So wie hier vor einem Club auf dem RAW-Gelände wird es geraume Zeit nicht mehr aussehen. 
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BerlinNo risk, no fun. So waren Freundinnen und Freunde des Berliner Club-Vergnügens noch vor wenigen Tagen drauf. Als die Clubs schlossen, suchten Gruppen in Begleitung von Bierkästen Ausweichlocations: Wiesen, Flussufer … Der Regierende Bürgermeister droht angesichts der Fahrlässigkeit mit Ausgangssperre.

Es hat niemanden verwundert, dass in Berlin einer der ersten und intensivsten Orte der Coronavirus-Infektionen ein Club war: die „Trompete“. Ein einziger Besucher steckte 16 weitere an, die Kette setzte sich fort. Die Betreiber des Clubs „Kater Blau“ suchten gemeinsam mit dem zuständigen Gesundheitsamt Kontaktpersonen eines Partygastes. Man fürchtete einen neuen Hotspot im Hedonistenparadies Berlin

Epidemiologen wissen längst, wie sehr Kultur, Tradition, Lebensweisen, Vorlieben, soziale Verhältnisse oder auch Zwänge des jeweiligen Ortes die Ausbreitung von Seuchen beeinflussen. Das gilt weltweit und über alle Zeitalter hinweg.

Immer wieder die Lustseuche

Speziell Berlin plagt seit Jahrhunderten die Syphilis, Beiname: Lustseuche. Diese Heimsuchung hat ihren konkreten Grund im Charakter der preußischen Garnisons- und Residenzstadt: 1778 lag der Anteil von Militärs an der Bevölkerung bei 23,8 Prozent, fast ein Viertel der Gesamteinwohnerschaft von 139 000 Menschen. Das waren 31 561 Militärangehörige, überwiegend junge Männer, die dieses Leben durchaus unfreiwillig führten.

Die Geschlechtskrankheiten, vor allem die im 16. Jahrhundert eingeschleppte Syphilis, bereitete der sexuell aktiven Bevölkerung - und der Militärführung samt Monarchen - unablässig Kopfzerbrechen. Das exekutive Handeln schwankte im Lauf der Jahrhunderte mehrfach zwischen Repression und kontrollierter Liberalität. 1790 verhängte die Staatsmacht das Lusthaus-Reglement - eine Kombination von Toleranz und Kontrolle. Es folgten strengere Zeiten und liberalere.

Das Problem blieb und schwand auch nicht mit den Garnisonen.  Während des Wachstums zur Metropole migrierten Hunderttausende, meist junge Männer aus Brandenburg, Schlesien oder Pommern nach Berlin, um sich als Arbeiter in den Fabriken zu verdingen. Aus denselben Zügen stiegen alleinstehende junge Frauen auf der Suche nach Anstellung. Sie trafen einander in den 800 Tanzsälen, die es um 1880 gab, und trieben es mehr oder weniger anständig.

Pangolin und Buschfleisch

Neben der Lustseuche fanden auf den Marktplätzen der Massenkultur auch die Tuberkeln reichlich neue Opfer. In den Karnevalshochburgen im Westen durfte man die Bakterien- und Virentauschplätze immer schon in den Sitzungssälen und Umzügen finden. In diesem Jahr sind viele Städte glimpflich davongekommen - aber, siehe da: Der erste Ausbruchherd in Nordrhein-Westfalen entstand infolge einer Karnevalsfeier in Heinsberg. Im Kreisgebiet gibt es (Stand 19. März) 811 bestätigte Infektionen mit dem Corona-Virus und acht Todesfälle. Bis heute liegen die Zahlen dort am höchsten.

Andere Länder, andere Sitten, andere Hotspots: Chinesen sind stolz darauf, aus allem etwas zu kochen. Laut (zutreffendem) Klischee verspeisen sie gern auch ausgefallene Tiere bzw. deren Körperteile. Affenlippen, Tigerhoden sind sicherlich Extreme. Jetzt wird ein  Pangolin als Quelle des aktuellen Corona-Seuchenzugs vermutet: Das Schuppentier wurde womöglich in Wuhan zubereitet.

Die im Regenwaldgürtel Westafrikas - in Kamerun, Gabun, Kongo, etc. - immer wieder vorkommenden Ebola-Ausbrüche nehmen ihren Ursprung wahrscheinlich dann, wenn Menschen „bushmeat“, meist Affen, zubereiten. Bei solchen Gelegenheiten springt der Erreger, der sonst in Fledermäusen und Nagetieren haust und Affen nicht krank macht, auf den Menschen über. Solange diese noch nicht so intensiv wie jetzt, zum Beispiel für die Holzfällerei, in den Dschungel vordrangen, hielten die Mensch-Tier-Barrieren noch. Heute nicht mehr.

Wenn Mensch und Tier einander nahe kommen

Der enge Kontakt von Mensch und Tier steht nicht nur am Beginn der Sesshaftwerdung des Menschen vor etwa 10.000 Jahren, als Tiere domestiziert wurden, deren Krankheiten auf die Tierhalter übersprangen und deren Lebenserwartung über Jahrtausende verkürzten. Solch ein enger Kontakt stand auch am Beginn der größten Seuche der jüngeren Zeit, der Spanischen Grippe, mit weltweit mehr als 50 Millionen Toten. Spanien hatte damit wenig zu tun, außer dass dort erstmals über die neue Krankheit geschrieben wurde.

Tatsächlich infizierte sich, soweit die Forschung herausfand, Anfang 1918 im US-Staat Kansas ein Schwein mit Grippeviren von Menschen und Vögeln. Als sich das Erbmaterial der beiden Krankheitserreger in dem tierischen Mischgefäß verband und der neue Influenzavirus im Schweinestall auf einen jungen Mann übersprang, der kurz darauf als Rekrut in ein Massenlager der amerikanischen Armee kam, war kein Halten mehr. Die durch den Ersten Weltkrieg bedingte enorme Mobilität verteilte die neuartige Influenzavariante über die schutzlose Menschheit.

Diese Pandemie steht heute den Wissenschaftlern und politisch Verantwortlichen mahnend vor Augen. Überall versammelten sich damals Massen: an der Front, auf den Transporten, in den Camps - und dann, als die Revolutionen losbrachen, bei Demonstrationen, Kundgebungen und so fort. Die wenigen, die damals Seuchenschutzmaßnahmen forderten, wurden überhört. Man glaubte, die kriegerischen und politischen Ziele höher werten zu müssen. In der Gegenwart hätten das die wirtschaftlichen sein können.

Signaturen der Gesellschaft

Seuchenzüge tragen die Signaturen der Gesellschaft in ihrer jeweiligen Zeit - im Generellen wie im Speziellen, im Berliner Club oder am Lagerfeuer in Gabun, wo Waldarbeiter ihren Affen braten. Heute sind die Mechanismen bekannt.

In Deutschland hören Politiker jetzt auf Virologen und Epidemiologen. Zwar redet man lieber noch nicht über weitere, gravierende Konsequenzen - wenn zum Beispiel Wasserwerker, Stromversorger etc. krankheitshalber ausfallen und diese Infrastrukturen zusammenbrechen. Die ergriffenen Maßnahmen sollen nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch diese hochsensiblen, existenziellen Einrichtungen schützen.  

Jetzt empfindet man die Einschränkungen als hart, und doch: Wir leben in guten Zeiten.