Mehr als ein Dutzend Ausgaben von Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ sind allein in deutscher Übersetzung lieferbar. Die zeitlose Geschichte von einem Jungen, der unter Tieren aufwächst, gehört in die Erfahrungswelt jeder neuen Generation. Auch in bewegten Bildern: 1942 erschien die erste Verfilmung, die bekannteste 1967. Diese Disney-Animation haben 27 Millionen Kinozuschauer in Deutschland gesehen. Stephen Sommers’ Realfilm von 1994 war eine matte Konkurrenz. Für das kommende Jahr kündigt Warner eine Neuverfilmung an, jetzt aber kommt Disney mit „The Jungle Book“. Der Film überwältigt mit einer eigenen Bildwelt.

„Du glaubst nur, es zu kennen.“ Dieser Satz aus dem Werbe-Trailer trifft zu. Während im Klassiker die Tiere typisiert sind, sie jedoch lachen können und die Stirnen runzeln, sehen sie nun aus wie lebendig. Der Zuschauer begibt sich via 3D-Brille mitten unter sie. Ein Naturpark kann keine eindrücklicheren Wölfe vorweisen, der Zoo keine lebhafteren Affen, der Zirkus niemals so überzeugende Elefanten. Und der Bär Balu, im 1967er-Film die personifizierte Gemütlichkeit, sieht zunächst aus wie der böse Grizzly in „The Revenant“.

Wuschelige Wolfswelpen

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich Filmstudios immer neu mit technischer Raffinesse übertroffen, ob bei „Star Wars“, „Avatar“ oder „Herr der Ringe“. Nun setzt „The Jungle Book“ wieder einen Meilenstein. Nicht nur wuschelige Wolfswelpen und muskulöse Großkatzen sind bis in die Fellstruktur genau gestaltet. Auch das Umfeld von der Wasserstelle über felsige Hügel zur üppigen Vegetation entstand an Hochleistungscomputern in Los Angeles. Dem Darsteller des Jungen, dem zwölfjährigen Neel Sethi, gebührt höchster Respekt, dass er sein Agieren dermaßen überzeugend auf die eigentlich nicht vorhandenen Tiere ausrichtete, dass das Gesamtbild sehr harmonisch ist.

Einzig die Tatsache, dass all diese Tiere sprechen, scheint sie von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Aber das ist nur der oberflächliche Eindruck, natürlich ist hier nichts wahr; der Regisseur Jon Favreau und sein riesiges Team zeigen ja einen Fantasy-Film. Die Handlung folgt ziemlich werktreu den Erzählungen Kiplings von 1894, dem Märchen von einem Menschenjungen, als haarloser Welpe adoptiert von einer Wolfsfamilie. Kipling schreibt: „Dies ist das Gesetz des Dschungels, so alt und so wahr wie die Welt;/ und der Wolf, der es bricht, muss sterben, und es lebe der Wolf, der es hält.“ Allabendlich, das zeigt der Film, versammeln sich die Wölfe und sprechen einen Schwur, angeleitet vom Rudelführer Akela.

Das wirkt wie eine Messe in der Kirche. Und damit haben wir einen der Wesenszüge dieses Films: Es geht um das Verhältnis Mensch-Natur. Mogli schaut dem Ritual von der Höhle aus zu, er muss bei den verspielten Welpen bleiben, obwohl er sich schon groß und stark fühlt. Menschen reifen langsamer. Jon Favreau verstärkt Kiplings Coming-of-Age-Geschichte: Der von einer Auseinandersetzung mit einem Menschen – Moglis Vater! – gezeichnete Tiger Shir Khan droht den Tieren, die den Jungen beschützen. So wie Peter Pan Nimmerland nicht verlassen und Pippi Langstrumpf mit der Krummelus-Pille Kind bleiben möchte, will sich Mogli kein anderes Leben vorstellen als das unter Tieren. Doch seine eigene Natur strebt danach, erwachsen zu werden. Entgegen den Warnungen seines Panther-Ziehvaters Baghira wendet Mogli wiederholt „Menschen-Tricks“ an. Er baut sich Werkzeuge, um besser an Wasser zu kommen oder ein Elefantenjunges aus einer Grube zu befreien. Schließlich verhilft er Balu zu immensen Honig-Vorräten. Wie der Riesenbär da zu den Bienen hoch schaut, wirkt er nicht mehr gefährlich, sondern wie der Bruder einer anderen weltliterarischen Gestalt, von Pu dem Bären.

Äffische Untertanen von King Louie

Die Affen, des Menschen nächste Verwandte im Dschungel, wollen sich Moglis Fähigkeiten zunutze machen. King Louie, der als Variante des ausgestorbenen Gigantopithecus riesenhaft in einem Tempel herrscht und nur den Finger bewegen muss, um seine äffischen Untertanen in Bewegung zu setzen, verlangt von ihm „die rote Blume“. Vom Feuer, dessen Beherrschung den Menschen vom Tier trennt, verspricht er sich die wahre Macht. Wenn Louie dann singt, dröhnend und samtig wie Louis Armstrong, dann hat er etwas Verführerisches. Wenn wiederum Balu ein bisschen „Gemütlichkeit“ anklingen lässt, fühlt man sich geborgen in diesem Film.

Das sind glückliche Augenblicke. Recht eigentlich ist „The Jungle Book“ ein Abenteuerfilm mit spannungsvollen, schnellen, auch gruseligen Szenen. Eine Gnu-Herde trabt auf schmalstem Pfad an einer Bergwand entlang, die Affengesellschaft stürzt sich auf Moglis Freunde, Shir Khan reißt im Sprung das Maul auf. Solche Momente möchte man einem sechsjährigen Kind gern ersparen. Zuschauern im Mogli-Alter von elf Jahren und aufwärts ist dieses überwältigende Schau-Erlebnis aber sehr zu gönnen. „The Jungle Book“ zeigt die Utopie einer Freundschaft und die Grenzen, die der Mensch den Tieren setzt.