Tatort Solingen: „Bild“ und RTL interviewten einen zwölfjährigen Nachbarjungen, der WhatsApp-Nachrichten des Überlebenden der Familientragödie auf seinem Handy hatte. 
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BerlinVergangenen Donnerstag gegen 22.45 Uhr war der Sündenfall perfekt. An diesem Abend stellte RTL das Interview eines Jungen aus Solingen online, der den überlebenden Sohn jener Mutter kennt, die mutmaßlich fünf ihrer sechs Kinder tötete. In dem Gespräch, in dem der Junge unverpixelt zu sehen und in einer Einblendung sein voller Name zu lesen ist, ging es um WhatsApp-Nachrichten des Überlebenden, die dieser nach dem Tod seiner Geschwister versandt hatte. Der von RTL interviewte Nachbarjunge hatte sie auf seinem Handy. Aus einer dieser WhatsApps wurde in dem Stück zitiert.

Damit hatten die RTL-Reporter einen schweren Regelverstoß begangen. Sie verletzten mit ihrer identifizierenden Berichterstattung sowohl die Intimsphäre des Kindes, das sie interviewten, aber vor allem die des überlebenden Jungen der Solinger Familientragödie. Dass die offenbar völlig überforderte Mutter des Zwölfjährigen ihr Einverständnis zu dem Interview gab, macht die Sache nicht besser.

Seltsam ist, dass RTL es dennoch für nötig hielt, in einem Statement vom Sonntag ausdrücklich auf die „Zustimmung“ der Mutter zu verweisen. Wegen des Interviews hat sich der Sender bis heute nicht entschuldigt. Ein RTL-Sprecher bedauert lediglich, „dass in einer ersten Fassung direkt aus einer Text-Nachricht des Jungen zitiert wurde“.

Am Freitag zeigte RTL dann um zwölf Uhr in der Sendung „Punkt 12“ auch noch einen Screenshot des Chat-Verlaufs des überlebenden Sohns. Sowohl die Sendung als auch der Beitrag auf RTL.de von Donnerstag 22.45 Uhr sind inzwischen nicht mehr abrufbar.

Bis Freitag gegen 16.25 Uhr hatte lediglich RTL den Nachbarsjungen interviewt und aus den WhatsApps des anderen Kindes zitiert. Doch seltsamerweise wurde diese Art der Berichterstattung erst – und zwar berechtigterweise – zu einem Skandalon, als Bild sich des Themas annahm. Das Boulevardblatt aus dem Hause Axel Springer kopierte RTL eins zu eins. Es interviewte den Nachbarjungen und zitierte aus den Whatsapps. Letzteres bedauerte ein Verlagssprecher später. Dennoch wurde Bild dafür von anderen Medien gescholten. In den sozialen Medien brach ein Shitstorm aus.

Warum aber blieb RTL nahezu ungeschoren? Mit letzter Sicherheit lässt sich dies nicht klären. Dass es Bild so hart traf, dürfte aber auch an dem heftigen Krawallkurs von Chefredakteur Julien Reichelt liegen, dem grundsätzlich jede Grenzverletzung zuzutrauen ist. Vor Wochen erst fiel der 40-Jährige mit einer Kampagne gegen den Virologen Christian Drosten auf. Seit Reichelt bei Bild das Sagen hat, verschlechterte sich der ohnehin üble Ruf des Blattes gewaltig.

Eine Reizfigur wie Reichelt gibt es bei RTL nicht. Hier ist Tanit Koch erste Journalistin. Zwar war auch sie einst Bild-Chefredakteurin, im Gegensatz zum impulsiven Haudrauf Reichelt gilt sie aber als besonnen und überlegt. Allerdings gibt es beim Boulevardsender RTL auch auf anderen Hierarchie-Ebenen ehemalige Bild-Leute.

Dass man RTL Grenzverletzungen wie zuletzt jene bei der Berichterstattung über die Familientragödie von Solingen nicht zutraut, könnte auch an dem Hauptgesellschafter des Senders liegen. RTL gehört dem Medienkonzern Bertelsmann. Die Unternehmerfamilie Mohn hält ihre Anteile an dem aus einem Verlag für christliche Erbauungsliteratur hervorgegangenen Medienhaus über die Bertelsmann-Stiftung.

Diese Stiftung hat sich zudem die Förderung von „Reformprozessen“ auf die Fahnen geschrieben, um eine „zukunftsfähige Gesellschaft“ aufzubauen. Ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft ist enorm. Kann es sein, dass unter dem Dach einer solch staatstragenden Institution, zu der mittelbar auch RTL gehört, Schmuddel-Journalismus übelster Sorte gedeiht? Spätestens seit Solingen weiß man: Aber ja doch!