Zugegeben: In einem Land mit einer entzweiten Regierungspartei, einer implodierenden Opposition, rapide fallender Kreditwürdigkeit und einer sich gleichzeitig anbahnenden Verfassungskrise sorgt man sich normalerweise nicht als erstes um den Zustand der Musikindustrie. Aber das Land, um das es in diesem Fall geht, heißt eben Großbritannien, und aus der Herstellung und Verbreitung von Popmusik speist sich seit mehr als einem halben Jahrhundert seine positive Identität.

Als Tony Blair vor 20 Jahren die Marketing-Vokabel „Cool Britannia“ für sich entdeckte, war das eine späte Anerkennung des politischen Establishments für die Rettung der Reputation des Rumpf-Empires durch die Popkultur. Selbst dort, wo Pop systemkritische Posen eingenommen hatte, warf das ein positives Licht auf sein Herkunftsland – man denke an den Folklore-Artikel Punk. Die daraus gewachsene Hybris britischer Popkultur nahm man außerhalb des Königreichs gern als liebenswerte Kauzigkeit hin. Kein anderes europäisches Pop-Land wäre international je mit so viel patriotischem Fahnengewedel davongekommen.

Das ist nun vorbei.

Die chauvinistische Kleingeistigkeit des Brexit-Votums hat den Pop-Appeal des Union Jack auf eine Weise beschädigt, die sich noch schwerer beziffern lässt als die unmittelbaren wirtschaftlichen Konsequenzen für die Branche.

2500 Euro pro Jahr für Instrumente und Verstärker

Wobei wir auch mit denen genug zu tun haben. Zehn Tage vor dem schicksalhaften Referendum verfasste die britische Musikjournalistin Laura Snapes auf pitchfork.com einen umfassenden Report zu den möglichen Folgen eines EU-Austritts. Die Lektüre sorgte – allerdings zu spät – für einige Panik in der entpolitisierten britischen Musikszene. Prophezeit wurde etwa die Rückkehr des „Carnet“, jener Inventar-Liste, die man früher – vor der Zugehörigkeit zur EU – zur Einfuhr von Instrumenten und Verstärkern in andere europäische Länder benötigte. Laut Pitchfork-Report würde die Wiedereinführung dieser Formalität jeden in Europa tourenden Act umgerechnet 2500 Euro pro Jahr kosten. Dazu warnte der Report davor, dass britische Bands für den Kontinent künftig Arbeitsvisa brauchen könnten – wie jetzt schon für die USA. Die britische Musicians Union beziffert die aktuellen US-Visa-Kosten einer Band ohne Crew sehr konservativ mit 1650 Euro bei einer Wartezeit von vier Monaten, zuzüglich der Pflicht einer eigenen Steuererklärung für Einkünfte in den Vereinigten Staaten.

Für britische Bands mittlerer Größenordnung, die bislang ohne Papierkram auf den Kontinent reisen und sich die dort gezahlten Steuern wieder zurückholen können, ist das Abgrasen der sommerlichen Festivals von Roskilde bis Rock am Ring eine existenzielle Einnahmequelle. Auf sie angewiesen ist man dort aber nicht mehr; die kontinentale Popszene verfügt heutzutage über genügend eigene, massentaugliche Headliner. Wenn die Produktionskosten für britische Bands sich durch den Brexit erhöhen, werden sie diese also nicht einfach abwälzen können.

Auch in Sachen Tonträger könnte der Verlust des Zugangs zur Freihandelszone britische Labels noch teuer zu stehen kommen, werden doch praktisch alle britischen Vinyl-Produkte heutzutage in Tschechien gepresst. Nicht nur Einfuhrtarife, auch der sinkende Pfundkurs würden auf dem Herstellungsweg die ohnehin schon schmalen Margen auslöschen, ganz zu schweigen von höheren Versandkosten im Vertrieb über Do-It-Yourself-Verkaufsplattformen wie Bandcamp, die sich seit der Privatisierung der Royal Mail ohnehin schon verdoppelt haben.

Reisen nach Großbritannien wird günstiger

All das sind freilich bloß Vermutungen, solange niemand weiß, wie die Lage zwei Jahre nach der von den Briten nun verzögerten Initialisierung des Austritts aus dem EU-Vertrag aussehen wird. Bis dahin bleibt alles gleich, englische Indie-Popstars und DJs können in Berlin wohnen bleiben, und in Europa spielende britische Bands werden von der vergleichsweisen Stärke des Euro bloß profitieren, während die Reise nach Großbritannien (wo die Gagen ohnehin mies sind) für kontinentale Bands auf kurze Sicht dementsprechend billiger wird.

In seinen Memoiren „Sound Man“ beschreibt der legendäre Soundtechniker Glyn Johns, der in den Sechzigerjahren mit den Rolling Stones unterwegs war, wie nach einem Gig in Griechenland ein Mann in einem seriösen Anzug mit der Gage im Aktenkoffer zwecks Steuervermeidung diskret das Land verließ, ehe die Band den Zoll passierte. Vielleicht hatte Mick Jagger ja solche pragmatische Lösungen im Kopf, als er seine 60-plus-Stammhörerschaft wissen ließ, dass der Brexit „für uns eine gute Sache sein könnte“.

Breite Front europafreundlicher Künstler

Jagger, Roger Daltrey und Bryan Adams waren so ziemlich die einzigen ausgesprochenen Brexit-Befürworter der britischen Musikszene – gegen eine breite Front europafreundlicher, jüngerer Künstlerinnen und Künstler, von Lily Allen über Stormzy und Johnny Marr bis hin zu Ellie Goulding. Das spiegelt den generellen Generationenkonflikt unter den Wählern – und könnte noch eine andere Konsequenz für die britische Popkultur besitzen: Die Wut der Jungen auf die Gründergeneration der Rockmusik könnte den Marktwert der mit viel geduldiger Sentimentalität hofierten, sogenannten Heritage Acts empfindlich treffen. „Die selbstsüchtigste aller Generationen“, nannte Alex Kapranos von Franz Ferdinand die Alterskohorte der Rolling-Stones-Hörer auf Twitter, während die 24-jährige Shura gleich allen 17 Millionen Brexit-Wählern ein herzliches „Fuck You“ widmete – so sicher war sie sich, dass sie damit nicht ihr eigenes Publikum traf.

Sieht fast so aus, als hätte der handzahme britische Pop wieder zu seinem Leitmotiv gefunden. Insofern hatte Mick Jagger vielleicht sogar recht.