Steffen Kopetzky ist fasziniert vom großen Spiel der großen Kriege. In „Risiko“ (2015) machte er zuletzt aus dem Plan des deutschen Generalstabs, die Moslems zwischen Konstantinopel und Kabul zum Heiligen Krieg gegen die Feinde des Kaisers aufzuhetzen, eine Partie „Mensch ärgere dich nicht“.

Jetzt erzählt er von der „Allerseelenschlacht“ 1944 im Hürtgenwald bei Aachen, dem letzten Sieg der Wehrmacht, als wäre es eine Partie „Risiko“. Das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist in beiden Fällen das „Große Spiel“ der Militärstrategen. Kopetzky beschreibt die Ardennenschlacht, als sei er dabei gewesen, und das stimmt in gewisser Weise auch.

Sein Erzähler, der Deutschamerikaner John Glueck, kennt als US-Propagandaoffizier fast alles, was zwischen 1939 und 1971 Rang und Namen hat in Militär, Politik und Literatur. Kurz vor dem Krieg diskutiert er in New York mit seinen Kommilitonen Charles Bukowski und J.D. Salinger Theorie und Praxis der Short Story.

Später, als Kriegsberichterstatter, begegnet er Churchill und de Gaulle, Picasso und Jünger. In Frankreich trifft er auch sein Idol, Papa Hemingway, der wie immer markige Sprüche klopft („Gebt Gas, Jungs, Paris erwartet uns“), aber schon Blut im Urin hat. Nach 1945 beteiligt sich Glueck an der Reeducation des deutschen Feuilletons, ehe er in Vietnam dann zum Kriegsgegner wird.

Steffen Kopetzkys Roman „Propaganda“: Zweiter Weltkrieg als modernes Medienereignis

Glueck liebt nicht nur Deutschland und die deutsche Literatur, er bewundert auch die Wehrmacht für ihre Verbindung von Kampfkraft, preußischer Tradition und technologischer Innovation. Amerika „inhalierte“ den Geist der Wehrmacht wie einst den der Indianerkrieger; das machte seine Stärke und seine Schwäche aus.

Die Allerseelenschlacht markiert für Kopetzky eine historische Zäsur: Auf Schloss Schlenderhan, dem Stammsitz aller Kavalleristen, legte General Model 1944 die Grundlagen der modernen Kriegführung, wenn nicht des politischen Designs von heute.

Das große Spiel der Nazis zwischen Kall und Schmidt war die „Simulation eines intelligenten Netzwerks, gebaut aus Funk- und Telefonleitungen“, der kybernetische Vorläufer von Facebook und Google. Und die Befreier lernten von den Nazis: „Was einstmals Propaganda geheißen hatte, erschien uns nun als das legitime Mittel, unsere demokratische Gesellschaft zu steuern. Aber es mußte viel subtiler vor sich gehen“. 1971, im letzten Kapitel dieses wahrheitsgemäß fabulierenden Romans, steht Glueck, von einer Hautkrankheit entstellt, als Whistleblower vor Gericht. 

Er hat sich nach langem Zögern aus der Kriegsmaschinerie ausgeklinkt und der Öffentlichkeit (wie im wahren Leben der Journalist Daniel Ellsberg) die Pentagon-Papiere zugespielt: Aus dem Kriegspropagandisten ist ein Märtyrer der Freiheit, aus dem verantwortungslosen Abenteurer ein Aktivist und Schmerzensmann geworden.

„Propaganda“ ist so etwas wie „Risiko“ hoch zwei. Erzählte Kopetzky den Ersten Weltkrieg als Operettenkrieg wie von Karl May, so beschreibt er den Zweiten als modernes Medienereignis. Er schreibt mal männlich nüchtern wie Hemingway, mal wütend wie Bukowski und mal zärtlich wie Salinger in „Der Fänger im Roggen“. 

Oskar Maria Graf und Handke, Melville und Updike werden zitiert, aber nicht Thomas Pynchon, obwohl „Propaganda“ ziemlich pynchonesk wirkt. Es gibt jede Menge deutsche Mythen, Popkultur-Zitate, Verschwörungsparanoia und Drogen. Glueck, gedopt mit der Nazi-Wunderdroge Pervitin, macht keinen Mucks, als der hünenhafte Indianer und promovierte Jurist Seneca ihm den Skalp abnimmt.

„Propaganda“ von Steffen Kopetzky: Historische Fakten und spielerische Fantasie 

Krieg, schreibt Glueck in seiner Dissertation, ist „freie schöpferische Tätigkeit“, und das gilt auch umgekehrt. Die postmodernen Zitatschlachten machen den Roman bunt und unterhaltsam, aber auch ein wenig zerfahren. „Propaganda“ soll eine Art Great American Novel aus Deutschland sein, ist aber manchmal nur eine filmisch aufgemöbelte deutsche Literaturgeschichte aus der Sicht eines amerikanischen Propagandaoffiziers.

Vor allem das Gemetzel im Hürtgenwald oszilliert schaurig zwischen Märchen und Sciencefiction, Kubrick und Tarantino: Major Glueck oder wie ich lernte den Krieg zu lieben; selbst der tollwütige Surfer-General aus „Apocalypse Now“ hat seinen Auftritt.

So switcht Kopetzky munter zwischen Fakten und Fiktionen, dem Großen Spiel und dem Ernst der Realität. Er liebt das Land, das Hollywood und Coca-Cola, Hemingway und Faulkner hervorgebracht hat, und hasst es für die Nixons und Trumps, die das große Versprechen von Demokratie und Frieden zur Propagandashow machten.

Ein Mann kehrt als Propagandist, verhinderter Schriftsteller und enttäuschter Liebhaber in das Land seiner Väter zurück (Mütter und überhaupt Frauen sind stark unterrepräsentiert), um das böse Spiel, das in Nazi-Deutschland begann, endlich zu unterbrechen.

Die raffinierte Verquickung von historischen Fakten, spielerischer Fantasie und filmischem Blick machen „Propaganda“ zu Kopetzkys bislang bestem Roman.

Steffen Kopetzky: Propaganda. Roman. Rowohlt Berlin 2019, 496 S., 25 Euro