Lady Gaga während ihres Auftritts beim „OneWorld: Together at Home“ Online-Konzert.
Foto: dpa, Alejandro Ramirez Cisneros

BerlinSusan Rogers, 63, ist Professorin für Musikproduktion und Tontechnik am Berklee College Of Music in Boston. Zwischen 1983 und 1987 war sie Soundingenieurin von Prince und nahm mit ihm unter anderem die Alben „Purple Rain“ und „Sign o' the Times“ auf. In ihrer wissenschaftlichen Karriere hat sie viel zu Psychoakustik und Musikkognition geforscht. Und wir erhoffen uns von ihr Antworten auf die Frage: Was fehlt uns eigentlich genau, wenn Livekonzerte dauerhaft wegfallen?

Es ist 10 Uhr morgens Ortszeit in Boston. Susan Rogers sitzt in ihrem kleinen Wohnzimmer und schaut mit erstaunlich wachem Blick in die Laptop-Kamera. Im Hintergrund steht neben dem obligatorischen Bücherregal ein Fitnessgerät. Sie spricht laut und betont; wenn sie überlegt, richtet sich ihr Blick manchmal längere Zeit gen Decke.

Frau Rogers, in der Corona-Krise wird den Musikfans bewusst, wie sehr ihnen die Livemusik fehlt. Warum brauchen wir Live-Erlebnisse so sehr?

Dazu muss man etwas weiter ausholen. Die Musikinstrumente haben sich in der Evolutionsgeschichte so entwickelt, dass sie es den Menschen ermöglicht haben, ihre Geschichten präziser und unterhaltsamer zu erzählen, ihre Gefühle besser zu äußern. Nehmen Sie einen langsam gestrichenen Mollton auf dem Cello, der klingt genau so, wie sich Traurigkeit anfühlt. Und der hohe Ton einer Flöte klingt für uns nach Fröhlichkeit. Livemusik kann all diese Gefühle in besonderem Maße evozieren. Sie ermöglicht es uns sogar, zusammen zu fühlen: Du kannst im Saal umherblicken und sehen, dass jeder um dich herum genauso fühlt. Wissenschaftler sprechen dabei auch von einer Gefühlsansteckung, also einer Übertragung von Emotionen. Das sorgt für ein Zugehörigkeitsgefühl. Es gibt ein „Wir“ im Konzertsaal.

Etwas Ähnliches wollten die Leute herstellen, die während der Corona-Krise in Italien von den Fenstern und Balkonen zusammen gesungen haben?

Diese Geschichte erinnert mich an Forschungen meines Kollegen David Huron von der Ohio State University. Er hat Feldforschungen unter indigenen Völkern in Brasilien unternommen. Als er sich in einer dieser Gruppen aufhielt, stellte er fest, dass die Männer des Stamms jeden Morgen um 4 Uhr in einem Kreis zusammenkamen und eine Stunde lang sangen. Dann legten sie sich wieder hin. Huron erklärte es so: Die nächtlichen Stunden sind jene Zeit, in der die sogenannten primitiven Völker am Verletzlichsten sind. Was ist die größte Gefahr für sie? Andere Stämme. Alle, die ihnen feindlich gesinnt sind. Also singen sie im Chor, und die Botschaft, die sie versenden wollen, ist: Wir sind eins. Das gemeinsame Singen ist eine andere Art zu sagen, dass wir stark sind.

Wenn wir nun in Livestreams Konzerte sehen und hören, hat dies nicht annähernd den Effekt eines Livekonzerts. Warum berühren uns diese Konzerte emotional sehr viel weniger?

Der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp hat gesagt: Klang ist eine besondere Art der Berührung. Klänge sind sehr effektiv, um Wohlbefinden zu erzeugen. Wenn wir live den Sound aus einer starken PA-Anlage hören, wird nicht nur unsere Hörbahn stimuliert, sondern auch unsere Haut. Unsere Haut vibriert mit den Frequenzen. Das gesamte Spektrum der Töne, das aus den Lautsprechern kommt, vom tiefsten bis zum höchsten Ton, ist ein Ganzkörpererlebnis. Die Konzerte, die nun im Netz übertragen werden, haben da eine ganz andere Wirkung. Du fühlst und erlebst das Konzert nicht wirklich. Livekonzerte sind dagegen etwas, das wir als „bigger than ourselves“ erleben. Wir mögen dieses Gefühl.

Aber es ist schon auch das Konzert als soziales Ereignis, das uns fehlt?

Ja. Ich kann derzeit an meiner Universität auf andere Art und Weise beobachten, wie Musik im Videochat funktioniert, weil wir am College online unterrichten. Wie funktioniert also Gesangsunterricht online? Nun, solange nur ein Lehrer und ein Schüler beteiligt sind, klappt es gut. Wenn aber mehrere zusammen Instrumente spielen, ist es eine ziemlich schlechte Alternative. Beim Musikmachen kommt es darauf an, die Gesten, die Gesichter, die Körperhaltungen genau zu sehen. Das Musikerlebnis hängt vom Raum ab, in einem Stream können wir nicht die Atmung im Raum spüren, nicht die Spannung und Lösung fühlen. In der Musik geht es sehr viel um die Zustände von Spannung und Lösung, die sich in einem bestimmten Raum ereignen ...

