denn Gas zu geben. Die Rehabilitationsphase und damit verbundene Arbeitsunfähigkeit hat mich schon mehr als einmal ökonomisch in die Bredouille gebracht, erst letztes Jahr scheiterte daran ein Projekt, bei dem ich 10.000 Euro verdient hätte. Seitdem lebe ich fast ausschließlich von meinen Nebenjobs und habe also (zum Glück) keine Zeit mehr für die Liebe.

Es sieht ein bisschen aus wie das 9/11 Memorial in New York

Meine Freundin J. und ich gingen spazieren, während sie das sagte – durch die Peripherie des Neuköllner Rings. Es war einer der wenigen Momente in meinem Leben, die nicht entweder durch Arbeit (Geld verdienen) oder Konsum (Geld ausgeben) bestimmt waren. Ich trug schon mein schwarzes Kellnerinnen-Outfit. Wir strapazierten, durch die Sonne schlurfend, ihre Metapher noch ein bisschen: „Weil man noch so verletzt ist, dass man das Gaspedal nicht mehr nach unten drücken kann“, sagte sie. „Weil man Angst hat, die Bremse nicht zu finden“, sagte ich. „Aber man könnte auch mal die Schaltung bedienen, damit alles ein bisschen smoother läuft“, erwiderte sie. Daran hatte ich natürlich nicht gedacht, denn ich kann ja gar nicht Auto fahren, also nicht nur metaphorisch.

Wir spazierten noch ein bisschen durch die Sonne und kamen an einer Baustelle vorbei: Der in Zukunft höchste Turm Berlins, der Estrel Tower, ist im Augenblick noch ein gigantisches Loch, dessen Grund unsichtbar ist. Es sieht ein bisschen aus wie das 9/11 Memorial in New York. Dass der Bau des „höchsten Turms“ mit einem Loch beginnt, kam uns gleich wieder vor wie eine Metapher – ebenso wie J.‘s andere „Lieblingsbaustelle“: die neue Autobahn, die in Zukunft noch unverbundene Teile der Stadt miteinander verbinden soll.

Seit einiger Zeit wohnen bei mir zuhause zwei ukrainische Katzen

Es schien tatsächlich irgendeine Verbindung zwischen Baustellen und Love Parade zu geben, jedenfalls freuten wir uns beide darüber, dass wir uns Zeit genommen hatten, uns gegenseitig „unsere Baustellen zu zeigen“. Dann stieg ich auf mein Fahrrad und fuhr in das Restaurant, um meine Schicht zu beginnen. Ich war ganz fröhlich nach dem Spaziergang mit J. Freundschaft ist nämlich auch eine ziemlich tolle Form der Liebe. Und sie kommt häufig mit weniger Narrativen aus, was auch sehr angenehm ist.

Seit einiger Zeit wohnen bei mir zuhause zwei ukrainische Katzen. Jeden Morgen höre ich ihnen im Halbschlaf eine Weile zu, wie sie im Nebenraum ihr Ding machen – wie sie sich in verschiedenen Tempi bewegen und verschiedene Geräusche machen, die nicht auf mich bezogen sind, aber dennoch eine Intimität erzeugen: Jemand in meiner Nähe tut Dinge, die sich wiederholen und die mir vertraut geworden sind. Bald ziehen die beiden Katzen wieder aus. Leider, denn ich habe mich schon so an sie gewöhnt.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.