... all diese Dinge machen also auch einen Konzertbesuch aus, viel mehr als die einzelnen Songs, die gespielt werden?

Ja. Manchmal verlassen Leute einen Konzertsaal und sagen, sie seien enttäuscht, dass die Band einen bestimmten Song nicht gespielt habe. Aber das ist eigentlich nicht das, was man von einem Konzert in Erinnerung behält. Man erinnert sich eher daran, wo man stand oder saß, ob man einen guten Platz hatte oder nicht, mit wem man da war. Man speichert das Gesamterlebnis viel mehr ab als einzelne Songs.

Derzeit wirken auf viele Musikfans aber auch Online-Events wie das von Lady Gaga initiierte Global-Citizen-Konzert tröstlich.

Ja, das war eine wichtige Party, das denke ich auch. Ich persönlich mochte den Stones-Auftritt sehr gern. In dem Bericht eines Wissenschaftlers las ich eine These, die ich teile: Diejenigen, die während der Pandemie zu Hause gefangen sind, können durch solche Konzerte aus einem lethargischen Zustand gerissen werden. Und diejenigen, die mit vollem Einsatz arbeiten, um Menschenleben zu retten, können für einen Moment runterkommen. Wenn vertraute Musiker online auftreten, erinnert das uns an glücklichere Zeiten in unserem Leben. Das wirkt auf uns wie eine kurz- oder auch längerfristige Belohnung.

In Deutschland wird es bis Ende August – und wahrscheinlich darüber hinaus – keine großen Konzerte geben. Was bedeutet das für die Menschen?

Vor allem für junge Menschen ist das schlimm. Für sie sind Konzerte dermaßen wichtig, um Zugehörigkeit zu erleben und auf gleichgesinnte Menschen zu treffen. Und natürlich, um sich und das Leben zu genießen.

Zumal auch andere Identifikationsangebote wie große Sportveranstaltungen wegfallen.

Dazu fällt mir etwas ein: In Boston, wo ich lebe, ist Eishockey sehr populär. In den Lokalnachrichten wurde darüber diskutiert, ob die Spiele ohne Zuschauer stattfinden sollen. Ja, sagte ein Vereinsvertreter, aber wir brauchen den Sound der Fans. Sie überlegten, ob sie die Anfeuerungen der Fans aus der Konserve abspielen. Wie traurig und zugleich lustig es wäre, wenn man ein leeres Stadion sieht, aber die Fans hört! Was sie hören, ist für die Spieler also vielleicht wichtiger als das, was sie sehen.

Welches ist ein Livemoment, den Sie persönlich immer in Erinnerung behalten werden?

Led Zeppelin, 1977, The Forum, Kalifornien. Es ist eigentlich eine traurige, persönliche Geschichte. Ich hatte sehr früh, schon mit 17 Jahren, geheiratet. Es war keine gute Ehe, mein damaliger Mann war kein guter Typ. Ich ging also – da war ich 21 – mit meinen Freundinnen auf das Konzert, und er bestand darauf, dass ich um 22.30 Uhr wieder zu Hause war. Ich war wirklich glühender Led-Zeppelin-Fan. Sie fingen erst nach 21 Uhr an zu spielen. Also blieb mir nichts anderes übrig, als weit vor Konzertende zu gehen, sonst hätte es furchtbaren Streit gegeben. Aber ich schwor mir, zurückzukommen an diesen Ort. Ich nahm mir vor, dass ich eines Tages den Sound dort machen würde. Eine alberne Reaktion, ich hatte noch gar nichts mit dem Musikbusiness zu tun! 1984 kam ich tatsächlich zurück. Ich war mit Prince auf Tour. Ich habe zwar nicht den Sound gemischt, aber die Aufnahme im Truck betreut. Sicher, eine untypische Erfahrung, aber sie zeigt: Konzerte können dein Leben verändern.

Was empfehlen Sie den Lesern, um die konzertfreie Zeit zu überbrücken?

Es gibt einige wunderbare Musikdokumentationen und Konzertfilme, zum Beispiel „Marley“ (2012) – so gut! Oder auch der Film „The Rolling Stones Olé, Olé, Olé!“ (2016), eine Dokumentation über die damalige Südamerika-Tour der Stones. Du siehst all die jungen Leute, die sehnsüchtig darauf gewartet haben, diese Band zu sehen. Die Fans weinen, sie umarmen sich, sie sind außer sich. Wenn dieser Film einem kein Bild davon vermittelt, was es bedeutet, auf einem Livekonzert zu sein, dann schafft es keiner.